Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 15

schrank

Die Einrichtung war tadellos. Hochmodern und neu. Anders stand es um den Mann. Herr Poelchau war so weiß wie seine Laken. Seine Augen blutrot unterlaufen. Er sah aus wie ein verhungernder Vampir, der pestatmig in einer dunklen Kammer vertrocknete. Anna riss die Gardinen zurück und das einzige Fenster im Raum auf, woraufhin der Alte blinzelte und leise röchelte. Johann nahm seinen Hut ab. Es war ihm höchst unangenehm, hier zu sein. Zum einen war es erschreckend, zu sehen, wie der alte Poelchau abgebaut hatte, seit er sich damals auf der Straße für ihn eingesetzt hatte. Zum anderen war Johanns Anwesenheit alles andere als passend. Er hatte hier nichts verloren, hier, in diesem intimen Bereich der Unternehmerfamilie, wo er ein Außenseiter war, ein Eindringling, der aus Gründen, die er selbst nicht kannte, durch die Vordertür herein gelassen worden war. Unmittelbar drängte sich ihm das Gefühl eines Mannes auf, der zu viel gesehen hatte. Der in etwas reingeriet, aus dem es kein Entkommen gab. Eine Sekunde bäumte sich in ihm die Überlegung auf, rückwärts aus dem Raum zu fliehen. Aber der alte Poelchau richtete bereits die Augen auf ihn. Was darin weiß hätte sein sollen, hatte einen ungesunden Gelbstich.

„Guten Abend, junger Mann“, grüßte der Alte mit kurzem Atem. Er keuchte mehr als dass er sprach. Seine Anstrengung bei den kürzesten Sätzen war deutlich zu hören.

„Guten Abend.“

Der Greis blinzelte unablässig zu ihm rüber. Vielleicht sah er schlecht. Trotz der bedrückenden Stimmung im Raum, die ihn in die andere Richtung zog, ging Johann näher zum Bett. Anna setzte sich auf die linke Bettseite, um die Hand ihres Vaters zu halten, der es geschehen ließ, aber mit ihm, dem Gast, sprach.

„Meine Tochter hält es für wichtig, dass Ich Sie kennenlerne, Herr…“

„Zimmer, Johann.“

„Ahja.“ Der alte Poelchau hustete. „Schriftsteller sind Sie, sagte sie. Und Kritiker.“

„Ich schreibe Rezensionen. Theater.“

Was für ein seltsames Gespräch. Es hatte etwas ganz Falsches. So, wie es falsch war, dass Anna hier war. Wenn es eine Frau gab, deren Vater er kennenlernen wollte, so war es nicht sie. Dazu kamen die bizarren Umstände, unter denen das Treffen stattfand…

„Theater.“ Wieder hustete Herr Poelchau. „Sind Sie aus der Stadt? Ich kenne einen Friedrich Zimmer…“

„Nicht verwandt“, sagte Johann sofort. Er wurde in guten Gesellschaften häufiger nach einem Notar namens Friedrich Zimmer gefragt, manchmal mehrfach von den gleichen Personen. Die Leute konnten sich nicht damit abfinden, dass er keine Herkunft hatte, so gesehen ein Niemand war.

„Natürlich hast du eine Herkunft“, hatte Jovar ihm einmal gesagt. „Du kannst dich nur nicht, wie andere Leute, auf den Lorbeeren deiner Eltern ausruhen. Leute, die beides gleichsetzen, sind Idioten. Was interessiert dich ihre Meinung?“

„Wissen Sie, warum Sie hier sind?“, fragte der alte Poelchau. Gleich darauf sank sein Kopf unter Stöhnen in die Kissen.

„Ehrlich gesagt…“

„Weil Sie Kritiker sind.“ Er hatte den Kopf wieder hochgestemmt. Ein Blick, der unter anderen Umständen inspizierend gewesen wäre, drang Johann entgegen, verlor aber auf halbem Weg die Schärfe. Er wusste nicht, worauf der Alte hinaus wollte. Es konnte unmöglich um Theater gehen.

„Ich…“

„Sie wollen nicht mit meinem Sohn zusammenarbeiten. Er hat Ihnen Arbeit angeboten. Anna sagte mir, dass Sie ablehnen werden.“

Unter ihrem geflochtenen Zopf sah Anna Poelchau Johann ohne Schuldgefühl entgegen.

„Das stimmt. Ich dachte, ich wäre hier, um genau das zu tun. Allerdings…“

„Sie halten wohl nichts vom Geschäft mit dem Wunsch.“ Der alte Poelchau mochte krank sein. Nichtsdestotrotz verstand er es wie kein Zweiter, anderen das Wort abzuschneiden. Es störte Johann. Er sagte nichts, weil er, auch wenn es blödsinnig war, mehr Geduld für kranke Menschen aufbrachte als für gesunde.

„Ich weiß, dass Ihre Familie sich sehr für diese Art von Geschäft interessiert…“

„Sie wissen gar nichts.“ Diesmal war es Anna, die ihm harsch ins Wort fuhr.

Johann zuckte zusammen. Sie starrte ihn an, ohne einen Muskel zu bewegen.

„Aber mir wurde-„

„Bestimmt viel an Gerüchten zugetragen“, hustete der alte Poelchau. „Denn wir sind immer für ein Schwätzchen gut, nicht wahr?“

Ausnahmsweise war Johann froh über die Unterbrechung des Kranken. Er hätte fast, ohne es zu wollen, seinen Freund, den Arzt, verraten. Sein Schweigen war dem alten Poelchau Bestätigung genug. Anna verzog noch immer keine Miene.

„Sie müssen wissen, Herr Zimmer – ich bin Geschäftsmann. Natürlich interessiert mich zuerst einmal alles, was neu auf den Markt kommt. Es wäre unverantwortlich, sich nicht wenigstens zu informieren.“

„Bei allem Respekt“, entgegnete Johann. „Was Ihre Familie vorhat, geht doch ein bisschen übers Informieren hinaus.“

„Sie wissen scheinbar genau Bescheid.“ Poelchau hustete. Da war eine Brüskierung, etwas Aufmüpfiges in seinem Gerassel. „Dann sagen Sie mal: Was haben wir denn vor?“

„Vielleicht hätte ich nicht sagen sollen: Ihre Familie“, räumte Johann ein. „Vielleicht hätte ich sagen sollen: Ihr Sohn. Was er mir beschrieben hat, klang mir sehr nach Geschäft. Und ziemlich gezielt. Entschuldigen Sie, ich weiß nicht, was er mit Ihnen besprochen hat und möchte ihm nichts vorweg nehmen.“

„Sie meinen einen Untergrundhandel.“ Der alte Mann drehte den Kopf erschöpft im Kissen. Er hatte die Gelassenheit der Dahinsiechenden, nichts Beneidenswertes, aber angenehmer als sein hustendes Gepolter. Da war ein Rest Schroffheit in seinen Augen, gelb und krank, im einen Moment deutlich, im nächsten nach innen verdreht. Anna stand vom Bett auf und schloss das Fenster. Anstatt danach zum Bett ihres Vaters zurückzukehren, stellte sie sich wie ein Wächter neben Johann.

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 32

karussell

Mit Anna Poelchau an seiner Seite kam er leicht in das Kellergeschoss des großen Hafenhauses, in dem unter Grunde gehandelt wurde. Sie wussten nicht, was sie erwartete, umso weniger, seit der eigentliche Wunschladen seine Türen geschlossen hatte. Sehr wahrscheinlich war der Untergrundhandel, der sich so rapide und völlig ohne Regulierung ausgebreitet hatte, mit für das Dauerhaft-Geschlossen-Schild am anderen Ende der Stadt verantwortlich. In der Taverne war es weniger voll als sonst, was bestimmt der Tageszeit geschuldet war, doch je weiter Johann und Anna gingen, umso größer der Lärm, der ihnen entgegenschlug. Kein Wächter war da, um sie aufzuhalten oder zu kontrollieren. Sie waren die Treppe noch nicht halb hinunter, da verstanden sie, warum.

Im Kellergewölbe war die Hölle losgebrochen. Leute liefen konfus von hier nach da; ein Mann riss einer Frau an den Haaren, ihr Kreischen war nur ein Trillern im Getöse; Männer fassten sich an die Köpfe oder schlugen die Hände darüber zusammen; Papiere flogen; alles schrie durcheinander, unordentlich, unüberschaubar; die heiße, dicke Luft war übervoll von Fassungslosigkeit.

Der Markt brach zusammen.

Der Bürgermeister kauerte hinter dem leeren Pult und versteckte sich. Menschen gingen weinend in die Knie.

Wo ist Ihr Bruder?“, rief Johann entsetzt. Er hörte sich selbst kaum.

Dort! Dort!“ Annas Finger krümmte sich. Der Deut wies mitten in den Pöbel, wo mit Gedröhne und Radau markerschütterndes Aufhebens gemacht wurde, wo man vor fliegenden Armen und brüllenden Fratzen fast nichts sah. Aber dann sah Johann ihn doch. Fritz Poelchau in der Menge, sein teurer Anzug verrutscht, sein sonst so ordentliches Haar eine Ruine. Der wütende Mob lynchte ihn. Niemand kam ihm zur Hilfe. Ein Ort ohne Geborgenheit.

Voller Schrecken stellte Johann fest, dass er Recht gehabt hatte. Als ihm aufgefallen war, wie dicht diese wahrgewordene Dystopie an jene herankam, die er sich in seinem Buch ausgedacht hatte, war sein eigener Wunsch nahe an der Erfüllung gewesen. Dass Worte Wirklichkeit werden könnten hatte er sich immer erträumt. Er hatte schon davon geträumt, als Worte das einzige gewesen waren, was er gehabt hatte. Allerdings war es immer noch sein eigener Wunsch, der in ihm herangewachsen war. Und er merkte, dass er sich dagegen entscheiden konnte, glücklich über dessen Erfüllung zu sein. Dass er die Freiheit hatte, nicht einmal eine Sekunde lang froh zu sein.

Er merkte außerdem, dass Anna diese Freiheit nicht hatte. Als sie die panische Reue in den Augen ihres Bruders erkannte, der zu Boden gerungen worden war, dessen Gesicht sich schon gar nicht mehr ähnelte, begann sie glückselig zu lachen. Der Wunsch ihres verstorbenen Vaters hatte sich erfüllt.

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 31

blumen sw

Vangelika machte ihm morgens immer noch das Frühstück. Aber nie saß sie bei ihm, kam nie an seinen Tisch, wenn er die Zeitung las. Ihm stach ins Auge, wie unglücklich sie geworden war. Wie leer. Johann ordnete Teller und Besteck feinsäuberlich, las die Krümel auf und stellte sein Geschirr streng nach Gewohnheit zueinander. Als er Vangelika das Tablett brachte, wagte er einen Vorschlag. Er glaubte nicht daran, er hatte nur den dringenden Willen, zu helfen.

Vielleicht können Sie einen neuen Wunsch finden.“

Ihr Lächeln war ausgemergelt.

So leicht ist es nicht, Herr Zimmer. Vielleicht sind manche dazu in der Lage. Aber so leicht ist es nicht.“ Die Traurigkeit ihrer Augen war ohnmächtig und ansteckend. „Man gibt etwas von sich weg. Man bricht, ohne es zu wissen, ein Stück aus sich heraus.“

Johanns Blick wich Vangelikas Gesicht aus, dieser Verheißung von Ausweglosigkeit und Verzweiflung. Er sprang auf die Zeitung.

Wieder einer tot, den man in der Stadt gekannt hatte. Johann musste nicht lange überlegen, bis er den Namen jenem Mann zuordnen konnte, der ihn damals beleidigt hatte, dem Stadtrat, vor dem der alte Poelchau ihn in Schutz genommen hatte. Vielleicht war es Selbstmord. Die Rate wuchs und die, die man allgemein für am glücklichsten hielt, tendierten am ehesten dazu. Vielleicht war es auch Mord. Auch diese Rate stieg an, weil zunehmend mehr Menschen bitterlich auf Geld aus waren, mit dem sie ihre Wünsche bezahlen konnten. Die Preise dafür waren laut Zeitung ins Unermessliche gestiegen.

Im Theatercafé konnte Johann nicht mehr schreiben. Ihn störten die vielen Gäste, die bereits mittags zu trinken begannen. Er versuchte es trotzdem hin und wieder, weil er zu Hause in seiner Kammer genauso schlecht vorankam.

Dr. Lothar Olbers gehörte zu den Trinkern im Theatercafé. Als Johann zu ihm an den Tisch kam, saß er über einem Glas Cognac, mit aufgequollenen Tränensäcken und roter Nase, die Mundwinkel weit herabhängend wie bei einem Pantomimen.

Sie kommt nicht mehr wieder“, sagte er in sein Glas, ohne sein aufgedunsenes Gesicht zu bewegen. „Und ich wünsche es mir nicht mal mehr.“

Sein Anblick war zu beklemmend, als dass Johann ihm etwas hätte erwidern können.

Ich trinke nur einen“, sagte der Arzt. „Ich spare auf eine neue Bestimmung.“

Tollheit musste Johann getrieben haben, als er erwogen hatte, an diesem Ort auch nur einen einzigen Satz schreiben zu können. Dr. Olbers nahm keine Notiz davon, als Johann ging, er murmelte in sein Glas. In dem Augenblick, als Johann vor die Tür trat, seine Tasche mit Schreibsachen unter dem Arm, hüpfte ein Rabe vor ihm her, erschrak vor ihm und flog davon. Da erlangte Johann die sonderbare Gewissheit, dass es keinen Platz mehr für ihn gab, keine Stelle, die er aufsuchen konnte, keinen Ort von Geborgenheit. Und plötzlich fühlte er sich als Teil seiner eigenen Geschichte. Teil der Dystopie, die er selbst erfunden und niedergeschrieben hatte. Und Jovars Worte fielen ihm ein, als wären es die Worte einer Figur aus seiner Feder gewesen: Solche Sachen erlebt man genug.

Hätte er wirklich lieber etwas Schönes schreiben sollen? War ihm nicht immer die Dystopie viel wirklicher vorgekommen? Und war es nicht einer seiner großen, stillen Wünsche gewesen, mit seinen Worten die Wirklichkeit zu erfassen?

Er hielt seinen Weg für ziellos, bis er bemerkte, dass er ihn in die Nähe der Parheims geführt hatte. Er sah die Haustür, die sich öffnete, als er vorbei ging. Sein Herz sprang, als er einen Frauenrock nach draußen treten sah. Als sich aber die Frau darin zur Straße drehte, blickte er nicht Viktoria ins Gesicht, sondern Anna.

Herr Zimmer.“ Sie sah ihn, raffte ihren Rock und beeilte sich, zu ihm aufzuschließen. Diesmal lief er ihr nicht davon. Sie erreichte ihn mit aufgeblasenen und geröteten Wangen, schlecht in Form und wahrscheinlich im Glauben, mit einer Ausrede abgespeist zu werden, denn das Erste, was sie zu ihm sagte, war: „Ich gehe jetzt meinen Wunsch zurückgeben. Umtauschen, wenn ich kann.“

Er schwieg einen langen Moment. Anna war hager geworden, was ihr Gesicht noch garstiger machte. Ihr Kinn zog sich spitz in die Länge. Ihr Haar saß sehr straff. Ihre Stimme war das Gutmütigste, was Johann seit Langem gehört hatte.

Ich komme mit“, beschloss er.

Sie gingen durch viele Straßen, bis Johann auszusprechen wagte, was er vermutete.

Waren Sie bei Viktoria, um ihr den Wunsch wieder anzubieten?“

Anna versteifte sich im Gehen. Im Grunde hatte sie ihm damit schon geantwortet.

Ja.“

Dann weiß ich ja, was sie gesagt hat.“

Herr Zimmer,..“

Nicht. Es ist schon gut. Bitte, Fräulein Poelchau. Lassen Sie mich Sie begleiten. Ich will Sie diesen Weg nicht allein gehen lassen.“

Aber Sie wollen, dass ich ihn gehe?“

Johann versteifte sich im Gehen. Und auch für Anna reichte das aus, doch er sagte:

Ja.“

Sie gingen niedergeschlagen nebeneinander her, Verbündete in ihrer Einsamkeit, bis sie nur noch einen Steinwurf weit weg vom Geschäft mit der grünen Tür und der gleichfarbigen Gardine vor dem Schaufenster waren. Sie sahen es gleichzeitig, aber Anna war diejenige, die das Schild vorlas.

Geschlossen.“

Quer über die Tür. Geschlossen. Und darüber: Dauerhaft.

Vielleicht liegt es an der Konkurrenz“, sagte Anna hoffnungslos.

Sie wollten nicht, dass Ihr Bruder es mitbekommt“, vermutete Johann. Sein Blick haftete an der grünen Tür und dem Bronze-Schild. Dauerhaft geschlossen.

Anna schwieg. Dann hob sie den Kopf.

Vielleicht liegt es auch daran, dass die Leute nicht mehr genug Wünsche haben“, sagte Johann ihr ins Gesicht.

Ich werde hingehen.“ Sie sprach fast gleichzeitig.

Annas Entschlossenheit war spröde, zerrüttet von Furcht, doch Johann spürte, dass es reichen mochte, wenn er ihr half. Darum begleitete er sie. Sie mussten ins Hafenviertel, liefen ungefähr eine halbe Stunde zu Fuß, während der Johann mehrere Male die Befürchtung hatte, Anna würde gleich umdrehen. Sie schaute nervös neben und hinter sich und war dabei genauso abwesend und verkniffen wie an dem Tag, an dem sie ihm den Zettel mit der Adresse zur geheimen Wunschhöhle gegeben hatte.

Wovor haben Sie solche Angst?“ Schließlich fragte er sie.

Anna zwickte in den Stoff ihrer Jacke, drehte eine gesamte Hand um den Zeigefinger der anderen, verzog ihren Mund und rang mit sich.

Ich habe Angst vor fast allem“, gestand sie. „Aber am meisten vor der Zukunft.“

Vor Ihrem Bruder?“

Um meinen Bruder.“

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 30

garten

Er stand vor ihrem Haus. Es mochte Zufall sein. Wahrscheinlicher war, dass er unbewusst hierher gelaufen war. Es war Zeit, sie aufzusuchen und ehrlich mit ihr zu sprechen. Vielleicht war es zu spät. Vielleicht hatte er sie verloren. Aber wenn, dann musste es Poelchaus Schuld sein. Es durfte nicht seine eigene sein. Er durfte nichts unversucht lassen. Er musste die Wahrheit erfahren. Er klingelte. Die Haushälterin öffnete und bat ihn sofort herein, als er sagte, wer er war. Er wartete im Eingangsbereich, die Hände in die Manteltaschen geschoben, um nicht zu zerstreut auszusehen. Dabei war er so aufgewühlt, dass er sich selbst nicht mehr erkannte. Viktoria kam kurz nachdem die Haushälterin gegangen war. Sie machte große Augen, als sie die Diele betrat und Johann sich nach ihr umwandte. Wie zwei Monde, deren Licht ihn besänftigte, obwohl er wusste, dass er sich ihretwegen aufregen sollte.

Johann“, grüßte sie. Es musste gespielt sein. Zweifellos hatte ihre Angestellte ihr gesagt, dass er der Besucher war. Sie sah hinreißend aus. Ihr Kleid war dunkelrot und ganz schlicht, mit weißem Spitzenkragen. Johann zog die Hände aus den Taschen, ohne ihr eine davon zu reichen. Sie gab sich liebenswürdig und schenkte ihm das bestrickendste Lächeln. Aber weder ihr Charme noch ihr Äußeres lenkten ihn davon ab, dass sie ihn im Eingangsbereich empfing anstelle eines gemütlicheren Raumes, von denen dieses Haus garantiert viele hatte. Sein Urteil war voreilig, wie sich herausstellte, denn Viktoria holte ihn persönlich ab, dann aber führte sie ihn durch einen hellen Salon mit langen Fenstern und weißen Gardinen in einen Wintergarten mit gepolsterten Korbstühlen. Der eigentliche Garten, der im Lampenschein dahinter lag und in den sich durch das Glas blicken ließ, war wie verwunschen. Viel war schon verblüht, aber Johann bekam einen guten Eindruck davon, wie er im Frühling und Sommer aussehen musste. Viktoria bot Johann alle Annehmlichkeiten an, die ein Geschäftsmann einem Gast entgegenbrachte. Er nahm Tee mit einem Schuss Rum, aber er interessierte sich nicht für das Getränk. Die ganze Zeit beobachtete er Viktoria, ihre Bewegungen, ihr weltoffenes Gesicht. Ihre feine, spitze Nase, deren Flügel sich aufblähten, wenn sie ehrlich lachte und still blieben, wenn sie es spielte, aber meist spielte sie nichts vor.

Nachdem sie eine Weile saßen und Viktoria kurz davor war, Johann, der bislang nichts gesagt hatte, nach dessen Anliegen zu fragen, brachte er alles, was ihn quälte, in einem Wort auf den Punkt.

Fritz“, sagte er. Nicht mehr. Sein Blick war zu einem Starren geworden.

Viktorias Mondaugen verengten sich zu Sicheln.

Fritz? Was ist mit ihm?“ Sie saß ihm gegenüber, die Beine überschlagen. Wenn Johann sich vorbeugte, konnte er ihr Knie berühren. Trotzdem schien sie unendlich weit weg.

Wie konnten Sie sich auf ihn einlassen?“ Anstatt nach vorn, lehnte er sich zurück. Seine Sitzhaltung war elegant. Er wäre beispiellos gelassen gewesen, wäre sein Blick nicht immer noch streng auf Viktoria gerichtet. „Und wie konnten Sie sich auf das Geschäft mit dem Wunsch einlassen? Helfen Sie mir, es zu begreifen, Viktoria. Gerade sind Sie mir der fremdeste Mensch auf der Welt und eigentlich hatte ich nach unserem Gespräch im Park geglaubt, wir würden einander verstehen.“

Johann redete ruhig und energisch. Viktoria nickte geistesgegenwärtig.

Warum kommen Sie nicht mehr zu den Treffen im Theatercafé?“, fragte er, bevor sie antworten konnte. Sie lächelte ausweichend und zur selben Zeit bedingungslos ehrlich.

Ich bin lange nur Ihretwegen zu diesen Treffen gegangen.“ Ihre Direktheit glich einem Stoß vor die Stirn. Er wollte ihr nicht glauben, aber ihr Selbstbewusstsein ließ ihm keine andere Wahl. Sie log nicht. Sie saß da mit ihrem Spitzenkragen und ihren Löckchen, sah aus wie ein Mädchen, aber fuhr fort wie ein höflicher Herr, der seine verletzte Verehrerin abwimmelte. „Aber Sie müssen doch einsehen, dass solche Träumereien kindisch sind. Dass sie schön sind, solange man sie sich ausmalt, aber nicht in der Wirklichkeit bestehen können. Solche Träumereien halten uns beide nur auf. Sie sind ein kluger und begehrenswerter Mann, der völlig Recht hat, dem Geschäft mit dem Wunsch gegenüber kritisch eingestellt zu sein.“ Johann wollte sprechen, aber ihre Finger schossen gestreckt nach oben und geboten ihm Einhalt. „In meinem Fall war es eine Handlung aus Vernunft. Ich konnte nicht riskieren, dass durch einen kindischen Wunsch meine berufliche Zukunft und alles, mein Leben, wie ich es führen will, gefährdet wird. Das müssen Sie doch verstehen. Sie haben es selbst gesagt, Johann, Sie denken selbst immer an Ihre Arbeit. Mein Traum und die Wirklichkeit hätten mich zerrissen.“

Man hätte Johann malen können, so unbewegt saß er da.

Ich hab es selbst gesagt“, flüsterte er halb durchdringend, halb inhaltslos. Hatte er nicht. Aber er wusste, was sie meinte. „Das ist es…? Nur weil ich…? Wenn Ihr größter Wunsch etwas mit Liebe zu tun hatte und nicht mit Geschäften, hätten Sie vielleicht die andere Idee verwerfen sollen und nicht zulassen, dass Fritz Poelchau Ihr Verlangen danach, bei mir zu sein, wie Zweitware an seine Schwester weiterreicht.“

Auch er sprach sehr direkt. Viktorias Züge glätteten sich.

Ja“, schnappte sie. „Das Herz schreit lauter als der Verstand. Aber das Herz beleidigt den Intellekt.“

Ach komm!“ Johann reagierte scharf und herausfordernd, bäumte sich im Stuhl auf und ließ sich mit wegwerfender Handbewegung zurückfallen.

Übrigens ist Anna sehr unglücklich, weil du sie nicht liebst und ihr keine Chance gibst.“ Viktoria nahm seinen Tonfall nicht an, sehr wohl aber den Wechsel der Anrede. Gleichzeitig wechselte sie das Thema und redete plötzlich derart unpassend über Anna, dass Johann in den Stand schoss. Er ertrug es nicht länger, war zu aufgeregt, zu ärgerlich, um zu bleiben und warf Viktoria, die ihn fragend anfunkelte, im Gehen polemisierend seine Antwort hin.

Dann sollte ich wohl einen ihrer Verehrer anbetteln, mir ein bisschen von dem Willen, sie zu nehmen, abzuzwacken.“

Also Johann!“ Viktoria drückte sich aus dem Korbstuhl und folgte ihm entrüstet. Sie versuchte, ihn aufzuhalten. Er entwand sich ihrem Griff nach seinem Arm und floh wie der ungewollte Geliebte, als den sie ihn behandelt hatte. Als sie ihm seinen Namen hinterher rief, drehte er sich nicht einmal um.

Vertröstungen, Erklärungen, Schönreden. Viktoria hatte ihr Leben korrigiert. Sie hatte es getan, indem sie ihn herausgestrichen hatte. Eine Kürzung, die ihn in ihrer Herzenskälte umbrachte, aber nicht halb so sehr wie das Wissen darum, wie viel er verloren hatte. Wie viel er folglich vorher gehabt hatte, ohne es zu wissen. Es gab keinen Trost, keine Ablenkung für dieses Gefühl, das wie ein gefräßiges Loch in seiner Brust klaffte und immer mehr von ihm verschlang. Wenn es überhaupt jemanden gab, der ihm so etwas wie Beistand leistete, dann war es sein Freund Jovar Findelson, der ihm vielleicht den Kopf geraderücken konnte. Jovar sprach unangenehme Wahrheiten aus, die einem nicht sofort, aber auf lange Sicht halfen. Und er war der Einzige, den Johann kannte, der sich nicht vom Wunschgut hatte korrumpieren lassen. Aber heute hatte Findelson keine Aufmunterung für Johann.

Es wird Zeit, wie die Vögel nach Süden zu gehen“, sagte er. „Hier ist es zu kalt geworden.“

Hier ist es zu kalt geworden“, sagte Johann zu sich selbst.

Er stand noch lange im Park, nachdem Jovar gegangen war. Er stellte sich vor, dass sein Freund es an wärmere Orte schaffte und Falschgeld unter die Leute brachte. Johann hingegen kehrte auf sein Zimmer zurück. Dort sperrte er die Welt aus. Unter seiner Post, die Vangelika ihm unter der Tür durchgeschoben hatte, war auch eine Einladung zu einem neuen Theaterstück. Das Geschäft mit dem Wunsch.

Nein“, lachte er. Er zerriss den Brief. „Darüber schreibe ich nicht.“ Dann weinte er.

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 29

schwarze-klmotte

Der junge Herr hatte sich mittlerweile nach vorn durchgezwängt und – da war er. Fritz Poelchau. Er schüttelte dem Jüngling die Hand, ein Ehrenmann in schwarzer Garderobe, nur das Beste für ihn, und hielt sich doch nicht lange mit seinem Kunden auf. Ein paar Worte, gesprochen mit scheinheilig bedeutsamen Augen, dann wandte er sich dem nächsten begeisterten Käufer zu und wiederholte das Spiel. Er lächelte das ausgebreitete Haifischlächeln, das Johann von ihm kannte. Sobald er sich unbeobachtet glaubte, wurde seine Miene hart.

„Poelchau!“, rief Johann, der begann, sich zur Empore durchzuquetschen. Er wurde mehrfach von Körpern zurückgeschoben. „Fritz Poelchau!“ Die Körper verschlossen sich absichtlich vor ihm, damit er sie nicht überholte. Es war ungemütlich und sehr eng, deshalb war er trotz der wenigen Meter außer Atem, als er Fritz schließlich mitten in den Weg trat. Poelchau sah hochoffiziell aus. Er schien Johann um einen Kopf zu überragen, als er auf ihn herabschaute. Die Augen zusammengekniffen, schob er den Mund auf – wahrscheinlich erkannte er Johann schon nicht mehr. Leute wie Poelchau konnten sich an jeden erinnern, der ihnen nützte, und vergaßen jeden, der seinen Nutzen aufgebraucht hatte.

„Johann Zimmer. Schriftsteller“, rief Johann ihm ins Gedächtnis.

Poelchau blinzelte.

„Ich weiß, wer Sie sind“, erwiderte er schleppend, holte dann mit einer großen Geste aus und überspielte seine Verblüffung. „Der Schriftsteller, der für keinen Poelchau zu haben ist.“

Johann verschluckte seine Antwort.

Poelchaus ausholende Geste mündete in einem schwachen Schulterschlag auf dieselbe Stelle, die der Wächter vorhin getroffen hatte. Ganz so nebenher wie er tat, geschah es nicht, denn er nutzte die Bewegung, um Johann mit sich zu schieben. Er ging in Richtung der Treppe.

„Begleiten Sie mich nach oben? Sie wollen doch nichts kaufen, oder?“

„Nein, ich-„

„Sehr gut, sehr gut. Dann kommen Sie. Hier unten kann man sich nicht unterhalten.“

Johanns Kiefer spannte sich. Fritz Poelchau empfing ihn mit aufgesetzter Freundlichkeit, er behandelte ihn wie einen alten Kameraden, über dessen Besuch er sich freute, aber er fiel ihm ins Wort wie einem Diener, der von Vornherein nicht das Wort an seinen Herren zu richten hatte.

„Zunächst“, hob sich Purnhagens Stimme über alle anderen. „Der Wunsch nach Reichtum.“

Die Versteigerungen gingen ohne Poelchau weiter, der auf der Hälfte der Treppe nach oben einen Blick zurückwarf. Wie der König blickte er auf sein Land. Stolz, selbstherrlich. Johann sah in ihm keinen König, höchstens einen Thronräuber, und sein Land war ein heilloses Durcheinander herumirrender Seelen. Und vielleicht war er auch nur ein Lakai des eigentlichen Wunschladenbesitzers, dieses Erebos, der personifizierten Finsternis, von dem Johann nichts mehr gehört hatte, seit er wie ein Steckenmann über des alten Poelchaus Sterbebett gestanden hatte. Im Zwischenraum, der den Schanksaal mit dem Treppenflur verband, saß jetzt der Mann, der Johann auf dem Weg nach unten auf seinen Hut angesprochen hatte. Er und Poelchau tauschten einen Blick, als der Unternehmer seinen Besucher, die Hand noch in dessen Rücken, in Richtung des Gastraums lenkte. Johann wartete darauf, dass Fritz stehen blieb, damit er ihm die Meinung sagen konnte. Es war ihm egal, ob sein Wächter oder irgendjemand sonst es mitbekam. Aber wie immer sprach Poelchau zuerst.

„Ich finde es zugegeben höchst interessant, dass Sie hier auftauchen, Zimmer. Leider bin ich viel beschäftigt und habe keine Zeit für lange Unterhaltungen. Ich würde Sie gern zum Essen einladen. Bedauerlicherweise ist es mir nicht möglich, da ich davon ausgehen muss, dass Sie ihren Wunsch, mir die Frau abzulisten, immer noch besitzen.“

Johann blieb abrupt stehen. Er verharrte genau im Durchgang zwischen dem kleinen Nebenraum und der Schankhalle. Seine Augen blitzten unkontrolliert. Er stand kurz davor, Poelchau anzufallen. Sein Gesicht eine wütende Grimasse, richtete er sich ihm zu. Anstelle es zu tun, sprach er es aus:

„Im Augenblick sieht mein größter Wunsch eher so aus, dass ich Sie grün und blau prügle“, sagte er scharf, hingebungsvoll hassend, spie es fast. Aber Fritz schlug ihm lachend auf die Schulter, fest auf die Stelle, die noch von vorher schmerzte. Er schlug ihn mit Eintracht, unter der Aggression lauerte.

„Sehen Sie, Freund, so wechselhaft sind die großen Wünsche des Menschen. Warum nicht den ein oder anderen weggeben?“

Im Hintergrund hatte sich der Wachmann erhoben. Er rückte drohend näher.

Die Spannung niederer Gelüste zog sich von Johanns Faust durch seinen gesamten Unterarm, und nicht die Gewissheit, dass er einen Kampf verlor, wenn er ihn begann, hemmte ihn, sondern der kurz in ihm aufflammende, kluge Gedanke, dass er, wenn er Fritz Poelchau jetzt schlug, keine Anerkennung dafür bekäme und nichts gewänne, nicht das Geringste. Aber er verlöre vielleicht Viktoria. Deshalb drehte er sich um, bevor er Fritz tatsächlich noch die geballte Faust ins Gesicht schlug, damit dessen Aristokratennase genauso gebogen verwuchs wie die seines Wachhundes.

„Das wird für sie nicht gut ausgehen“, knurrte Johann im Gehen. Fritz hörte es noch und lachte ihm höhnisch hinterher.

„Sie sollten sich schöne Dinge wünschen“, rief er. „Das ist gesünder für Sie, Zimmer!“

Die hochtrabende Stimme Poelchaus verfolgte Johann. Er stürmte aus dem Haus und ging ziellos umher, eine Stunde, anderthalb, aber er wurde seine Wut nicht los. Er hatte Fritz nicht zur Rede gestellt. Stattdessen hatte er sich von ihm verspotten lassen und die Gelegenheit nicht wahrgenommen, dem Kiefer dieses Betrügers eine neue Form zu geben. Wer hatte wessen Frau abgelistet? War es nicht Fritz gewesen, der seine eigene Schwester missbraucht hatte, um Viktorias Wunsch auf Anna abzuladen? Hatte nicht er Viktoria überredet, sich zu entblößen? Das abzulegen, was sie an Johann gebunden hatte? Den Wunsch nach Liebe, der ihrem Geschäftsdenken im Weg gestanden hatte. Viktoria! Wie hatte sie das tun können!? Johann schämte sich für seine Gedanken. Er wusste, dass sie nicht richtig waren. Dass er ihr Unrecht tat, wenn er über sie dachte, als wäre sie überhaupt irgendjemandes Eigentum. Sie gehörte weder Fritz noch ihm. Aber wie hatte sie das tun können?

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 28

steingesicht

Er war die Treppe noch nicht zur Hälfte unten, als jemand ihn von hinten anrempelte. Überrascht drehte er sich um und begegnete einem gehetzten Männergesicht mit fleischigen Lippen und einer Nase, die aussah, als wäre sie mehrfach gebrochen gewesen und schief wieder zusammengewachsen. Der Mann war außer Atem. War er ihm nachgelaufen?

„Ihr Hut stammt wohl noch aus anderen Zeiten?“, sprach der Fremde Johann an, wobei er ihn überholte.

Johann blieb auf der Stufe stehen, vor den Kopf gestoßen, zur anderen Hälfte argwöhnisch belustigt.

„Was geht Sie das an?“, entgegnete er, aber sowie sich die Miene des Fleischgesichtes auf eine Weise verfinsterte, die über Kränkung hinausging, fügte er erschrocken hinzu: „Immerhin sollten Sie sich nur für reife Äpfel interessieren. Besonders im Abendrot.“

Ein Moment der Anspannung stand zwischen ihnen. Er war unendlich lang. Der Mann mit der gebrochenen Nase fixierte Johann brütend. Dann hob er die Faust.

„Ich habe auch gegen gute alte Melonen nichts einzuwenden“, behauptete er und schmetterte seine Faust kameradschaftlich gegen Johanns Schulter. Er musste am Treppengeländer Halt suchen, damit der Schlag ihn nicht umwarf. Er lachte noch erzwungen, als der Fremde die Treppe wieder hoch ging, obwohl es gerade noch so ausgesehen hatte, als wolle er schnell nach unten.

„Das war es also“, dachte Johann, während er sich die schmerzende Schulter rieb.

Wenn du angesprochen wirst, antworte etwas, irgendetwas, aber ergib keinen Sinn.

Um ein Haar hätte er die Losung am Eingang verpfuscht. Für kurze Zeit war sein Rausschmiss beängstigend greifbar gewesen. Und er wäre umso heftiger gewesen, weil der Aufpasser offenbar seine Stellung verlassen hatte. Er hatte ihn erst wieder einholen müssen. Es war nicht Johanns Schuld gewesen, aber wäre er erwischt worden, er hätte nichtsdestotrotz umso mehr nach einem Eindringling ausgesehen. Er spürte kurzen Ärger über Anna in sich aufsteigen. Warum hatte sie ihn nicht besser gewarnt? Wäre es so schwer gewesen, ihre Nachricht mit einem einfachen Satz zu erläutern? Fast wäre alles schief gegangen. Doch er hatte es geschafft. Er war bis in Poelchaus laute, hitzige Hölle vorgedrungen, und was er sah, nahm ihn gleichzeitig gefangen und schockierte ihn unvorstellbar.

Es ging schlimmer zu als auf dem Viehmarkt. Schwitzende Leiber stießen sich gegenseitig aus dem Weg, Frauen standen mit gereckten Hälsen auf den Tischen, Männer rissen ihre Hände, Kopfbedeckungen oder Geldscheine in die Höhe, überboten, überschrien und bekämpften sich. Und über ihnen allen, hinter einem Podest auf einer Empore an der Stirnseite der Halle, ragte ein großer Mann mit völlig lachhafter Perücke auf. Seine breiten Schläfen glänzten im gelben Licht. Generell waren seine Züge sehr breit und gerade. Er hatte mehr von einem Bandenanführer als von einem Richter, daran konnten auch sein albernes Kunsthaar und der Hammer, den er hielt, nichts ändern. Johann erkannte ihn. Das war Heinrich Purnhagen, ein Freund von Poelchau, dem drei oder vier Häuser im wohlhabenden Stadtnorden gehörten. Purnhagen und Poelchau waren ein gemeingefährliches Duo, zwei skrupellose Narzissten, die einen Menschen nur nach den Vorteilen bewerteten, die es ihnen einbrachte, ihn zu kennen. Johann hatte die ein oder andere abendliche Zusammenkunft der beiden beobachtet, wenn sie sich betranken und vergaßen, dass sie erwachsene Männer waren. Sie benahmen sich auf unmögliche Weise, die andere ruiniert hätte, nur konnten sie es sich erlauben. Sie waren mächtig genug. Wer in der Welt von Kultur und Klasse herrschte, bestimmte die Regeln, war aber nicht zwingend daran gebunden. Der kindlich spottende Heinrich Purnhagen, der säuselnd im Arm seines Freundes hing, war als Vorstellung ähnlich lächerlich wie das Bild, das er mit seiner Lockenperücke abgab, allerdings war der Mann hier und jetzt todernst. Er setzte sich mit ein paar Hammerschlägen, mit gehobenem Kinn und ein paar gezielten Rufen über den Lärm der Bieter hinweg, als verträte er das leichteste Geschäft überhaupt.

„Zunächst“, rief er jedesmal, wenn er etwas Neues feilbot. Dann formulierte er einen Wunsch und die Hände schossen hoch, boten viel oder wenig. Johann konnte nicht sagen was viel war und was wenig. In solchen Kategorien konnte man Wünsche nicht messen. Vor allem nicht, wenn sie lose, ohne Eigentümer im Raum hingen. Johann verdrehte den Hals und suchte. Von Fritz Poelchau keine Spur.

„Zunächst“, rief Purnhagen, stach sein Kinn in die Luft und hob den Hammer, als ob er schon wüsste, dass der nächste Handel schnell über den Tisch ginge. „Der Wunsch, eine lebendige Frau zu haben.“

Ein Geäst von Händen schoss aufwärts und zwischen diese kahlen Bäume aus Fingern wurden Zahlen gerufen. Johann glotzte begriffsstutzig auf zwei Herren in neuartiger Kleidung, die sich gegenseitig hochboten. Einer von ihnen gab ziemlich schnell auf und zuckte die Achseln.

„Die nächste Runde gehört mir“, tröstete er sich und seine Umgebung. Er überließ dem anderen den Wunsch für einen Preis, der weit unter vielen lag, die vorher für andere Wünsche geboten worden waren. Purnhagens Hammer knallte dreimal aufs Pult.

„Verkauft für Hundertfünfzig“, schnarrte er.

Vorbeigehende Leute stießen Johann an, der versteinert auf der Stelle stand.

„Zunächst“, rief vorn Purnhagen.

Den Rest verstand er nicht. Er zwängte sich fremdgesteuert an einigen Spekulanten vorbei, von deren Gespräch er ebenfalls nichts verstand. Der Wunsch, eine lebendige Frau zu haben. Johanns Hand streckte sich vor seinen eigenen Augen nach dem Arm desjenigen Mannes, der gerade die Auktion für sich entschieden hatte. Der andere drehte sich um. Er hatte sehr junge Augen, blond gewelltes Haar und einen dünnen Oberlippenbart. Hätte er diesen Bart nicht gehabt, er hätte ausgesehen wie ein Kind.

„Eine lebendige Frau, was hat das zu bedeuten?“, hörte Johann sich fragen. Er klang höflich, dabei ging eigentlich anderes in ihm vor, er konnte es nur nicht einordnen.

„Sind Sie neu hier?“ Der junge Herr klang feinsinnig, sehr geckenhaft, aber er erwies sich als auskunftsfreudig. „Das war ein Schnäppchen! So geht das hier ständig. Kurzes Glück.“

„Kurzes Glück?“ Johann wiederholte mit starren Zügen ausschließlich das, was der andere vorher gesagt hatte. Damit er nicht nur dastand und sein Gegenüber anstarrte, nahm er den Hut ab und strich sich über den Kopf.

„Kein großer Wunsch. Unmittelbare Zufriedenheit.“ Als der junge Herr Johanns Blick sah, furchte er die Stirn und hielt ihn wahrscheinlich für stumpfsinnig. Er schnalzte mit der Zunge und rief: „Meine Frau ist am Leben! Bei bester Gesundheit. Zack! Wunsch erfüllt.“

Der Ekel, der Johann überkam, kam nicht überraschend. Er hatte sich angeschlichen, und jetzt, wo sich seine Befürchtung bewahrheitet hatte, breitete er sich aus wie eine Krankheit, die man kommen spürte, ohne sie aufhalten zu können.

Der junge Herr kämpfte sich zum Podest durch, um sein Geschäft abzuschließen. Johann blieb in der unruhigen Menge zurück und traute sich nicht, seinen Gedanken zu Ende zu denken. Aber wie sein Ekel und wie eine Krankheit, war auch sein Denken unaufhaltsam. Selbst wenn er sich dagegen wehrte, führte sich der Gedanke, der ihn in den Krallen hatte, von selbst fort. Der Wunsch nach einer lebendigen Frau. Wenn es in dieser heillos befallenen, von der Moral verlassenen Stadt auch tausende von Menschen gab, kannte Johann doch mindestens einen, dessen größter und qualvollster Wunsch es war, dass seine Frau noch am Leben wäre.

„Nein“, sagte sich Johann borniert. Er weigerte sich, zu glauben, dass Lothar Olbers so etwas täte. Er würde Hilenas Andenken nicht auf diese Art beschmutzen. Die niederschmetternde Wahrheit war, dass Johann sich nicht mehr sicher war. Er redete sich ein, dass sein Freund der Arzt über diesen Dingen stand, aber im Geheimen glaubte er, es besser zu wissen. Der Wunsch nach Hilena war Dr. Olbers‘ Ausdruck für ihr gesamtes gemeinsam verbrachtes Leben gewesen. Für seine Liebe zu ihr. Konnte das wirklich sein? Konnte es sein, dass er sich dadurch Erleichterung verschafft hatte, das einzige wegzugeben, was in seinem Leben noch Gewicht hatte? Stand es wirklich so schlecht um sie alle, dass dies geschehen konnte? Denn wenn es so war, war diese Stadt verlorener als Johann befürchtet hatte und er war bei seiner Einschätzung weiß Gott nicht zimperlich gewesen. Und war es mit Vangelikas Wunsch genauso gelaufen, hier, in dieser Höllengrube? Die Vorstellung war entsetzlich. Wünsche, die anderer Leute Leben bestimmt hatten – rausgeschmissen für einen billigen Rausch. Übergeben mit verbindlichstem Handschlag an Gecken wie diesen blonden Jüngling, der vom Leben noch nichts verstand, aber sich allerselbstverständlichst das anderer Leute aneignete.

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 27

wein

Eines Abends, nachdem Johann den sturzbetrunkenen Doktor Olbers im Theatercafé gefunden und nach Hause gebracht hatte, beschloss er, dass es für ihn, wenn er seine eigene Ideologie nicht verraten und verlieren wollte, nur eine Möglichkeit zu handeln gab. Er musste zu Fritz Poelchau gehen und ihn zur Rede stellen. Er musste ihn bekämpfen. Und es existierte wiederum nur ein Weg, herauszufinden, wo er und sein geheimer Untergrundhandel sich versteckten. Zuerst hatte er warten wollen, den Unternehmer vor seinem Haus abfangen. Aber damit war er nicht tief genug drin. Er musste hinein, es mit eigenen Augen sehen. Das Geschäft mit dem Wunsch. Er musste die feindliche Welt kennen, gegen die er in den Krieg zog.

Anna Poelchau war erstaunt, ihn zu sehen. Auch wenn es gegen alles sprach, was er sonst dachte, konnte Johann für sein Vorhaben nur hoffen, dass sie damit gewartet hatte, ihren Wunsch nach Romantik zurückzugeben. Sie hatte ihm damals hinterhergerufen, dass sie es tun würde, aber noch lange nach diesem Nachmittag waren ihre Einladungen bei ihm eingegangen. Die letzte vor drei Tagen. So, wie sie die Augen aufriss, als sie Johann sah, hatte sie trotz all ihrer Bitten nach einem Gespräch nicht damit gerechnet, dass er kam.

„Anna.“ Er ließ ihr keine Zeit, die Situation zu lenken, sondern appellierte gleich eindringlich an sie, als sie an die Tür kam. Die Haushälterin hatte sie geholt, anstelle Johann hereinzubitten. „Ich weiß, dass ich Ihnen hundert Entschuldigungen schulde. Ich habe Ihnen nicht nur Unrecht getan, sondern auch vernachlässigt, worum Ihr Vater mich gebeten hat. Aber um es wiedergutzumachen, brauche ich Sie.“ Gespannt und nervös beobachtete Johann, wie seine Worte, seine Behauptung, auf Anna wirkten. Sie musterte ihn versonnen unter gerunzelter Stirn. Ihr Mund war ein Stück geöffnet, durch das sie Luft sog.

„Hassen Sie mich. Seien Sie böse auf mich“, drängte er weiter, bevor sie dazu kam, zu sprechen. „Tun sie beides und zu Recht. Aber tun Sie es später! Sie müssen mich zu Ihrem Bruder bringen. Zu seinem Geschäft. Helfen Sie mir. Ich vergesse es Ihnen nie.“

Er trug bewusst dick auf, in der Hoffnung, auch dann zu Anna durchzudringen, wenn sie ihre Faszination für ihn bereits verloren hatte. Sie starrte ihn an ohne zu blinzeln. Sie sah aus wie ein eigenwilliges Insekt und nichts an ihr gab Aufschluss über ihr Inneres.

„Anna“, sagt er, als sie immer noch nicht antwortete. Er wurde verzweifelt. „Anna, hören Sie mich?“

„Natürlich höre ich Sie. Ich bin nicht taub.“

„Ich weiß, ich bitte Sie um viel…“

„Warum?“

„W-ie?“

„Warum wollen Sie dahin? Wollen Sie einen Wunsch handeln?“

„Was? Gott, nein!“ Johann fasste sich mit wilder Miene an den Kopf, wo sein Hut saß. Er wollte noch etwas sagen, aber Anna riss das Wort an sich.

„Schwören Sie es!“ Ihre Verbitterung war betörend. Seit er sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie kantig und langgesichtig geworden. Das war sie vorher schon gewesen, aber es war kein Vergleich zu jetzt. Groll, Schwermut und Frust hatten sie entstellt.

„Ich schwöre es“, versprach Johann erschüttert. „Das wäre das Letzte, was ich täte. Anna, helfen Sie mir, Ihren Bruder aufzuhalten, oder nicht?“

Er wusste um das Risiko, das er einging. Es hieß nicht umsonst, dass Blut dicker war als Wasser. Annas erschreckende Verdrossenheit brachte allerdings auch eine gewisse Sicherheit mit sich. Sie war selbst ein Feind des Geschäftes mit dem Wunsch und damit automatisch eine Verbündete Johanns. Anna konnte sich ihre Mitstreiter nicht aussuchen. Dafür war ihr gemeinsamer Gegner zu stark.

„Warten Sie hier.“

Als sie ihm aber die Tür vor der Nase zuschlug, zweifelte er an seiner Gewissheit. Er sollte warten. Worauf? Er hatte ihr seine Pläne offenbart. Wollte sie ihn unterstützen, oder war sie dabei, nach jemandem zu rufen, der ihn festhalten würde? Seine Menschenkenntnis sagte ihm, dass er bleiben sollte. Seine Vorsicht riet ihm, zu gehen. Aber wohin? Ohne Anna hatte er nicht den geringsten Anhaltspunkt. Er musste das Risiko eingehen. Ohne Risiko gewann man keinen Krieg. Die Hände in den Manteltaschen, ging Johann vor dem Haus der Poelchaus auf und ab, immer in Alarmbereitschaft. Er hielt sich abseits der Tür, falls jemand anderes als Anna öffnete. Irgendein Handlanger, den sie beauftragt hatte, ihn zu packen.

In seinem Kopf hörte er Jovars Stimme, die ihn „ein wenig paranoid“ nannte.

„Das machen deine Dystopien“, behauptete sein Freund manchmal. Vielleicht nicht ganz zu Unrecht, musste Johann sich eingestehen.

Die Tür schwang auf. Annas abwesend blickende Augen und ihr verkniffener Mund erschienen, und ihre Hand, die sich nach draußen schob und ihm einen zusammengefalteten Zettel hinhielt.

„Hier“, trieb sie ihn an. Ihre Schultern waren eingezogen, als wäre sie von derselben paranoiden Unruhe befallen.

Johann schnappte den Zettel. Sofort vergrößerte er den Abstand zur Tür wieder.

„Das haben Sie nicht von mir.“ Ein paar Herzschläge lang sah Anna ihn so traurig an, dass es ihm wehtat. Als er sich betreten bedankte, schloss sie die Tür.

Er kannte die Adresse auf dem Zettel. Es war ganz in der Nähe des Waisenhauses, in dem er aufgewachsen war. Das brachte Johann auf die Idee, Jovar mitzunehmen. Je länger er darüber nachdachte, umso verlockender wurde es, aber umso mehr sprach dagegen. Angefangen damit, dass er ihm nicht erklären wollte, wie er überhaupt in diese Situation geraten war. Endend damit, dass Findelson nicht in der Lage war, auch nur irgendetwas mit dem notwendigen Ernst zu behandeln. Deshalb suchte er die Adresse, die Anna ihm auf das kleine Stück Papier geschrieben hatte, allein auf. Es stand noch etwas auf dem Zettel, was er nicht deuten konnte:

Wenn du angesprochen wirst, antworte etwas, irgendetwas, aber ergib keinen Sinn.

Warum sollte er das tun? Was verlangte Anna da von ihm? Sollte das eine Art Tarnung sein oder wollte sie ihn bloßstellen? Sollte er sich dadurch schützen, verrückt zu spielen?

Er fand das Haus inmitten eines Wohngebietes in der Nähe des Hafens. Von außen sah es aus wie ein großes Wohnhaus oder ein Handelskontor, aber wenn man es betrat, stand man in einem riesigen Schankraum. Es ging bunt zu. Die Räume waren weitläufig, die Tische groß, das Dachgebälk hoch. Hier suchte Johann gar nicht erst nach Fritz Poelchau. Er war sich sicher, dass er unten war. Im Keller des Gebäudes hatte sich früher ein Hurenhaus verborgen, das wusste er noch, er erinnerte sich an die Geschichten aus seiner Jugend. Einmal hatte ihn sogar eines der Mädchen, mit dem er im Heim aufgewachsen war, hinuntergeführt. Er hatte erst später begriffen, dass sie dort gearbeitet hatte. Poelchau musste sich dort eingenistet haben, um von dort aus seine Spekulationen mit den Leben fremder Menschen anzutreiben. Der Schrankraum im Erdgeschoss war auch früher schon da gewesen. Er war immer noch genauso voll wie damals. Hauptsächlich Leute vom Hafen und Angestellte aus der Stadt in den unterschiedlichsten Ausführungen. Dazwischen hatte sich der ein oder andere wohlhabende Kaufmann verirrt und verhielt sich nicht besser als die anderen. Überall brannte gelbes Schummerlicht, Leute tranken und rauchten, stritten, lachten und vergaßen ihre Sorgen. Zumindest gaben sie sich Mühe. Johann bestellte nichts. Er folgte dem breiten Mittelgang. Kurz vor dessen Ende drückte er sich an den Tischen einiger munter durcheinander brüllender Arbeiter vorbei, die ihre Stühle über das gesamte Eck verteilt hatten. Rechts ging ein Nebenzimmer ab, in dem weniger los war. Dahinter lag ein Flur und darin die Treppe in den Keller. Niemand hielt ihn auf oder beachtete ihn auch nur. Ihm drängte sich die Befürchtung auf, dass er falsch war. Auf dem Papier, das er von Anna hatte, stand ganz klar Untergeschoss. Hatte sie ihn absichtlich hierher gelockt? War der Keller vielleicht immer noch ein großes Hurenloch? Sollte er deshalb sinnloses Zeug antworten, wenn jemand auf die Idee kam, ihn anzusprechen? So konnte doch unmöglich Anna Poelchaus Rache aussehen…

Johann erschrak vor dem Gefühl, getäuscht worden zu sein. Andererseits wusste er es nicht sicher und herausfinden konnte er es nur, wenn er weiterging und sich überzeugte. Der Keller hatte fast den gleichen Umfang wie das überliegende Geschoss. Auch hier waren die Decken verhältnismäßig hoch, warme Lichter flackerten und Menschen schrien durcheinander. Aber, anders als oben, saßen sie nicht an Tischen. Sie drängelten sich aneinander, rissen die Arme über die Köpfe und riefen. Jeder wollte der Lauteste sein. Johann war mitten ins Herz einer Versteigerung geraten.

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 26

kinderwagen-puppe

Seine Ermattung und gleichzeitige Schroffheit beirrten Vangelika. Sie spielte nervös mit ihren Händen und zögerte.

„Es wurde darüber geredet, dass der Doktor seine Frau so vorgefunden habe. Dass sie sich an seinen Medikamenten vergriffen habe und er sie selbst nicht heilen konnte…“

„Wo haben Sie das gehört?“

Vangelika zog den Kopf zurück, als Johann vom Ausgang ab und auf sie zu rückte.

„Sie wissen doch…meine Gäste. Es wird viel Gerede gemacht. Frau Schütt aus Zimmer zwei…ich habe gehört, Frau Olbers soll im Laden der Wünsche gewesen sein. Sie hat den Verkäufer angefleht, dass er ihr ihren Wunsch zurückgibt. Ich weiß nicht, welcher es war. Aber er war wohl nicht mehr da….“

Johann musterte Frau Engeling scharf. Etwas an ihrem Verhalten war seltsam.

„Das alles haben Sie gehört“, forschte er misstrauisch. Sie zögerte untypisch, ehe sie nickte.

„Das alles haben Sie von…Frau Schütt, aus Zimmer zwei, gehört?“, hakte er nach. Wieder dieses Zögern.

„Ich begreife nicht, wie es so weit kommen kann!“, rief er erbittert in die Luft. Er fuhr sich mit den Händen über sein Gesicht, das bei der Berührung der Schwellungen unter seinem rechten Auge schmerzte. „Dass eine so intime Sache wie der Wunsch einer Person derart entwertet wird. Und dass ein Mensch, ein guter Mensch, sich so erniedrigt, dass alle Welt von ihm spricht. Frau Schütt, aus Zimmer zwei! Wer soll das sein? Und was geht sie Hilenas Leben an? Und wie überhaupt!“ Seine Stimme war roh und heiser. Vor Traurigkeit, wie er wusste, aber auch vor Wut. „Wie überhaupt kann Hilena so etwas tun!“

Vangelika stand auffällig schweigsam vor Johann, wich seinen Blicken und Fragen aus und blinzelte der Wand entgegen. Er kannte sie zu lange. Er wusste, dass sie eine Frau war, die nicht lügen konnte. Und er merkte, wenn sie es versuchte.

„Sie waren selbst im Laden, Vangelika, nicht wahr?“, packte er sie und zwang sie, ihn anzusehen. Es war kein Griff mit Händen. Allein seine Worte nahmen sie in die Pflicht, zu antworten. „Sie haben Frau Olbers selbst gesehen.“

Frau Engeling leckte sich die Lippen. Sie öffnete und schloss den Mund und fand keine Erklärung.

„Und sie wollen nicht, dass ich es weiß!“, beschuldigte er sie.

Die ältere Dame schaute ihm erzwungen ins Gesicht. In ihrem eigenen brütete etwas und braute sich zusammen. Zuerst undeutlich, nahm es zusehends mehr die Form von Trotz an.

Sie sammelte gegnerische Gefühle gegen ihn. Ihre Verteidigungslust wuchs ihrer Unsicherheit über den Kopf, damit sie Johann schließlich frei antworten konnte.

„Jawohl! Und nein!“, warf sie seinem Fordern entgegen. „Frau Schütt und ich waren gemeinsam dort. Und wir haben es beide gehört!“

„Vangelika!“ Als er das hörte, sackte Johanns Kopf unglücklich zurück. „Wie konnten Sie?“

Trotz seiner Verachtung für alle, die blind zum Wunschladen geströmt waren, war er diesmal vor allem in Sorge. Er bedauerte zutiefst was er hörte. Und er wusste, dass Vangelika keineswegs blind, sondern wohlüberlegt gehandelt hatte.

„Ich weiß, was Sie denken“, sagte sie, als er sich an einen der leeren Tische setzte, wo er den Kopf mit seinen Händen auffing und ihn schüttelte. „Aber in meinem Fall liegen Sie falsch. Es gab für mich keine Erfüllung. Nur eine verpasste Hoffnung. Ich bin endlich frei davon! Und ich fühle mich so erleichtert wie schon lange nicht mehr. Ich fühle mit Frau Olbers, aber ich bin nicht sie, Herr Johann! Meinen Wunsch werde ich nicht zurückwollen. Er kann nie in Erfüllung gehen. Endlich bin ich frei.“

Johann sah so viel Falsches, so viel Betrogenheit in Frau Engelings Erleichterung, dass er nicht antworten konnte. Er schloss die Augen und ließ Verzweiflung über sich hereinbrechen. Alles ging zugrunde. So sehr er versuchte, den Verfall aufzuhalten und die, die er liebte, zu beschützen, rieselte es ihm wie Sand durch die Hände. Er konnte weder etwas für Anna tun, noch hatte er Hilena retten können. Was Viktoria betraf, war er ratlos. Und jetzt war er gezwungen, mit anzusehen, wie Vangelika tagelang durch die Pension schwebte, als hätte sich ihr Wunsch erfüllt, und als wäre er nicht stattdessen von ihr gerissen worden, während sie noch glaubte, es geschähe freiwillig.

Sie war glücklich und sprach mit strahlenden Augen, ging mit leichten Schritten, bis sich ihr Lächeln allmählich betäubte, ihr schwebender Gang erst geerdet, dann schleppend wurde. Noch schlechter stand es um Dr. Olbers. Er arbeitete nicht mehr. Johann besuchte ihn jeden Tag, um nach ihm zu sehen und zu überwachen, dass er rechtzeitig mit dem Trinken aufhörte. Der Arzt sprach von nichts anderem als seiner Frau. Er vermisste sie so grauenvoll, dass er ohne sie wie außer Gefecht gesetzt war.

„Die Abgründe“, wiederholte er immer und immer wieder. „Diese Abgründe. Waren wir nicht glücklich? Hatten wir nicht alles?“

Hilena Olbers hatte einen Brief hinterlassen. Abend für Abend musste Johann dem Arzt diesen aus der Hand nehmen, weil es sonst überhaupt keine Aussicht darauf gegeben hätte, dass er sich beruhigte. Es hätte Gelegenheit für Johann gegeben, ihn zu lesen. Wenn der Arzt cognactrunken über dem Tisch zusammengesunken war und Johann Mühe hatte, ihn ins Bett zu bringen oder wenn er hilflos auf dem Sofa zusammenbrach. Aber Johann rührte den Brief nur an, um ihn allabendlich an seinen Platz zurückzubringen, von dem ihm Doktor Olbers am nächsten Tag wieder weggeholt hatte. Er bekam dennoch einiges mit, wenn der Witwer sich in den Schnaps floh und zu erzählen begann.

„Warum glaubte sie, mir nicht zu genügen?“, fragte Olbers oft mit verzagter Stimme und schielte dabei immer leicht zur Decke, als richtete er die Frage direkt in den Himmel. „Waren wir nicht selig? Hatten wir nicht alles?“ Dann weinte er. Für Johann war es seltsam und bestürzend, einen Mann seines Alters weinen zu sehen. Er stellte ihm nie Fragen zu dem, was geschehen war und er verurteilte ihn nicht. Es war seine Pflicht und sein Anliegen, dem Arzt ein guter Freund und Begleiter zu sein und ihm stillen Beistand zu leisten, während er sich zusammenreimte, dass diese Abgründe, von denen Olbers immer sprach, aus der Erkenntnis bestanden, dass Hilena sich ihrem Mann gegenüber stets ungenügend gefühlt hatte. Und dass Olbers in seiner Glückseligkeit nichts davon geahnt hatte. Dass diese versteckte Last in Hilena irgendwann dazu geführt hatte, dass sie sich von dem Wunsch, gut genug für ihren Mann zu sein, befreit hatte – was sie war, was sie immer gewesen war, und das machte die Geschichte noch trauriger. Doch irgendwie musste sie danach noch unglücklicher gewesen sein. Vielleicht hatte sie damit dieses unsichtbare Gefüge zwischen sich und ihrem Mann zerrüttet, das Johann immer bewundert hatte. Diese Gleichheit und Gleichberechtigung, die für ihn so selbstverständlich da gewesen war, und an der sie womöglich gezweifelt hatte. Und als sie ihrem Mann nicht mehr hatte genügen wollen, war all das zu Gleichgültigkeit geworden.

Es war niederschlagend, hart und bitter, mit anzusehen, wie es mit Johanns gesamtem Umfeld bergab ging. Wie sie sich alle verloren und nicht wiederfanden und wie sie alle etwas suchten, das sie früher einmal gehabt hatten und jetzt nicht mehr erreichen konnten. Oder wie sie etwas aufgegeben hatten, was sie wunderbar gemacht hatte, und jetzt leer wie die Hüllen herumliefen. Johann musste immer wieder Annas Einladungen ausschlagen. Er musste machtlos miterleben, wie Vangelika mit fortschreitender Zeit zu einem Schatten wurde, der wie in Trance Handgriffe ausführte und nicht mehr zu ihm an den Tisch kam, wenn er morgens die Zeitung las.

Sogar seinem Freund Jovar fiel auf, dass die Stadt vollkommen aus den Fugen geraten war, und er sprach wahrhaftig nicht oft über ernste Themen, weil ihm alles gleich vorkam wie Politik und man sich an Politik, wie er sagte, nur die Zunge verbrannte.

„Ich habe mehr als die anderen Menschen, ich sehe es jetzt deutlicher als je zuvor“, sagte Findelson zu Johann, der ihm diesmal ein Brot gekauft hatte, weil Vangelika ihm keine mehr für den Bettler mitgab. „Eines ist doch klar, Jean. Dass Geld seinen Wert verliert und wieder gewinnt. Aber eine Ideologie bleibt immer gleich viel wert. Vielleicht auch nicht. Auf den Straßen gibt es jetzt mehr Bettler. Auch solche mit Geld in den Taschen. Es reicht zum Leben. Nur, um ihre Ideologien zurückzubekommen, reicht es nicht mehr.“

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 25

dienstmädchen

„Es war ein Geschenk!“, rief sie mit bestürzt aufgerissenem Mund.

„Das, was Sie da von sich geben, gehört nicht zu Ihrer Persönlichkeit!“ Johanns Augen glühten vor Zorn, vor Hilflosigkeit, vor Verlorenheit und Kummer. „Es ist ein Stück fremde Absicht. Es gehört Ihnen nicht. Es gebührt Ihnen nicht! Wahrscheinlich ist es noch das Beste von Ihnen, weil es sicher von Viktoria kommt!“

Er bereute seine grausamen Worte bereits. Anna schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen. Sie wimmerte laut. Was war in ihn gefahren? Diese Frau hatte ihn von der Straße in ihr Haus geholt, ihn gepflegt, und er war ihr gegenüber ein hässliches Monster. Er war wie betäubt von sich selbst. Er konnte nichts sagen oder tun, um seine Grobheit rückgängig zu machen. Seine Scham war so groß, dass er sie nicht ertrug. Er stürzte blindlings aus dem Zimmer. Anstelle um Vergebung zu bitten, floh er.

„Ich werde ihn zurückgeben“, hörte er verwaschen hinter sich, aber nichts konnte ihn bewegen, anzuhalten oder umzukehren. In der Diele stolperte er, fiel auf die Knie, kämpfte sich zischend hoch und hastete aus dem Haus. Um ihn herum drehte sich die Welt. Sie drehte sich, brach in Teile und stürzte ein. Johann ging wilde Linien, um nicht von den Brocken, die über ihm zusammenkrachten, erschlagen zu werden. Was war er für ein Unmensch? Und Poelchau erst! Diese Bestie. Menschen drehten sich nach Johann um, als er wie ein vom Wahn Getriebener alle anrempelte und zur Seite stieß, die ihm in den Weg kamen. Mit seinem geschundenen Gesicht und seinem schmutzigen Anzug fuhr er durch die Straßen wie ein Schrecken. Als er die Pension Engeling erreichte, warf er mit einem Schwung die Tür auf und mit demselben Schwung, nur in die andere Richtung gelenkt, wieder zu. Vangelika bediente gerade eine Handvoll Gäste zum Nachmittagskaffee. Sie drehte sich erschrocken zum Eingang und stutzte, als sie ihn sah. Er ließ sie gar nicht zu Wort kommen. Im Stechschritt durchquerte er das Zimmer, ging hoch in seine Kammer und schloss sich darin ein. Es dauerte nur wenige Minuten, bis Frau Engeling bei ihm klopfte. Er reagierte nicht.

 

Johann brauchte diesen Tag, um auszunüchtern und seiner Gedanken wieder Herr zu werden. Er bereute so viel, dass er schlecht schlief. Er träumte, all die Geschehnisse rückgängig zu machen, die ihn dahin gebracht hatten, wo er jetzt war. In seinem Traum stellte er sich offen gegen das Geschäft mit dem Wunsch, sammelte Anhänger und Freunde, um den Laden mit den grünen Vorhängen zu stürzen. Unter ihnen Viktoria, die sich für ihn entschied, nicht für Fritz Poelchau, sodass sie den Wunsch, ihrem Herzen zu folgen, niemals weggab, Anna Poelchau ihn nie von ihrem Bruder bekam und Johann nie gezwungen war, die schrecklichen Sätze an sie zu richten, die er zu ihr gesagt hatte. Er wachte schweißgebadet auf und versuchte lange, sich die Erinnerung an die letzten Tage abzuwaschen. Aber es gelang ihm nicht. Selbst am nächsten Morgen, als er wie immer in den Frühstückssaal kam, nachdem die anderen Gäste schon weg waren, sah er noch mitgenommen aus, was die Blessuren in seinem Gesicht nur untermalten. Vangelika Engeling wischte nervös über die Tische, als sie ihn kommen sah. Erst, als sie ihm das Frühstück servierte, wagte sie, ihn anzusprechen.

„Herr Johann!“ Ihr schauderte bei seinem Anblick. „Ich hab mich gesorgt, wo Sie waren. Was ist denn bloß passiert?“

„Zu viel“, antwortete er beschwichtigend. Obwohl sie nicht seine Mutter war, verstand sie gleich, wie eine Mutter, dass er nicht darüber sprechen wollte, und sie drang nicht in ihn. Sie brachte ihm sein Schälchen Zucker, mit dem er sich den Kaffee übersüßte und stellte fest, dass er heute gar keinen trank. Johanns Tasse blieb unangerührt. Er starrte nur auf die Zeitung. Irgendwann legte er das Blatt weg, erhob sich und wollte forteilen.

„Herr Johann – wo wollen Sie schon wieder hin?“

Er hatte nicht vor, sich aufhalten zu lassen, bis die Pensionsbesitzerin ihn überholte und sich vor die Tür schob. Aus ihrem hageren Gesicht schaute sie zu ihm auf, unruhig, verunsichert, doch mit der unendlichen Fürsorge einer Frau, die sich ihren Ängsten stellte, wenn sie glaubte die schützen zu müssen, an denen ihr lag. Johann war voller Bewunderung für ihren Mut.

„Haben Sie in die Todesanzeigen geschaut?“, fragte er, wobei er sanft an die Schultern der älteren Dame griff und sie aus dem Weg schieben wollte. Sie bewegte sich keinen Zentimeter.

„Die Todesanzeigen sehe ich mir doch nie an“, erinnerte sie ihn und wurde nur härter in ihrem Beschluss, ihn nicht gehen zu lassen, als er leidend den Mund schiefstellte. „Sie werden es mir sagen müssen.“ Da stand sie vor ihm, diese kleine Frau mit ihren eingefallenen Apfelbäckchen, ein unüberwindbares Mäuerchen aus Hilfsbereitschaft, an dem er nicht vorbei kam, weil er es nicht übers Herz brachte, sie auch noch zu enttäuschen.

„In der Zeitung steht, dass die Frau meines Freundes verstorben ist. Sie müssen sich um mich keine Sorgen machen, Vangelika. Aber ich mache mir sehr wohl Sorgen um ihn. Deshalb müssen Sie jetzt aus dem Weg gehen, damit ich nach ihm sehen kann.“

Die Gastwirtin senkte den Blick. Sie trat von der Tür weg und mit schnellen und kleinen Schritten zu der Zeitung, die noch aufgeschlagen auf Johanns Platz lag. Er hatte nicht einmal sein Geschirr geordnet. Tatsächlich stand es dort schwarz auf weiß. Hilena Olbers, gestorben am gestrigen Tag. Vangelika sah nicht überrascht aus.

„Ich war bei ihm“, murmelte Johann, der, anstatt zu gehen, gegen die Tür sackte. „Er war nicht da. Wahrscheinlich war sie da bereits tot. Ich wollte, dass er mir hilft, mich wegen unsinniger Tollereien verpflegt. Und er hatte wahrscheinlich gerade seine Frau verloren.“

„Machen Sie sich keine Vorwürfe, das ist nicht Ihre Schuld.“ Vangelika klappte die Zeitung zusammen. Sie schob sie unter ein Tablett und kehrte zu Johann zurück.

„Ich weiß.“ Und dennoch fühlte er sich schuldig. Schuldig für seine Lappalien und schuldig, weil er sich für den ärmsten Menschen gehalten hatte, während Doktor Olbers gerade unwiederbringlich verloren hatte, worum Johann noch kämpfen konnte, wofür er noch ein ganzes Leben lang Zeit hatte. „Ich frage mich nur, was passiert ist. Ich muss sehen, wie es Lothar geht. Er und seine Frau haben…“ Er keuchte. Es war, als würde Johann erst jetzt bewusst, dass Hilena auch für ihn eine Freundin gewesen war. „So viel für mich getan. Ohne, dass sie je etwas zurückbekommen hätten.“

„Sie haben den Menschen mehr zu geben, als Sie wissen.“ Vangelika in ihrer Herzensgüte wollte ihn trösten, aber Johann hatte dafür gerade nichts übrig. Er wiederholte, dass er gehen müsse, und griff nach der Klinke.

„Da ist etwas, was Sie wissen sollten.“ Und wieder gelang es der Gastwirtin, ihn aufzuhalten. „Es wurde gestern schon darüber gesprochen. Ich habe es gehört. Ich wollte es Ihnen sagen, Herr Johann. Aber…“

Johann blickte aus engen Augen an einen unbestimmten Platz im Zimmer. Er wusste noch, dass er auf das Klopfen von Frau Engeling nicht reagiert und lieber den toten Mann gespielt hatte, bis sie sich zurückgezogen hatte.

„Was sollte ich wissen?“, fragte er, mit einem Gefühl, dass er die Antwort nicht mögen würde.

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 24

truhe gekippt

„Kein Wunder“, sagte Johann. „Er ist wahrscheinlich bei einem Patienten. Ich danke Ihnen trotzdem, Fräulein.“ Und er wollte wieder gehen, aber Annas Griff ließ nicht nach.

„Sie kommen mit“, bestimmte sie. „Sie brauchen etwas zum Aufwärmen.“

Auf keinen Fall wollte er mit ihr gehen, aber dann sagte sie etwas, das klug genug war, ihn zu überzeugen:

„Machen Sie ihrer Haushälterin nicht die Sorge, das für Sie übernehmen zu müssen. Sie muss Sie so nicht sehen.“

Es stimmte, was Anna sagte. Vangelika sollte ihn in diesem Zustand nicht sehen. Was würde sie denken? Welche Sorgen würde sie sich machen?

„Ist Ihr Bruder da?“, fragte Johann. Seine Übelkeit nahm zu.

Anna seufzte.

„Nein. Er ist nicht da. Er erledigt um diese Zeit seine Geschäfte.“

Johann stand widerwillig vor dem Haus der Poelchaus. Eigentlich wollte er in die Pension. Wäre da nicht Vangelika…

Die Zusicherung Annas, dass Fritz nicht im Gebäude war, genügte ihm, mitzugehen. Anna setzte Johann in einen Sessel vor den Kamin, gab ihm eine Decke und ließ ihm Tee und eine Brühe bringen. Sie bat ihm noch viele andere Annehmlichkeiten an, Mahlzeiten oder ein Bad, aber er lehnte alles ab, saß still, mit geschlossenen Augen im Sessel, wärmte sich auf und döste vor sich hin. Er wachte auf, als er merkte, dass jemand ihm mit Fingern übers Gesicht strich. Er zog seinen Kopf weg. Als er die Augen öffnete, sah er Anna, einen Finger mit Salbe gehoben.

„Halten Sie still“, befahl sie verständnislos.

„Ich dachte…“

„Halten Sie still.“

Er hielt still. Ob die Salbe ihm wirklich half, wusste er nicht. Allein das kalte Gefühl auf der Haut, der eigentümliche Geruch und der Eindruck, dass jemand sich um ihn kümmerte, waren lindernd.

„Sie bekommen gleich ein kleines Frühstück“, ließ Anna ihn wissen, die Augen konzentriert auf die Stellen in seinem Gesicht gerichtet, auf die sie die Creme auftrug. Johann spürte die Schwellung unter seinem Auge und seine aufgeplatzte Lippe. Er wollte lieber nicht in den Spiegel gucken. Schweigend ließ er alle Pflege über sich ergehen, und so falsch es ihm einerseits vorkam, so wohlbehütet fühlte er sich auf der anderen Seite in dem warmen Sessel am Feuer. Er aß ein wenig, schlief noch ein wenig und richtete sich schlussendlich auf.

„Bleiben Sie doch noch einen Moment sitzen.“ Anna war die ganze Zeit an seiner Seite geblieben.“Ruhen Sie sich aus, Johann. Der Tag ist sowieso verloren.“

„Es ist nachmittags. Ich sollte gehen, bevor-„

„Mein Bruder kommt nicht vor dem späten Abend.“

Johann sank langsam in den Sessel zurück. Nach all der Hilfe, die sie ihm geleistet hatte, wollte er nicht unhöflich sein. Dann wiederum hatte er seinen Aufenthalt hier überstrapaziert. Er durfte Anna nicht noch mehr schulden. Nicht nach ihrer letzten Begegnung. Aber eines quälte ihn.

„Was macht Ihr Bruder den ganzen Tag? Geht er immer noch seinen Plänen nach?“

Hatte das Erbe des alten Poelchaus nicht geholfen? Den Unternehmer nicht wieder in richtige Bahnen gelenkt? Oder verbrachte er seine Zeit mit Viktoria?

Anna starrte eine auffällig lange Weile in die entgegengesetzte Richtung. Ihre Hände lagen verkrampft ineinander, als wolle die eine die andere würgen.

„Ich habe ihn beobachtet“, sagte sie. „Ihn und das Geschäft, seit dieser neue Laden eröffnet hat. Er war von vornherein fasziniert. Ich wusste schon am ersten Tag, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis er in diesen Handel einsteigt. Ihn an sich reißt.“

Johann wollte etwas erwidern. Doch Anna erzählte bereits.

„Manche wollten ihre Wünsche zurücktauschen, aber sie wurden bereits an andere Kunden getauscht oder verkauft. Manche haben ihre Wünsche einfach abgegeben, ohne sich neue zu besorgen.“ Sie sprach sehr eintönig. Ihr Haar war wieder im Nacken verknotet. Diese Frisur passte am besten zu ihrem trostlosen Gesicht. „Andere haben sich gleich mehrere fremder Wünsche auf einmal gekauft, um sie nach und nach abzuarbeiten.“

„Das ist möglich?“, staunte Johann. Er war voller Ekel.

„Alles ist möglich. Wenn man es bezahlen kann. Ich habe Leute gesehen, die Wettbewerbe ausfechten, wer sich die meisten Wünsche erfüllen kann. Leute, die überfordert sind und in eine Sucht verfallen. Manche sammeln die außergewöhnlichsten Wünsche, andere machen ein Spiel daraus, zu erraten, wer der ursprüngliche Besitzer eines Wunsches war und wieder andere tauschen jede Woche ihren Wunsch um, weil sie ihn nicht gleich erreichen können.“

„Eine Sucht?“ Johann deckte sich auf, doch kaum hatte er es getan, griff Anna kompromisslos nach der Decke und zog sie wieder über seine Beine.

„Das Befriedigungsgefühl eines erfüllten Wunsches lässt schnell nach, sagt Fritz. Schneller, wenn es ein schwacher Wunsch war.“

„Das ist abstoßend. Finden Sie das nicht abstoßend, Anna?“

„Mittlerweile hat sich der Markt verändert. Es ist nicht mehr wie zu Beginn.“ Diesmal beobachtete Anna Johann nicht. Sie verbrachte mehr Zeit damit, seinen Blicken auszuweichen, als sie zu suchen. „Weil so viele Menschen Wünsche kaufen, bleibt für andere keiner mehr übrig. Die Preise haben zugenommen. Fritz hat das erkannt.“

„Und macht sein untergründiges Geschäft damit…“ Wieder wollte Johann sich aufdecken. Wieder deckte Anna ihn zu.

„Jeder sollte einen Wunsch haben“, murmelte sie. „Es sollte kein Luxusgut sein. Aber es ist so gekommen. Die gewöhnlichen Menschen sind desillusioniert und finden keine neuen Ziele. Haben Sie denn gar nicht mitbekommen, wie viele alles verloren haben?“

„Doch. Ich habe erst gestern einen dieser Perspektivlosen getroffen. Er selbst hat sich so genannt.“

„Für viele Leute sind Wünsche unleistbar geworden.“

„Aber wie kann es sein?“, fragte Johann fassungslos. „Hat nicht Ihr Vater versucht, Ihrem Bruder Einhalt zu gebieten? Was ist mit seinem Wunsch, der Fritz zur Einsicht bringen soll?“

„Er hat diesen Teil des Erbes verstoßen.“ Annas Kopf hing seltsam schlaff an ihrem Hals, bevor sie ihn hob und schüttelte. „Er hat ihn mir überlassen. Es ist jetzt mein Wunsch, dass er sieht, was er anrichtet. Aber er sieht es nicht. Er macht weiter und will jetzt Fräulein Parheim heiraten. Und obwohl sie genauso wenig von diesen Geschäften hält wie sie oder ich, will sie Fritz nehmen, weil es für ihr eigenes Geschäft gut ist.“

Diesmal konnte Anna die Decke nicht wieder über seinen Schoß ziehen. Sie fiel zu Boden, als Johann aufsprang.

„Mir ist das ganz egal!“, sagte Anna schnell und betont. „Das Geschäft. Es ist mir egal. Es kümmert mich nicht. Ich will aus Liebe heiraten.“

„Das ist gar nicht Ihr Wunsch!“ Anna zuckte vor Schreck zusammen, denn Johann fuhr aus der Haut. Wie ein gefährlicher Wilder richtete er ihr sein geschwollenes, blau geschlagenes Gesicht entgegen. Er zeigte mit dem Finger auf sie und zitterte. Vor Wut, wie er glaubte, aber vielleicht war es auch die Nachwirkung der letzten Nacht. „Wahrscheinlich haben Sie ihn auch noch von Viktoria gestohlen!“

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 23

baumlicht

Vogelgekrächze und ein kaltes, gelbliches Morgenlicht weckten Johann. Zuerst wusste er nicht, wo er war. Der Nachtfrost war ihm in die Knochen gekrochen und er musste mehrere Male blinzeln, bis seine Sicht sich klärte und er in die Gesichter fremder Menschen sah, die über ihn gebeugt standen, als murmelten sie darüber, ob er tot sei.

„Aber das ist doch…Herr Zimmer…“

„Wie? Sie kennen den Mann?“

„Das ist Herr Zimmer. Aus dem Café. Er arbeitet dort immer. Ein Schreiber.“

Und sie redeten über ihn, als wäre er nicht hier. Lauter Fremde, oder vielleicht waren es auch Bekannte, die er nicht erkannte. Er konnte kaum einen von ihnen einordnen, er hatte seine Orientierung noch nicht gefunden. Johanns Kopf wollte zerspringen, während sein ganzer Körper vor Kälte zitterte.

„Gehen Sie aus dem Weg!“ Eine Stimme zwischen den anderen glaubte er zu erkennen. „Lassen Sie mich gefälligst durch. Unmöglich. Sind Sie alle nur zum Gaffen da?“

Viktoria, schoss es ihm hell und blendend durch den Kopf, aber es war Anna Poelchau, die sich in der nächsten Sekunde in sein Blickfeld beugte. Ihr schmaler Mund war gebogen, eine nach unten gerichtete Sichel, ihre Augen besorgt.

„Das ist nichts für eine Frau, Fräulein Poelchau“, sagte eine Stimme im Hintergrund, die irgendeinem Grandseigneur gehören musste, doch Anna wischte seinen Ratschlag verächtlich bei Seite.

„Die Männer handeln ja nicht“, gab sie grob zurück und zog Johann an den Armen in den Sitz. Er stöhnte, als es aufwärts ging, und wäre am liebsten gleich wieder ins Liegen gesunken, aber mittlerweile hatte er verstanden, dass eine Traube von Passanten ihn beobachtete und er dabei war, nachhaltig Schaden für seinen Namen anzurichten.

„Fräulein Poelchau….“

„Johann, was machen Sie hier?“ Ihre Stimme war so leise, dass nur er ihre Worte verstand. Es dauerte einige Momente, bis deren Bedeutung durch den zähen Nebel in seinem Kopf gedrungen waren.

„Ich weiß es nicht…“

„Sie sind eiskalt.“ Eine Sekunde legte sich ihre Hand auf seine Wange. Er kniff die Augen zusammen, denn ihre Berührung drückte an sein geschwollenes Wangenbein. „Sie müssen hier weg.“

In dieser Hinsicht stimmte Johann ihr zu. Die Leute hatten einen Halbkreis um ihn gebildet und tuschelten und tauschten schiefe Blicke. Anna kümmerte sich um keinen von ihnen. Ihr unfreundliches Gesicht war ganz auf Johann und die Problematik seiner Situation gerichtet. Johann versuchte, aufzustehen. Erst dabei merkte er, wie steif seine Arme und Beine geworden waren. Ihn schwindelte und in seinem Hals saß die Übelkeit einer völlig falsch verbrachten Nacht.

„Tatsächlich“, sagte irgendeine Frau. „Das ist der Schriftsteller, der bei Frau Engeling wohnt. Der arme Mann, was ist mit ihm?“

„Es geht mir gut“, log Johann. Es war sowieso zu leise, als dass jemand hinter Anna ihn hätte hören können.

„Ich habe ihn für einen dieser Hoffnungslosen gehalten“, sagte ein anderer. „Die häufen sich in letzter Zeit. Man kann einen echten Bettler nicht mehr von einem falschen unterscheiden, heutzutage. Was ist mit seinem Gesicht?“

Falsche Bettler. Johann sah auf, um den Mann anzusehen, der gerade gesprochen hatte, doch jede Bewegung seiner Augen war schmerzhaft. Sowieso konnte er die Stimmen den Leuten nicht zuordnen. Neuarme, schoss es ihm durch den Kopf. Gescheiterte Existenzen, die nach und nach alles aufgegeben und verloren hatten. Zuletzt lungerten sie als Obdachlose, als Trinker zwischen anderen Vagabunden. Für so einen hatten sie ihn gehalten.

„Kommen Sie“, bat Anna. Johann hob sich allein in den Stand. Er ließ es sich gefallen, dass Anna seine Arme stützte. Die anderen Menschen machten, weil sie nicht helfen wollten, ein paar Schritte Platz.

„Ich wurde überfallen“, sagte Johann zur Seite weg. Er kam nur zur Hälfte auf die Idee, sich vor den Schaulustigen zu schämen. Kälte, Übelkeit und Schmerz waren ihm wichtiger als was ein paar Bürger von ihm dachten. Der Teil von ihm, der wach war, fühlte nichtsdestotrotz die Peinlichkeit des Augenblicks.

„Kommen Sie“, wiederholte Anna. Ihr schienen die Menschen egal zu sein.

„Brauchen Sie Hilfe?“, fragte ein Mann mit tief liegenden, kleinen Augen und der Art Anzug, die Johann sich nicht leisten konnte. Anna wehrte ihn ab. Sie führte Johann die Straße entlang, das Publikum ließ sie achtlos zurück. Letztendlich wagte niemand, sich dem Fräulein Poelchau in den Weg zu stellen.

„Ich bin keiner dieser Hoffnungslosen“, versicherte Johann ihr mit tauben Lippen. Seine Schritte waren hölzern. „Aber einer von ihnen hat mich gestern übel zugerichtet, nehme ich an.“

„Sie haben blaue Lippen. Die ganze Nacht auf der Straße liegen – bei dieser Jahreszeit. Johann was stimmt nicht mit Ihnen?“

„Ich hatte nicht unbedingt den Plan gefasst, wenn Sie das meinen. Sie können mich los lassen. Ich gehe nach Hause. Danke für Ihre Hilfe.“

„Ich werde einen Teufel tun“, schnauzte sie ihn an. „Außer, Sie zu Doktor Olbers zu bringen. Sie sind ganz unterkühlt. Er soll sich Ihren Zustand ansehen. Keine Widerrede.“

Widerrede zu geben hatte Johann nicht vor. Es ging ihm miserabel, und wenn der Arzt nur irgendein Mittelchen hatte, ihm zu helfen – vielleicht reichten sogar ein paar gute Worte für seine Seele – war er gern bereit, sich von Anna dorthin bringen zu lassen. Er folgte ihrem Zug an seinem Arm wie ein Willenloser, doch als sie das Haus seines Freundes und Arztes erreichten, war er nicht anzutreffen.