Nostalgie…

ist das Licht eines verloschenen Sterns.

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Küchentür

Ich habe einen Mitbewohner, der immer und überall die Türen offen lässt. Manchmal, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, erschrecke ich, weil ich denke, dass Einbrecher im Haus waren.

Die Küchentür steht offen, der fette Kater sitzt mitten im Schlachtfeld auf der Fensterbank und frisst das Basilikum, alle Schranktüren gähnen, der Kühlschrank ist auf.

„Jetzt haben sie mich erwischt“, schießt es mir durch den Kopf.

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Plötzlich erklingt Lärm von nebenan, was mich sofort beruhigt, denn es ist zwar nicht ausgeschlossen, aber ziemlich unwahrscheinlich, dass die Einbrecher in meinem Zimmer sitzen und Gitarre spielen. Außer die Musik hilft ihnen darüber hinweg, dass es bei mir nichts, wirklich nichts zu holen gibt.

Die Tür zu meinem Zimmer steht ebenfalls offen. Darin sitzt besagter Mitbewohner auf meinem Bett und singt.

„Hallo, Schatz“, begrüßt er mich.
„Hallo, Schatz. Du hast schon wieder alle Türen in der Küche aufgelassen.“

Ich bemühe mich, den Worten schon wieder die richtige Betonung zu geben, ein kurzer Vorschlag von leichter Ermüdung mit Empörung als Hauptnote, humorvoller Nebennote und einem nachhallenden Triller von Unruhe, während hinter mir der Kater im Flur steht und kotzt.
„Oh Mist. Entschuldige.“ Mein Freund steigt elegant über den Kater und die Kotze hinweg, schließt die Küchentür und wirft sich zurück aufs Bett.
„Du hast nur die Küchentür zugemacht. Alle Türen in der Küche sind noch -…“
Der Rest meines Satzes geht in Gitarrenmusik unter.

Das eigentlich Faszinierende ist, dass mein Freund damit das typischste menschliche Verhalten in einem kurzen Sinnbild zusammenfasst.
Als ich sehe, wie er einfach die Küchentür zumacht und alles, was dahinter ist, ignoriert, denke ich mir: „Das kann doch gar nicht sein.“
Auf den zweiten Blick geht mir auf, dass fast jeder es ständig so macht.

Wann immer uns jemand seine Sorgen erzählt und wir ihm antworten „Du schaffst das schon“, machen wir die Küchentür zu. Wenn irgendwo etwas Schlimmes passiert und unsere einzige Solidarisierung darin besteht, unserem Profilbild auf Facebook einen neuen Rahmen zu geben, machen wir die Tür zu. Wenn wir uns einem Veggie gegenüber rechtfertigen mit: „Also ich esse nur ganz selten Fleisch und achte auch total darauf, wo es herkommt“, schließen wir die Küchentür, im Hintergrund ein offener Kühlschrank, der UNGLAUBLICHE Mengen an Energie verheizt und ein kotzender Kater, auch wenn ich nicht genau weiß, wofür der in diesem Sinnbild stehen soll. Wir machen die Tür zu, wenn wir einem Obdachlosen ein bisschen Geld geben und denken „Damit ist meine gute Tat für heute getan“. Wenn wir uns nicht mit unseren Mitmenschen aussprechen, weil wir uns für unsere Gefühle schämen. Wenn wir sagen ab nächster Woche fang ich an zu lernen, trink ich weniger, mach ich mehr Sport, hör ich auf zu rauchen, werde ich zuverlässiger, achte ich besser aufs Geld, besuch ich meine Familie regelmäßig, suche ich mir einen Job, der mich nicht kaputt macht, behandle ich meine Mitmenschen besser, gehe ich zum Psychologen, lerne ich, mich selbst zu lieben.

Es ist erschreckend, wie gut das funktioniert. Wenn wir die Küchentür zuhauen, vor anderer Leute Gesicht oder vor uns selbst, können wir ganz unbesorgt unseren Angewohnheiten nachgehen, uns aufs Bett schmeißen und Gitarre spielen. Bis irgendwann einer unserer Mitbewohner Hunger bekommt, die Küchentür öffnet und sich denkt: „What the fuck?!“

Oder bis die Jahresabrechnung kommt und wir die Stromnachzahlung sehen.

Wenn ihr jetzt eine Moral erwartet: Es kommt keine. Ich mache an dieser Stelle die Tür zu. Räumt euren Scheiß gefälligst alleine auf.

Spätzünder

Auf einem Klassentreffen vor einigen Jahren sagte meine Grundschullehrerin etwas zu mir. Sie hatte gerade erfahren, dass ich mein Abitur als Jahrgangsbester bestanden hatte. Sie sagte: „Es ist schön, zu sehen, dass es auch Spätzünder gibt.“

lesendZuerst einmal war es natürlich interessant zu erleben, wie einem die Klassenlehrerin auch 15 Jahre später noch mit einer einzigen Phrase ganz unmittelbar das Gefühl geben konnte, ein absoluter Vollidiot zu sein. Davon abgesehen hatte sie allerdings meine Gedanken angestoßen. Ich vergaß ihren Satz nicht, im Gegenteil, ich drehte ihn in alle Richtungen. Ich fühlte ihm auf den Zahn, bis er ganz abgegriffen war.
„Spätzünder hat die mich genannt“, konsultierte ich meine beste Freundin.
„Jah.“ Die Antwort lag schwer auf ihrer Zunge, sie wollte ihr gar nicht aus dem Mund kommen. Vielleicht wusste sie beim hunderfünfzigsten Mal einfach nicht mehr, was sie mir noch Innovatives hätte zurückgeben können. Aber ich merkte, dass es sich bei dem Satz meiner Lehrerin um eine Ungerechtigkeit gehandelt hatte, die über die flüchtige Scham eines kleinen Faux-Pas hinausging, das war keine Kleinigkeit mehr. Es war eine formelle Kriegserklärung an mein Selbstverständnis. Ich übertrieb vielleicht, wenn ich es mit dem Fehdehandschuh ins Gesicht meiner Würde verglich, aber das konnte sie doch nicht ohne bitterböse Hintergedanken gesagt haben, sowas sagte man doch nicht einfach so daher!

„Die muss sich doch irgendetwas dabei gedacht haben!“
„Vielleicht hat sie dich ja verwechselt.“

Es war natürlich leicht, von einer Verwechslung auszugehen, wenn man nicht der Geschädigte war. Für mich, der ich längst zerfressen war von den Zähnen des Argwohns, vom Selbstzweifel der Erkenntnislosen, dem Hin-und-Her-Schwanken zwischen Arroganz und Nervenzusammenbruch, war es unmöglich, mich mit halbgaren Ausflüchten ruhig zu stellen. Die hatte mich doch im Leben nicht verwechselt. Die wusste ganz genau, wem sie da den Giftdorn ihrer falschen Anteilnahme ins Fleisch gerammt hatte!
Aber warum? Warum?
Ich goss mir einen Drink ein und ließ mein Leben Revue passieren.
Ich sollte also ein Spätzünder sein. Warum?
Der Blick in den Rückspiegel meiner Entwicklung war wie barfuß im Nebel zu waten. Ich tastete halbblind herum und hoffte, auf nichts Ekliges zu treten.
Ich erinnerte mich daran, dass ich mit acht Jahren zum ersten Mal geraucht hatte, angestiftet von meinen Cousinen. Ich hatte aber gleich wieder aufgehört, um zuerst etwas Lebenserfahrung zu sammeln. Mit elf hatte ich dann wieder angefangen.
Ich war aber kein boshaftes oder verkommenes Kind gewesen. Eher eine abstruse Erscheinung; in der einen Hand die Kippe, in der anderen den Legohubschrauber war ich da gestanden in meinem Power-Rangers-Pullover und hatte mich geweigert, mir den Pony schneiden zu lassen. Manchmal hatte ich im Unterricht angefangen zu singen, weil ich mich gelangweilt hatte und abgelenkt gewesen war, solche Dinge waren mir damals aber nicht richtig bewusst gewesen. Ich war die Art von Kind gewesen, die in den Wald ging, um das letzte Einhorn zu suchen und niemals wusste, was es zu Gleichaltrigen sagen sollte. Aber war ich deshalb ein Spätzünder?
Ich meine, meine erste Freundin hatte ich mit dreizehn, genau wie meine erste Alkoholvergiftung, meine zweite Freundin mit sechzehn, die war dafür doppelt so alt wie ich. Vielleicht war DIE ein Spätzünder, aber ICH doch nicht!

 

Ein Spätzünder, warum SPÄT? Dauerte bei mir alles länger? Oder unterschied es sich einfach?
Im Hinblick auf mein gesamtes Dasein gab es vielleicht schon ein paar Dinge, die ich anders machte als andere, auch heute noch. Ich hatte ein paar komische Angewohnheiten, zum Beispiel die, mir, wenn ich betrunken war, etwas zu Essen zu kaufen, dann eine Diskussion zu beginnen und im Eifer des Gefechts vor Wut und Hingabe mein Essen – in einem Akt der Gerechtigkeit – über die Brücke zu werfen. Da fiel einem erst auf, wo eigentlich überall Brücken waren. Ich wusste natürlich von dieser Unart, und trotzdem hielt ich mich weder von Vodka noch von Dönerläden noch von Brücken fern. Aber war ich deshalb jetzt Spätzünder?
Ich war, was den Umgang mit meinen Emotionen betraf, vielleicht immer eine Spur ausdrücklicher.
„Du bist unglaublich theatralisch“, behauptete meine beste Freundin zu meiner Empörung.
„Ich nenne das sinnlich und gefühlsbetont!“
„Jah. Das kann schon sein. Aber Fakt ist, dass keine alte Sau außer dir es so nennt. Die meisten anderen sagen theatralisch.“
„Die meisten anderen sind nicht alle!“
„Der Rest sagt pathetisch.“
„…ich nenne das sinnlich und gefühlsbetont!“
Manchmal, wenn ich keine fundierten Argumente vorzuweisen hatte, fiel ich darauf zurück, einfach den selben Satz noch einmal zu wiederholen und ihn inbrünstiger zu betonen.
„Du lebst ein Leben ohne Logik“, sagte meine beste Freundin. „Man kann nicht einfach für alles eigene Regeln erfinden. Das ist wie mit dem Kaffee!

Das mit dem Kaffee war so eine Sache. Ich war, was meine Werte anging, stets sehr freigiebig. Ich sparte lieber an den materiellen Dingen. Ab und zu schleuderte mich das direkt in den nächsten Konflikt. So war es auch mit dem Kaffee.

Ich mochte keinen Instant-Coffee, weil ich dabei immer an warmes, abgestandenes Brausepulver denken musste. Schlimmer hätte es eigentlich nur sein können, wenn es nach Waldmeister geschmeckt hätte. Aber ich hatte kein Geld für Kaffeepulver, wenn ich ehrlich war. Wenn ich ehrlich war, vertrat ich die Ansicht, dass man niemals uneingeschränkt ehrlich sein konnte, darum kaufte ich mir das Pulver trotzdem. Ich hatte meine eigene Regel der Sparsamkeit:
Ich schichtete zwei große Löffel pro Tasse in den Filter und ließ ihn dann vierzehn bis neunzehn Tage lang immer wieder durchlaufen. Die ersten paar Tage ging ich mit den Füßen an der Decke, nach zwei Wochen trank ich braunes Wasser – so kam ich auf ein stimmiges Durchschnittsergebnis. Meine beste Freundin konnte dieser Bilanz nichts abgewinnen.

Aber vielleicht war das der Punkt? Was war denn überhaupt ein Spätzünder? Laut des Dudens: Jemand, der nicht so schnell begriff und Zusammenhänge später erkannte. Ein Spätentwickler. Aber musste das sein? Sprachen wir hier ausschließlich und gezwungenermaßen von einem Spätentwickler? Konnte es nicht auch einen Anders-Entwickler geben? Jemanden, der sich nicht linear und zeitgleich mit seinen Alterskameraden mitbewegte, sondern sich umsah um festzustellen, was abseits des plattgetretenen Weges existierte und vielleicht einen ganz selten benutzten Pfad fand, der ihn letztendlich zum selben Punkt führte. Er kam vielleicht nicht später an und hatte sich deshalb nicht zwingend als Nachzügler dahin entwickelt. Die Strecke, die er genommen hatte, musste keine Landstraße gewesen sein.
„Das ist es was mich so stört“, sagte ich zu meiner besten Freundin. „Das einem von klein auf so ein Denken von richtig und falsch angeordnet wird und dann wird diagnostiziert. So als könnten wir alle nur innerhalb einer Schablone vorhanden sein. Das richtet sich wieder nach einer Wahrheit, die sich einzig und allein nach der Mehrheit orientiert. Es ist eigentlich kein Wunder, dass ich nie in die Schule gegangen bin, ich habe wahrscheinlich schon damals geahnt, dass die mich nur zurück ins Raster bringen wollen. Wer sagt denn, dass ich spät gezündet habe? Nur weil ich nicht genau dann zünde, wann DIE es von mir erwarten? Welches Recht hat die Frau oder irgendjemand sonst eigentlich, über meine Kindheit zu werten oder über meine Person oder darüber, wie mein Weltverständnis aussieht?“
Meine beste Freundin sah mich lange an. Ich bekam durch den Schleier meines Ärgers mit, wie sie nach meinem Drink griff und ihn schwunglos austrank.
„Vielleicht hat sie das auch gesagt, weil du dein Abi über den zweiten Bildungsweg gemacht hast“, sagte sie.
Ich runzelte meine Stirn.
„Achso…“

Vom Unkraut

Du schöner Mensch, der, glänzend und gestriegelt,
seinen Charakter blickdicht vor der Welt versiegelt
ich gebe dich so schnell nicht auf!
Zwar redest du banal und nebensächlich
und gibst dich wie ein Spiegelbild so oberflächlich,
doch werd ich dich mit Licht und mit Gehalt begießen.
Soll doch die ganze Welt nur dein Gesicht genießen,
ich zähle immer noch darauf,
dass aus dem größten Mist die schönsten Blumen sprießen.

Der blinde Fleck

Weil der Herbst so schön war, verging kein Tag, an dem er nicht an Thomas Mann dachte. „Das Thema des Verfalls hat die Kunst schon immer inspiriert“, hatte einst ein Schriftstellerkollege zu ihm gesagt. „Die Faszination des Grotesken. Der Hauch von Schönheit, den wir ihm andichten. Für mich ähnelt es ein wenig der Bewunderung für Geistergeschichten.“

„Geistergeschichten?“

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Sein Kollege hatte gelacht. Er lachte oft. Es hatte schon Spuren auf seinem Gesicht hinterlassen; tiefe Kerben einer Heiterkeit, die in den meisten Fällen unangebracht war. In Gedanken nannte er seinen Kollegen einen überschminkten Menschen. Er trug überall zu dick auf.

„Ist dir nie aufgefallen, dass über Friedhöfen ein Zauber liegt?“ Sein Kollege hatte sich die Brille verrückt, einzig zu dem Zweck, sie in der nächsten Bewegung wieder gerade zu richten und seiner Aussage Gewicht aufzuschminken. „All die Geschichten, die dort liegen. Du spürst ihre Überreste. Ähnlich ist es mit dem Herbst. Der Herbst ist die ideale Jahreszeit für uns. Die Geschichten offenbaren sich. Du musst nur eben hinsehen.“

Dieses Jahr explodierten Feuerwerke an den Bäumen und die Sonne schien hellgelb. „Altweibersommer“, pflichteten sich die Alten an den Marktständen noch im November bei. Er hielt seinen Apfel in der Hand wie Hamlet den Totenkopf und wusste nicht, was er schreiben sollte.

Thomas Mann hatte in einer seiner Geschichten gesagt, ein Schriftsteller sei ein Mensch, dem das Schreiben schwerer fiele als jedem anderen.

Ich muss schreiben“, sagte er am Montag zu seinem Spiegelbild, dass ihn müde anstarrte, sein Gesicht ein an die Oberfläche getragener Vorwurf.

Am Freitag hatte er noch nicht ein Wort zu Papier gebracht. Es mangelte ihm nicht an Ideen. Er hatte tausend Einfälle. Tausend Geschichten, zu denen er keinen Zugang fand. Es machte ihn fassungslos, dass gerade denen, die im Umgang mit Worten am besten waren, der Umgang mit Worten zu so einer Odyssee wurde, sobald ihr Talent zu einem Zwang verkam.

Weil es dir an Leichtigkeit fehlt“, behauptete seine Schwester, mit der er eigentlich nie über etwas sprach, weil er ihre Art nicht mochte, während des Redens die Oberlippe über die Zähne zu ziehen. Als sie noch ein Säugling gewesen war, hatte er sie einmal fast ertränkt. Mittlerweile kam er mit ihr aus, solange er nicht mit ihr sprechen musste.

Wenigstens erfinde ich keine Fakten und habe dabei einen schiefen Mund.“

Seine Schwester regte ihn auf. Er unterschied sich nicht von anderen Menschen, die keinen Sinn darin sahen, Gefühle gegen Tatsachen zu richten und ihre Wut deswegen auf die Menschen konzentrierten, die diese Tatsachen aussprachen.

Natürlich hast du einen schiefen Mund. Dein ganzes Gesicht ist schief.“

Er schlug seiner Schwester mit der Faust gegen die Schläfe und stürmte aus dem Haus. Draußen ärgerte er sich über sie. Es regnete und er hatte seinen Mantel vergessen. Zurückgehen würde er nicht! Lieber fror er!

Ich bin Schriftsteller, gemahnte er den hageren Mann im Spiegel. „Ich muss schreiben.“

Am Sonntag, er hatte noch nicht ein Wort geschrieben, ging er in den Frauentorgraben zu den Prostituierten. Er suchte sich die Hässlichste aus. In Gegenwart schöner Frauen fühlte er sich unwohl. Er mochte es, wenn sie mangelhaft waren, denn es räumte ihm mehr Freiheit ein, er selbst zu sein. Danach setzte er sich in sein Stammlokal und aß Sauerbraten. Wenn er einmal auf eine Prostituierte träfe, die aussah wie seine Schwester, dachte er, dann würde er ihr den Mund stopfen. Der Gedanke erhob ihn so sehr, dass er dem Mann am Nachbartisch ein Bier ausgab. Als der fremde Mann die Zeitung sinken ließ, die vorher seinen Kopf verdeckt hatte, und ihm überrascht zuprostete, bereute er seine Entscheidung. Der Mann am Nebentisch hatte seinen Hut in der Wirtschaft nicht abgenommen. Dazu trug er einen störenden breiten Schnauzbart.

Kurzzeitig überlegte er, ob er dem Kerl das Bier wieder abnehmen konnte, aber was sollte der Wirt denken? Aber was erlaubte sich dieser Zapfhahn überhaupt, ein Urteil über ihn zu fällen? Er bezahlte und ging, Trinkgeld gab er nicht.

Es hatte wieder zu regnen begonnen. Sein Mantel lag immer noch bei seiner Schwester. Er war gezwungen, einen ausgemusterten zu tragen; ein Glück nur, dass er ihn noch nicht weggegeben hatte.

Aus einem Schaufenster schaute er sich selbst entgegen. Wann hatte er begonnen, sein Haar zu verlieren? Er stellte fest, dass es ihm schwer fiel, sich selbst zu erkennen. Vielleicht war es das Schaufenster. Schaufenster waren keine Spiegel.

Er beschloss, seinen Schriftsteller-Kollegen zu besuchen.

Woran schreibst du?“, fragte der.

An einem Roman über die unmittelbare Gegenwart.“ Ihn ärgerte, dass ihm auf die Schnelle nur solcher Unfug eingefallen war. Er hatte heute Morgen noch Schopenhauer gelesen, das war ihm im Kopf stecken geblieben. Natürlich fragte sein Kollege.

Was ist an der Gegenwart nicht unmittelbar? Ist es nicht Sinn und Zweck der Gegenwart, unmittelbar zu sein?“

Vielleicht schweigst du besser. Du sollst nicht beurteilen, was du nicht gelesen hast.“

Dann lass es mich lesen.“

Er wusste, dass ihm sein Kollege nicht in den Kopf blicken konnte. Aber er war nicht so überschminkt wie sein Gegenüber; ihm konnte man eine Lüge vom Gesicht ablesen, wenn er nicht vorsichtig war.

Ich lasse dich beim nächsten Mal in ein Kapitel hineinschauen“, versprach er.

Er ging mit der Gewissheit nach Hause, seinen Schriftstellerkollegen lange nicht zu sehen, ging auch nicht direkt nach Hause, sondern machte einen Abstecher ins Theater. Wenn er auf dem roten Sitzpolster zwischen fremden Menschen saß und in völliger Anonymität die Leidensgeschichte erfundener Figuren verfolgte, war er am glücklichsten. Nur das Wesentliche wurde gesagt. Füllwörter und Phrasen waren aufgehoben, Nebensächlichkeiten aus dem Saal gedrängt. Die Darsteller bewegten sich mit klarer Aussprache und zielgerichteten Gesten auf die Katastrophe zu. Manchmal entwickelte ein Stück Längen, in diesem Fall ging er dazu über, die Zuschauer zu beobachten. Wenn er daran dachte, wie aussagelos sie sich im Vergleich unterhielten, wie hässlich kunstlos sie redeten, wie aufgebläht ihre Sätze vor faulen Silben waren, wurde ihm speiübel. Einmal hatte es eine Frau neben ihm nicht lassen können, immer wieder ihrem Mann zuzutuscheln. Beim Aufstehen war er ihr fest auf den Fuß getreten, und obwohl er es wie ein Versehen aussehen lassen hatte, erinnerte er sich mit Stolz daran, dass er sich nicht entschuldigt hatte.

Heute gefiel ihm das Stück nicht. Eine der Schauspielerinnen sah aus wie seine Schwester. Sie bewegte auf die gleiche unangebrachte Weise den Mund. Er ging unzufrieden ins Bett und onanierte zum Gedanken an die Schauspielerin, deren Kopf er in seiner Vorstellung in eine Wanne drückte, dabei machte er sich über ihr Hinterteil her.

Montag Nachmittag rief sein Schriftstellerkollege an, um zu fragen, wann er mit dem Kapitel rechnen konnte.

Ich muss es noch beenden.“

Was war dieser überschminkte Mensch bloß so aufdringlich? Ihn überkam ein Ekel über die Menschheit, über den er nicht hätte schreiben können, weil es keine Worte gab, die mächtig genug waren.

Am Mittwoch hatte er immer noch nicht zu schreiben begonnen. Beim Bäcker holte er Kuchen und öffnete um drei Uhr Nachmittags seiner Verwandtschaft die Tür. Seine Schwester ließ sich nicht zu seinem Geburtstag blicken, was ihn ärgerte, weil sie immer noch seinen Mantel hatte. Keiner seiner Verwandten tat ihm den Gefallen, am Kuchen zu ersticken. Sie waren widerliches Gewürm, nur seinen Onkel, der bei der Stadt arbeitete und ein ordentliches Leben führte, mochte er. Als er noch ein Kind gewesen war, hatte er oft beobachtet, wie sein Onkel mit dem Stock nach den Hacken seiner Tante geschlagen hatte. Seine Mutter schenkte ihm ein Buch. Sie schenkte ihm immer Bücher, die sie fürsorglich auswählte. Es kam ihr naheliegend vor, aber er verachtete sie für dieses bedenkenlose Verhalten. Von seinem Vater bekam er Schnaps, von dem er abends zu viel trank. Im Rausch wischte er sich lachend mit den Seiten des Buchs seiner Mutter den Hintern ab.

Ich komme morgen vorbei“, gab sein Kollege am Donnerstag Bescheid. „Wir werden sehen, ob du etwas zu lesen für mich hast.“

Also musste er den Tag am Schreibtisch verbringen. Er schrieb mit der Hand und würgte die Worte vom Stift auf die Seiten. Es war Erbrochenes. Doch sein Schriftstellerkollege schob am nächsten Tag die Brille hin und her und sagte:

Da hast du es. Der Herbst versetzt uns alle in die Stimmung, etwas Bedeutungsvolles zu verfassen.“

Ende des Jahres reichte er ein aufgedunsenes Werk ein, hinter dem er nicht stand. Es machte ihn berühmt und wichtig. Man sprach über ihn und listete seinen Namen in Kanons auf, zitierte seine Sätze und orientierte sich an Aussagen, die er nur gemacht hatte, um vor seinem Kollegen, über den er schlecht dachte, nicht wie ein Schaumschläger dazustehen. Ironisch, dass es gerade Schaum und Spucke waren, mit denen er Literaturpreise und Auszeichnungen gewann.

Am Tag seiner Beerdigung gab es eine große Zeremonie. Schwarz verkleidete Menschen hielten überschminkte Reden, quetschten sich auf Sitzbänken zusammen und unterhielten sich in Füllwörtern.

Es ist schon seltsam“, sagte seine Schwester zu seinem alten Schriftstellerkollegen, der es nie zu Erfolg gebracht hatte. „Er war doch ein ekelhafter Mensch.“

Das ist egal“, sagte der Schriftsteller. „Von all deinen Taten zählen am Ende nur die wenigsten. Oft nur eine einzige.“

Der Dampf

Zwei Männelesend 3r saßen auf einer Holzbank und rauchten. Es war dunkel und sie waren allein, niemand sah sie, und so ist es unerheblich, zu erwähnen, wie sie aussahen, es sei aber gesagt, dass einer von beiden bessere Kleider trug als der andere, der Dunkelhaarige, der gleichzeitig leidenschaftlicher an seiner Zigarette zog. Er rauchte wie einer, der dem Leben etwas beweisen musste, während der andere, ein blonder Mann, nur ab und an einen Zug nahm und absolut niemandem einen Beweis schuldig war.

„Heute Nacht sieht man alle Sterne“, sagte der Dunkelhaarige.

Der blonde Mann sah nicht zum Himmel. Das waren vielleicht 3000. 3000 von Aberhundertmilliarden von Sternen. Kein Mensch hatte je alle gesehen.

„Eine klare Nacht“, sagte er. „Deshalb ist es so kalt.“

„Deshalb sehen wir unseren Atem.“

Der blonde Mann schwieg.

„Kälte ist der ehrlichste Zustand“, sagte der Dunkelhaarige. „Er wird sichtbar.“

„Wer?“

„Der Dampf. Der Dampf, den die Menschen von sich geben.“

„Das Wasser kondensiert in der Umgebungsluft“, sagte der Blonde.

Der Dunkelhaarige lachte. Er lachte für ein abwesendes Publikum.

„Ihr Studierten!“, sagte er dampfend mit bebenden Nasenflügeln. „Ich konnte euch nie leiden.“

Der blonde Mann schwieg.

Weiter weg und über seinem Kopf winkten Buchenäste vor dem Tor wie Besucher, die eingelassen werden wollten. Ein Hund kläffte.

„Ich glaube, meine Frau betrügt mich“, sagte der Dunkelhaarige. Er war besser gekleidet, er sah trotzdem verfallener aus. Er hatte eifersüchtige Augen und magere Wangen. Ein Teil seines Gesichtes schien schon lange verhungert und die ganze Zeit verzog er seinen Mund so, als wolle er sich selbst verzehren.

„Wie kommst du darauf?“

„Sie hat sich verändert.“

Der blonde Mann lächelte gelblich. Seine Augen waren wie stillgelegte Bergwerke, tief, aber es ging darin nicht mehr viel vor sich.

„Wir alle haben uns verändert.“

„Wir alle haben uns verändert.“ Der Dunkelhaarige wiederholte den Satz. Er spuckte seinen faden Nachgeschmack aus. „Binsenweisheiten. Für Binsenweisheiten vergeude ich nicht meinen Tabak an dich. Ich riskiere hier etwas für dich. Widme dir Zeit.“

Der blonde Mann schwieg. Er schmeckte den Tabak auf seinem Gebiss.

„Ich riskiere hier etwas für dich“, wiederholte der Dunkelhaarige. Er war plötzlich verletzt, vielleicht von seinem Zeitgenossen, vielleicht vom Leben.

„Hast du Kinder?“, fragte der Blonde.

„Ach, mein Freund.“ Der Dunkelhaarige rauchte und atmete Dampf aus. „Ich habe drei Kinder. Drei Söhne.“

„Für die Kinder ist es am schlimmsten“, sagte der Blonde. „Für die Kinder sind die Eltern unantastbar. Sie sind sich unserer Fehlbarkeit nicht bewusst. Wenn wir uns selbst zerstören, oder gegenseitig, zerstören wir sie mit.“

„Kinder müssen eine Menge mitmachen.“ Der Dunkelhaarige schmatzte leise, Dampf stieg aus seinen Mundwinkeln. Er linste hoch zu den 3000 Sternen.

„Für mich war es immer das Wichtigste“, sagte der Blonde, „mein Kind zu beschützen.“

„Die Kinder können sich ihre Eltern nicht aussuchen“, sagte der Dunkelhaarige zum Mond. Er stand heute bleich am Himmel, ein weißer Fleck auf einer schwarzen Tapete. „Wir wollen sie beschützen, aber meistens scheitern wir.“

„Wir müssen es bis zuletzt versuchen.“

„Es geht nicht um meine Söhne. Es geht um meine Frau.“

„Du kannst das nicht trennen. Du kannst Familie nicht trennen. Am Ende stellt sich nur die Frage – was wird aus der Familie?“

„Du denkst viel über deinen Sohn nach, oder?“

Der blonde Mann schwieg.

„Tut mir leid, das mit deinem Sohn.“

Der blonde Mann schwieg.

„Rauch“, sagte der Dunkelhaarige. „Das ist guter Tabak.“

„Fragst du dich nicht“, erwiderte der Blonde, die Zigarette war ihm egal, er war kein Raucher, „was aus deinen Kindern wird?“

Der Dunkelhaarige schnupfte kalte Luft.

„In meiner Situation ist es schwer, an andere zu denken. Ich erwarte nicht, dass du es verstehst. Wenn meine Frau mich betrügt, wenn ich sie verliere, ist mein Leben vorbei. Dann ist alles vorbei.“

„Das Leben deiner Söhne wird nicht vorbei sein. Sie haben ihr Leben noch vor sich. So wie mein Sohn.“

Der dunkelhaarige Mann schwieg. Durch die Buchenzweige blies Wind. Die Blätter raschelten wie Schellenkränze.

„Lass mich dir einen Rat geben.“ Schließlich zerquetschte er den Zigarettenstumpen unter seinem Stiefel. Er seufzte tief aus dem Rachen, was eine Menge Dampf ausstieß, als er dem Blonden auf den Rücken schlug, wie es sich unter alten Freunden gehörte. „Ich habe das mit meiner Frau lange nicht wahrhaben wollen. Habe mir eingeredet, dass sie zu Hause sitzt, während ich fort bin. Dass ihre Kleider nicht nach fremden Männern riechen. Dass sie immer noch dieselbe ist. Manchmal muss man loslassen. Der Wahrheit ins Gesicht sehen.“

Sein Gesicht war das einzige, in das der andere blicken konnte, so nah war er ihm.

„Ich glaube nicht“, sagte der blonde Mann kalt, „dass sich unsere Situationen vergleichen lassen.“

„Deine Frau ist dir treu.“

„Deine Söhne sind gesund und frei. Und du denkst nicht an sie.“

„Weil es um sie nicht geht.“

„Es geht immer um sie. Sie sehen zu dir auf. Das heißt, sie sehen alles mit an! Vom Augenblick ihrer Geburt an geht es um sie. Und darum, sie vor unseren Fehlern zu bewahren, und vor unserem Schicksal.“

Der dunkelhaarige Mann stand auf. Als ihm klar wurde, dass dieses Gespräch keinen Trost für ihn bereit hielt, ärgerte er sich über seinen Annäherungsversuch.

„Ich wollte dir einen Gefallen tun.“ Er schnippte die Zigarette aus der Hand des Blonden, der es teilnahmslos geschehen ließ. „Ich teile mit dir. Aber du gibst mir nichts dafür zurück. Nicht fünf Minuten deiner Aufmerksamkeit.“

„Was willst du von mir hören? Ich habe dir ehrlich geantwortet. Du willst mir einen Gefallen tun? Du weißt, was du tun musst.“

Der Dunkelhaarige lachte zornig. In der nächsten Sekunde versteinerte sein Gesicht nachdenklich.

„Du hast Recht“, sagte er.

Zum ersten Mal rührte sich etwas Schwerwiegendes in der Miene des Blonden. Er sah auf. In seinen Augen leuchtete etwas Neues. “Wirklich?“

„Ja ja!“ Der Dunkelhaarige winkte widerstrebend ab. „Ich war nicht immer ein guter Mensch. Ich weiß, dass es zu einem Teil meine Schuld ist – die Sache mit meiner Frau. Sie hat immer gesagt: Zeig Herz! Oder hast du keins?“

Der Dunkelhaarige durchbohrte den Blonden mit stromgepeitschtem Blick, einem Blick, der inständig nach Anteilnahme und Vergebung suchte, doch der blonde Mann war mit den Gedanken woanders.

„Also muss ich Herz zeigen, schätze ich. Vielleicht hat ihr das gefehlt.“

„Ja. Zeig Herz. Zeig Herz. Sie wird es merken!“

„Und dann wird schon alles gut. Du hast Recht, mein Freund. Ich kann nicht einfach alles aufgeben. Ich muss an meine Familie denken. Und vielleicht, wer weiß, hab ich mich wirklich geirrt.“ Der Dunkelhaarige lachte erleichtert. Dampf stieg auf.

Einen Moment schwieg der blonde Mann tiefer als je zuvor. Er saß dort mit dickem Hals, als habe der andere ihm einen Brocken hingeworfen, den er noch zu schlucken hatte.

„Sei ein guter Mensch.“ Schließlich fand er seine Stimme. „Dann wird alles gut werden.“

„Alles wird gut werden…das war ein überraschend gutes Gespräch. Du hast Recht. Es wird gut werden. Steh auf, wir gehen.“

Der Mond tünchte die Holz- und Steinhäuser in friedliches Silberlicht. Irgendwo zerschnitt das Bellen eines Hundes Kinderweinen. Als die beiden Männer in Richtung der Baracken verschwanden, winkten die Buchenzweige ihnen zum Abschied.

Am nächsten Morgen gingen beide denselben Weg zurück.

Es war jetzt hell und die Sonne buk das Lager wie ein Brot, das vom Herren im Ofen vergessen worden war. Der Dunkelhaarige führte den Blonden. Beide waren blass wie Leichen. Sie waren diesmal nicht allein. Da waren andere in Uniformen und andere in schäbiger Kleidung. Im Bauch des Nachbargebäudes weinten Kinder. Eine Frau erhob sich aus einem Schutthaufen. Sie versuchte, zu ihrem Mann zu kommen, aber das Gebell der Wachhunde trieb sie zurück. Die Menschen, die hier gingen, hatten keine klaren Inhalte mehr im Gesicht. Der blonde Mann starrte auf den Hinterkopf seines Sohnes, der gebückt vor ihm ging, dessen Füße aufgeplatzt und voller Schorf waren. Das Pflaster unter ihren Sohlen war heiß wie eine Schmorschale.

Die Männer mit Waffen, zu denen der Dunkelhaarige gehörte, stellten die Männer in Lumpen, zu denen der Blonde gehörte, in zwei Reihen auf. Zwanzig Mann in zwei Reihen gepresst, die Hälfte davon halbe Knaben. Der blonde Mann stand am Rand, sein Sohn gegenüber. Der Junge weinte. Er versuchte, es zu verstecken, aber sein Kiefer klapperte wie Gebeine. Sein Vater hatte den stumpfsinnigen Zug Verratener um den Mund, die von ihrer eigenen Hoffnung vorgeführt worden waren. Er zuckte nicht einmal mit den Wimpern, als der dunkelhaarige Mann ihn an der Schulter packte.

„Es wird gut werden“, versprach er. Er redete leise, aber in aller Deutlichkeit. „Ich denke an deinen Sohn.“

Der blonde Mann hob den Kopf. Noch einmal kehrte das Leben in seinen Blick zurück. Seine fleischlose Fratze suchte Antworten und Lösungen in der abgezehrten Fratze des anderen.

Die Männer in Uniformen legten an. Einer gab Kommando. Auf Ruf schossen sie den Knaben in den Kopf. Die ganze Reihe ging zu Boden wie Puppen.

„Dieser Junge muss das Schicksal seines Vaters nicht mitansehen“, sagte der Dunkelhaarige. Dann kam wieder Kommando. Den nächsten Schuss gab er ins Gesicht des blonden Mannes ab. In der Luft vermengte sich der Dampf aus seinem Mund mit dem der Pistole.

Entstanden für Vision und Wahn (06.06.2018, Thema „Gesichtswurst“)

Von der Endlichkeit der Worte

Thomas Mann hat einmal etwas darüber geschrieben, dass ein Schriftsteller ein Mensch sei, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen.

Leopold Friedmann hatte diesem Satz nie etwas abgewinnen können. Er war Schriftsteller. Das Schreiben fiel ihm so leicht wie das Sprechen und das Sprechen fiel ihm so leicht wie das Atmen. Er hatte einen überbordenden Wortschatz, redete sich durch alle Facetten des Lebens und hatte sogar dann noch etwas zu sagen, wenn niemand ihm mehr zuhören konnte. Er liebte die großen Worte und die kleinen. Er machte sich nie lange Gedanken, bevor er sie ausgab, warf sie in die Welt wie Perlen vor die Säue, denn er wusste, egal, wie viele er aussprach, es gab immer mehr davon.

So wurde er der erste Mensch, der über die G_1030177renze kam. Vor Leopold Friedmann war nicht bekannt gewesen, dass es diese Grenze gab, den Punkt, an dem Worte endeten. Für die meisten Menschen war dieser Punkt der Tod. Leopold stand mitten im Leben. Er erwachte eines Tages und bemerkte, dass er seine Worte ausgegeben hatte. Er griff sich an die Kehle. Er durchrüttelte seinen Hals. Er trank einen Hektoliter Wasser. Er hatte seine Worte vergeudet. Im Glauben, immer genug davon zu haben, hatte er sie aus dem Fenster geschmissen und so manche bedeutungslose Floskel gleich mehrfach gesagt, manche unwichtige Geschichte unnötig aufgeblasen.

Kein Arzt konnte ihm helfen. Kein Mensch sein Problem verstehen. Wie auch, er konnte es ihnen nicht mehr erklären. In seinem Schweigen verkümmerte er, blieb allein. Er wurde zu einem Menschen mit grauem Gesicht und hängendem Mund, und weil ihm das Verständnis für Worte abhanden gekommen war, las er auch nicht mehr.

Er blieb nicht der Einzige. Nach und nach folgten andere, die ihre Gesamtzahl an Worten ausgegeben hatten. Was lag dahinter? Wie lautete die Diagnose?

Wie lange hätte Leopold noch sprechen können, hätte er unterschieden? Seine Worte abgewägt, nur die ausgesprochen, die Gehalt hatten.  Aber das hatte er nicht. Er hatte sie wie etwas Bedeutungsloses behandelt. Hätte er gewusst, dass Worte endlich waren, er hätte es doch ganz anders gemacht! Aber warum eigentlich hatte er das nicht von Anfang an?

Die Alte

jane-buchpremiere-berlinDie Alte wohnte in der Wohnung gegenüber, damals in der Wilhelminenhofstraße. In den vier Jahren, in denen ich dort gelebt habe, verging kein Tag, an dem ich sie nicht ein oder zweimal auf dem Balkon stehen sehen habe. Sie rauchte, hustete und spuckte kleine Brocken vom ersten Stock. Manchmal winkte ich ihr zu, sagte „Hallo“ oder „Endlich haben wir Sommerwetter.“ Sie hat mich meistens nicht auf Anhieb verstanden, aber ich war sicher, dass sie sich freute, wenn jemand mit ihr redete, denn sie bekam nie Besuch. Meine Mitbewohnerin verbrachte viel mehr Zeit auf dem Balkon als ich. Sie begegnete ihr mehrmals täglich, konnte sich aber nie überwinden, die Alte anzusprechen.
„Ich nehme es mir vor“, hat sie oft gesagt. „Aber sie ist so unheimlich. Ich kann nicht.“

Eines Tages bekam die Alte Besuch von Männern. Ich kam gerade von einer Fortbildung, als sie mir auf dem Flur begegneten. Ich weiß nicht, welche Sprache sie redeten. „Ah“, dachte ich mir, und wahrscheinlich war ich dabei ein bisschen jovial. Wohlmeinend wie mit einer antiken Suppenschale, der endlich ein Platz im Küchenregal freigeräumt wurde. „Ah, das ist vielleicht ihre Familie. Vielleicht zieht sie um.“
Aber sie zog nicht um. Obwohl ihre Wohnungstür nach diesem Tag lange verschlossen blieb.
„Hast du eigentlich die Alte mal wieder gesehen?“, fragte mich meine Mitbewohnerin eines Tages. „Ich sehe sie nicht mehr. Ihr Fehlen ist fast noch unheimlicher als ihr Vorhandensein.“
„Warum?“, fragte ich.
„Weil auf dem Balkon immer noch die Erinnerung an sie steht.“
Ich merkte es auch, wenn ich von der Arbeit kam und auf der Straße unterhalb ihres Balkons vorbei ging. Manche Orte kommen einem kälter vor als andere. Vielleicht war es dieses Gefühl, das mich dazu brachte, letztendlich an der Wohnungstür der Alten zu lauschen. Sie war grün lackiert, schon halb abgesplittert. Es gab ein Guckloch und einen Briefkastenschlitz, durch den zu schauen ich mich nicht traute. Ich hörte nichts. Aber was hätte ich auch hören sollen? Schon als die Alte noch auf dem Balkon gestanden hatte, hatte man außerhalb des Balkons nie etwas von ihr gehört.
„Ich glaube sie ist tot“, sagte meine Mitbewohnerin an einem Mittwoch. Mittwochs kam sie später nach Hause und als sie auf dem Balkon stand, war es schon dunkel.
„Aber brennt da nicht Licht hinter ihrer Balkontür?“, fragte ich.
Sicher waren wir uns nicht.
„Sollen wir klopfen?“
„Und dann?“
Die Vorstellung, freiwillig an der Tür der Alten zu klopfen, war genauso abwegig wie nachts allein über einen Dorffriedhof zu spazieren. Mein Mut reichte gerade aus, um den Briefschlitz an ihrer Tür anzuheben. Ich musste mich bücken, um durchsehen zu können. Selbst heute kann ich das Gefühl der Angst nicht beschreiben, das mich beim Anblick des kleinen Ausschnitts von Wand und Boden überkam.
„Was siehst du?“, fragte meine Mitbewohnerin hinter mir, die in den todstillen Flur lauschte.
„Es liegt Schmutz rum.“
Ich blickte in die Intimsphäre der Alten. Es war unwahrscheinlich, dass ihr Gesicht plötzlich vor der Fuge auftauchte, die ich durch den Spalt erkannte. Das war auch nicht, was meine Beklemmnis auslöste. Aber was es war, das konnten irdische Worte nicht ausdrücken.

Wie alle Dinge in Vergessenheit geraten, wenn man sie sich nicht mehr vergegenwärtigt, verblasste auch die Erinnerung an die Alte mit der Zeit. Ich habe zu Beginn behauptet, dass in meinen vier Jahren in der Wilhelminenhofstraße kein Tag verging, ohne dass sie auf dem Balkon stand. Das war nicht ganz richtig, denn es vergingen viele davon, auch wenn es erst zum Ende hin war. Früher hatte sie manchmal von oben auf die Straße gehustet und etwas ausgespuckt. Man hatte vorsichtig sein müssen, wenn man darunter durch ging, denn sie hatte nie darauf geachtet, ob sie jemanden traf. Mittlerweile ragte der Balkon kalt und leer aus der Hauswand und niemand spuckte mehr herunter. Und schließlich schien er genauso zu verblassen wie die Erinnerung an die Alte, die darauf gestanden hatte.

Irgendwann begegnete sie mir plötzlich wieder. Ich schloss gerade die Tür unseres alten Berliner Wohnhauses auf, da zog sie von innen her am Griff und erschien auf der anderen Seite. Ihr Gesicht war ganz nah vor meinem. Und obwohl es niemand anders sein konnte als die Alte, blieb mir bei ihrem Anblick das Herz stehen. Sie hatte sich auf eine Weise verändert, die das Auge schwer deuten, das Gefühl aber sofort als beklemmende Unstimmigkeit wahrnehmen kann. Es war das Zuschnüren meiner Brust, das ich auch damals gefühlt hatte, als ich durch den Briefschlitz in ihre Wohnung geschaut hatte, damals, als ich noch dachte, sie wäre tot. Sie sagte „Hallo“ zu mir, dann war sie vorbei. Zum ersten Mal überhaupt sah ich sie außerhalb ihres Balkons. Das war sie gewesen. Aber ihr Gesicht hatte seltsam ausgesehen. Als hätte eine komische Kindlichkeit dort Einzug gehalten. Rosafarben, mit einer anderen Nase. Mit einer veränderten Haltung und irgendetwas an ihr, schwer zu sagen, was genau, war gegen die Natürlichkeit.
„Wie meinst du das, mit einer anderen Nase?“, fragte meine Mitbewohnerin, als ich ihr von der Begegnung unten an der Haustür berichtete.
„Ihre Nase war anders. Sie hatte eine andere Form. Wie ein Tropfen. Eine andere Person kann es nicht gewesen sein, dafür war sie sich zu ähnlich. Aber irgendetwas hat mit ihrem Gesicht nicht gestimmt.“
Wir hörten die Alte nicht mehr husten. Sie kam auch nicht mehr zum Rauchen auf den Balkon. Aber ich bin mir sicher, dass ich sie gesehen habe, an jenem Tag, als sie das Haus verließ und fortging.

Ich dachte an die Männer, die bei ihr zu Besuch gewesen waren. Was hatte ich überhaupt von ihnen gewusst? Sie waren sehr gut gekleidet gewesen und ich hatte sie nicht verstanden. Davor und danach hab ich sie nie wieder bei der Alten gesehen. Ich habe ja auch die Alte selbst nur noch ein einziges Mal gesehen. Ein paar Wochen warf ich noch erwartungsvolle Blicke auf die grüne, zersplitterte Tür gegenüber wann immer ich die Wohnung verließ. Dann zogen wir um. Ich komme nur noch sehr selten in diese Gegend. Die Wilhelminenhofstraße löst Unwohlsein in mir aus. Manchmal frage ich mich, ob die Alte noch da oben ist. Ihr Name steht noch an der Tür.

(©2017 Jane Steinbrecher)