Langstreckenflug oder: Der falsche Jude – Ein Urlaubsreport (der nur über den Flug geht)

Mein erster Langstreckenflug geht von Helsinki nach Bangkok. Mein Sitzplatz ist möglichst kompliziert gelegen. Ich sitze im Mittelgang, so weit weg vom Fenster, wie es nur geht, eingezwängt zwischen anderen Passagieren. Links von mir sitzt mein Freund Hannes – Name geändert – der noch einen riesengroßen Finnen neben sich hat. Dieser Finne bräuchte eigentlich zwei Plätze. Leider gehört einer davon Hannes. Rechts neben mir sitzt ein Deutscher mit Spreizbeinsyndrom – ihn werde ich überwinden müssen, wenn ich auf den Gang will.

Als wir losfliegen, kommt eine Stewardess und wedelt mit einer Plastikbox vor ihm rum. Ich höre sie etwas von Ofen sagen und von „Zusammen mit dem Rest warm machen“.

Als sie weg ist, erkundige ich mich höflich bei meinem Nebenmann: „Was wollte die denn? Hast du dein eigenes Essen dabei oder was?“

Ich bin Jude“, antwortet er. „Also bin ich nicht, aber bin ich.“

Ich trage einen Moment lang das blöde Gesicht, das man hat, wenn im Gehirn tendenziell überfordernde Prozesse stattfinden. Dann wird mir klar, dass der Typ koscheres Essen bestellt hat.

Aber warum?“, frage ich ihn.

Das koschere Essen kommt meistens vor allen anderen.“

Mein Sitznachbar ist eine Koryphäe der Erhabenheit wie er da sitzt, ein falscher Jude unter Nicht-Juden, der uns alle überlistet hat. Er kommt sich ganz gewitzt vor.

Ich weiß nicht mehr, was ich auf dem Rückflug bin“, sagt er. „Hindu?“

So viel Raffinesse stimmt uns ganz begeistert! Warum sind wir nicht auf so einen Plan gekommen?! Gleichzeitig fühle ich, dass es meine soziale Verantwortung ist, ein bisschen empört zu sein über so einen perfiden Trick.

Bei Langstreckenflügen hat jeder einen kleinen Bildschirm vor sich, auf dem man Filme schauen kann. Ich bespreche mich mit Hannes darüber, welchen Film wir schauen wollen, als er unvermittelt einschläft. Er weiß es noch nicht, aber es wird die einzige halbe Stunde Schlaf sein, die er auf dem 9,5 Stunden Flug bekommt. Er wacht auf, als das Essen serviert wird. Rechts von mir schaut der falsche Jude verdutzt, weil er sein Essen als letzter aus der Reihe bekommt. Wir haben die Wahl zwischen irgendwas mit Hähnchen und irgendwas mit Rind. Dazu gibt es Salat, ein geschrumpftes Margarinebrötchen und aus irgendwelchen Gründen eines von diesen winzigen Milchschälchen, die man in Cafés bekommt. Für Flugzeugverhältnisse schmeckt manches davon überraschend gut. Mein Freund Hannes späht an mir vorbei auf die Schale des falschen Juden.

Was isst du denn da?“

Das frag ich mich ehrlich gesagt auch.“

Der falsche Jude stochert misstrauisch in einer gelben Griespampe herum. Dazu bekommt er zwei Stücke panierte Pappe und zwei Katzenfutterschälchen. In einer davon ist einfach noch mal die gleiche Pampe wie in seiner Hauptbox, nur mit mehr Gelatine. In der anderen ist eine Pampe aus Früchten, die er scheinbar mit Crackern essen soll. Er sieht aus, als wolle er konvertieren.

Nach dem Essen bleiben Hannes und ich wach und schauen ein paar Filme. Es ist komplizierter als normal, weil jeder von uns seine eigenen Kopfhörer hat und einen eigenen Bildschirm und wir aber diese Idee in unserem Kopf haben, dass wir als Pärchen unbedingt zusammen schauen müssen. Die Touchscreens sind dermaßen ignorant, dass es nichts bringt, gleichzeitig auf Start zu drücken, außerdem wird vor dem Film unterschiedliche Werbung von glücklichen Finnen eingeblendet. Wir drücken immer abwechselnd auf Pause, um irgendwann an der gleichen Stelle zu sein, was lächerlich lang dauert, aber ich finde es inkonsequent, seinen Perfektionismus nicht auch auf die Banalitäten des Lebens zu übertragen.


Der falsche Jude mit dem Spreizbeinsnydrom schläft ein. Er hat die Armlehne schon vollständig okkupiert und kriecht jetzt langsam rüber zu mir. Sein Knie ragt in meinen Beinraum, sein Ellenbogen steckt in meiner Taille.

Hannes geht es nicht besser. Der finnische Riese hat eine stille Abmachung mit sich selbst getroffen und beschlossen, dass ihm wenigstens anderthalb Plätze zustehen.

Hannes fühlt sich eingeengt und flieht sich in meine Richtung. Auch der falsche Jude rutscht immer näher.

Da ich meiner Lage schlecht entkommen kann, will ich versuchen, zu schlafen und mir vorher die Zähne putzen, das ist eine Beschönigung für Pissen gehen, aber ich will nicht, dass ihr euch das bildlich vorstellt.

Ich muss am falschen Juden vorbei.

Er schläft tief und fest, die Beine weit auseinander, und wacht nicht auf, als ich absichtlich umständlich aufstehe. Ich schlage gegen seine Schulter. Er wackelt nicht mal. Ich habe Hemmungen, einfach über seinen Schoß zu steigen, weil es komisch wird, wenn er im falschen Moment dann doch aufwacht. Ziemlich erbärmlich komm ich mir vor, wie ich da im Flugzeug stehe und nicht an einem Menschen vorbeikomme, der Katzenfutter isst. Als wäre das Ganze noch nicht lächerlich genug, hat sich die Serviette, die bei Flugzeugsitzen den oberen Teil abdeckt, wahrscheinlich aus Hygienegründen, bei ihm gelöst und steht ihm jetzt vom Kopf ab wie ein schiefer Hahnenkamm.

Letztendlich springe ich über ihn, nur so halb elegant, er schreckt verwirrt hoch, aber ich renne schon den Gang entlang, in der kühnen Annahme, dass er mich nicht sieht. Ich beeile mich mit dem Zähneputzen, in der Hoffnung, dass er noch wach ist, wenn ich zurückkomme. Er ist nicht mehr wach, als ich zurückkomme.

Diesmal schubs ich ihn heftiger und tue dann so, als wäre es eine Turbulenz.

Meine Idee, zu schlafen, lässt sich nur so halb umsetzen.

Erstens: Es gibt zu viele Filme im Flugzeug, die ich sehen will. Zweitens: Diese fremden Typen machen sich zu fett.

Hannes will nicht Cinderella schauen, ich will kein Spiderman Spin-Off sehen, drum schaut jeder für sich. Die Kopfhörer brüllen mir ins Ohr und lassen mich erst Recht nicht schlafen. Ich weiß nicht, wie man sie leiser macht. Garantiert ist das leicht, ich bin fast sicher, dass der Knopf dafür in meiner Lehne ist, aber die ist in fremdem Besitz, außerdem spüre ich diese sinnlose Art von Faulheit, die einen manchmal überkommt und einen abhält, die einfachsten und sinnvollsten Dinge zu tun.

Wenn der Ton laut ist, spricht mich wenigstens keiner über die Kopfhörer hinweg an.

Aufstehen darf ich auch nicht, weil echte Turbulenzen eintreten und forsche Lautsprecheransagen ständig das Soundsystem kapern und uns ermahnen, dass es verboten ist, auf die Toilette zu gehen. Der Finne neben Hannes muss auf die Toilette und lacht. Er nimmt das Leben mit Humor, Platz macht er trotzdem nicht.

Zwei Stunden vor Landung wird plötzlich das Frühstück ausgeteilt. Es wurde uns als leichtes Frühstück angekündigt, ist aber mehr als das Abendessen. Wir bekommen einen kleinen Kuchen aus Sandteig, Omelette, Pilze in Tomatensauce und eine Kartoffeltasche mit Quarkfüllung. Das komische Margarinebrötchen und die Milch sind auch wieder dabei. Ich frage mich, in welchem Land man so was frühstückt.

Durch meine Kopfhörer vernehme ich eine Stimme neben mir. Der falsche Jude macht Geräusche. Ich hab ihn nicht verstanden und hake höflich nach:
„Was!?“

Ich bin gerade sehr unglücklich.“

Das war der beste Moment des Fluges für mich, als ich gesehen habe, dass er einfach nochmal die gleiche Scheiße bekommen hat wie beim Abendessen. Einzige Ausnahme, dass bei der Fruchtpampe diesmal kleine Salzbrezeln dabei sind anstatt Cracker. Das scheint bei der Airline der Unterschied zwischen einem koscheren Abendessen und einem koscheren Frühstück zu sein. Der falsche Jude weint fast.

Seine ganze Erhabenheit muss irgendwo zwischen seinem Serviettenhäubchen und dem Frühstück verloren gegangen sein.

Aus Barmherzigkeit gibt Hauke ihm schließlich etwas ab. Hauke ist die gleiche Person wie Hannes, wenn ich zum Ende eines Textes hin aus Inkonsequenz die Namen nicht mehr ändere.

Jedenfalls riskiert der falsche Jude sogar, aufzufliegen, weil er wirklich kein Katzenfutter mehr essen möchte, nebenher beschwert er sich über bis heute andauernde Diskriminierung, was ich aus seiner Position heraus etwas gewagt finde.

Die Maschine landet in Bangkok.

Ich habe einen ganzen Urlaub, um mich von diesem Flug zu erholen. Tatsächlich war der falsche Jude ein ganz sympathischer Kerl und ein gutes Beispiel dafür, dass sich nicht jeder kreative Ansatz auszahlt.

Trotzdem: Ich hoffe, ich sitze auf dem Rückflug am Fenster und nicht neben einem falschen Hindu.

Alte Ideale

Im Zimmer hängen heute an den Wänden

in goldnen Rahmen alte Ideale.

Und steht es schlecht, dann kann er sie verpfänden,

der gute antiquierte Liberale.

 

Er nennt sich selbst moralischer Stratege.

Ein Protegé des eignen Vorteilsstrebens.

Sein Ego ist Trabant für alle Wege

und sinnloser Bestandteil seines Lebens.

 

Er tauschte ein paar Werte recht gerissen.

Er wuchs, so sagt er, über sich hinaus.

Denn mit mehr Geld und weniger Gewissen,

staffiert es sich ganz leicht erfreulich aus.

 

Bei ihm ist nichts wie ehemals geblieben.

Er hat sein ganzes Leben renoviert,

die Seiten seines Wesens umgeschrieben

und sich ein neues Image tapeziert.

 

Nur in den Augen sitzt ein schwacher Schimmer

in seinem Ausdruck schmerzlich festgekettet.

Die letzte Redlichkeit im Hinterzimmer,

dort eingesperrt und vor sich selbst gerettet.

Der kleine Nazi

Es regnet stark

drum hat der kleine Nazi, stets verdrossen,

das überdachte Bahngleis ganz für sich erschlossen.

So steht er da im schmalen Unterstand

und hat, weil er ein kleiner Nazi ist,

sein Hirn zu nutzen also gern vergisst,

den Regenschirm noch feste in der Hand.

 

Und vor dem Dach, im kalten Regen frierend

steht, ohne Schirm, ein zweiter Mann am Bahngleisrand.

Der kleine Nazi sieht ihn sich kurz an

Er kennt ihn nicht, es ist ein fremder Mann.

Da weiß der Nazi, trocken resultierend:

Ich seh’s ihm an, es ist ein Immigrant.

 

Und schreit gleich zornig unterm Dach hervor

(den Schirm, den hält er immer noch empor),

Sein Zug ist längst schon abgefahren, er merkt es nicht,

ist ganz vertieft in die besorgter-Bürger-Pflicht:

„Ich lass mich von dir Lumpen nicht vertreiben,

Ich werd den ganzen Tag hier stehen bleiben!

Nicht einen Zentimeter werd ich mich bewegen,

denn DEINETWEGEN steh ich nicht im Regen!“

Schrullen-WG

„Würdest du sagen, ich bin exzentrisch?“

Manchmal, wenn mir eine Frage oder ein bestimmter Gedanke einfällt, unterbreche ich alles, was ich gerade tue, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Meine beste Freundin schaut von ihrem Kalender auf. Sie überlegt einen Moment.

„Naja. Du läufst gerade nackt durch die Wohnung mit einer Unterhose auf dem Kopf.“

„Das ist was anderes! Ich geh gleich duschen. Ich vergesse sonst, wo ich sie hin getan habe.“

„Na dann…nein. Wahrscheinlich nicht.“

„Nicht? Findest du nicht? Findest du nicht, dass ich exzentrisch bin?“

Meine beste Freundin war schon wieder in ihren Kalender eingetaucht. Sie schaut noch mal hoch.

„Findest du nicht, dass ich exzentrisch bin?“

„Vielleicht ein bisschen.“

„Achja? Warum?!“

„Wie kommst du überhaupt darauf?“

„Du bist viel exzentrischer mit deinem Kalender, in den du in Japanisch schreibst!“

Meine beste Freundin hat Japanologie studiert. Um die Sprache nicht komplett zu verlernen, schreibt sie ihre Termine in Kanji-Schriftzeichen. Auf die Weise bekommt sie viel Übung, weil sie ihr ganzes Leben durchterminiert.

Dank mir kann sie sich an die meisten Termine nicht halten.

Viel von dem, was sie sich vornimmt, kommt mir langweilig vor. Ich lege ihr deshalb öfter Alternativen nahe. Netflix anstatt Aufräumen, Ausgehen anstatt Ausschlafen, Karaoke im Wohnzimmer anstatt Arbeiten. Sie ziert sich meistens zuerst ein bisschen. Aber spätestens, wenn ich beleidigt bin, sieht sie ein, dass sie viel mehr Lust auf meine Vorschläge hat als auf ihre eigentlichen Pläne.

„Wie kommst du überhaupt darauf?“

„Worauf?“

„Exzentrisch.“

„DU hast doch gesagt, ich bin exzentrisch!“

„DU hast mich gefragt!“

„Ja, aber DU hast es gesagt.“

„Kannst du – dir bitte was anziehen? Ich kann nicht mit dir diskutieren, wenn du so aussiehst.“

„…….Wir kommen alle nackt auf die Welt.“

„Aber nicht nackt mit Unterhose auf dem Kopf.“

Mit revolutionärer Bewegung reiße ich mir den Slip aus den Haaren und schaue sie dabei herausfordernd an.

„Meine Mutter hat gesagt, dass eine WG nichts für mich ist“, erkläre ich. „Wegen der Eigenheiten meiner Mitbewohner. Sie hat gesagt, ich hab selbst zu viele.“

„Wann hat sie das gesagt?“

„Na damals! Als wir zusammengezogen sind.“

„Da warst du 18.“

„Ja.“

„Jetzt bist du 32.“

„Es ist mir eben gerade eingefallen. Manchmal, wenn mir eine Frage oder ein bestimmter Gedanke einfällt -…“

„Ich weiß.“

„Also stimmt das? Hatte sie Recht?“

„Ich habe das Gefühl, mich, egal was ich sage, in eine verfängliche Lage zu bringen.“

„Sag einfach die Wahrheit. Ich kann mit der Wahrheit umgehen.“

Meine beste Freundin schweigt eisern.

„Ich kann mit der Wahrheit umgehen“, sage ich.

Sie klappt ihren Kalender zu.

„Dein großer Zeh steht immer ab.“

Ich blicke an mir herab. Sie hat Recht. Ich spreize meinen großen Zeh meistens ab. Ich kaufe meine Schuhe sogar extra eine Nummer größer, um mir diesen Komfort auch unterwegs leisten zu können.

„Das zählt nicht als Schrulle.“ Ich schüttele den Kopf und ziehe mir, da ich doch nicht gleich zum Duschen komme, eine lange Strickjacke über.

„Das macht es jetzt nicht wirklich besser“, macht mich meine beste Freundin aufmerksam.

„Nee.“

„Hä, was?“

„Nee.“

„Wozu sagst DU jetzt Nee?“

„Das macht es nicht wirklich besser. Ich wollte ja duschen, aber du hast mich in eine Diskussion verwickelt.“

„DU hast MICH doch gefragt, ob du exzentrisch bist.“

„Und du konntest nicht einfach Ja oder Nein sagen.“

Meine beste Freundin nickt auf diese bestimmte Weise. Man nickt, aber alles an einem deutet auf Ablehnung hin.

„Gut. Ja. JA. Du bist exzentrisch. Geh duschen! Wir können später reden.“

„Du kannst mit ins Bad kommen, dann können wir gleich drüber reden.“

„Ich muss den Tag morgen planen.“

Mein Blick fällt auf meinen Feind, den Terminkalender. Ich hasse den Kalender. Ich hasse ihn mehr als ich meinen Mathe-Lehrer gehasst habe, den ich nur gehasst habe, weil ich schlecht in Mathe war und meine Gefühle auf ihn übertragen hab. Ich hasse ihn auch mehr als meinen großen Zeh, wegen dem mir alle Schuhe zu groß sind und alle meine Socken Löcher haben.

„Dir muss doch klar sein, dass ich drüber reden will, wenn du mir einen Vorwurf machst. Dass mir das wichtig ist. Block das doch nicht einfach ab!“

„Was für einen Vorwurf denn?!“ Meine beste Freundin glotzt mich entgeistert an.

„Dass ich exzentrisch bin!“

„Das war doch kein – geh duschen!“

„Ich will darüber jetzt reden!“

Meine beste Freundin merkt, dass sie mich doch begleiten will. Sie folgt mir ins Bad und wir schreien uns über das laufende Wasser hinweg durch den Duschvorhang an.

„Also warum bin ich exzentrisch?“

„Naja, du hast manchmal überzogene Vorstellungen.“

„Was?“

„Du hast manchmal überzogene Vorstellungen.“

„Ich hab Wasser im Ohr!“

„Vergiss es!“

„Inwiefern überzogen?!“

Ich höre aus dem Schweigen meiner besten Freundin heraus, wie sie das Gesicht verzieht.

„Du hast mich doch verstanden!“

„Inwiefern überzogen?“

Sie antwortet nicht gleich. Ich überlege mir, ob ich den Vorhang zur Seite ziehen und sie mit der Duschbrause abspritzen soll. Manchmal hab ich spontane Ideen, die mir in der ersten Sekunde gut vorkommen und in der nächsten nicht mehr so sehr.

„Du interpretierst Dinge manchmal anders.“

„Anders als wer?“

„Anders als sie gemeint sind.“

„Weil ich gesagt hab, dass du mir einen Vorwurf gemacht hast?“

„Zum Beispiel.“

„Wie soll ich das denn nicht als Vorwurf auffassen, wenn du mir sagst, dass ich überempfindlich bin?“

„WANN hab ich das gesagt?“

„Gerade eben. Als du gesagt hast, ich fasse alles gleich als Angriff auf!“

„Das hab ich gar nicht gesagt“, beginnt meine Freundin. Sie will noch mehr sagen, doch stattdessen schreit sie auf und läuft fluchend aus dem Bad. Ich habe beschlossen, sie doch mit der Brause abzuschießen.

„Siehst du?“, ruf ich ihr nach. „Manchmal bist du auch ganz schön empfindlich!“

Daran, dass ihre Zimmertür geschlossen ist, als ich aus der Dusche komme, merke ich, dass sie keine Lust hat, das Gespräch fortzusetzen. Ich höre das Gurgeln der E-Zigarette von der anderen Seite, daher weiß ich, dass sie wahrscheinlich in ihrem Sessel hockt und nicht arbeitet. Eigentlich hätte es aber keinen Unterschied gemacht. Ich wäre so oder so reingekommen.

Ich rechne mir aus, dass es geschickter ist, das Gespräch mit etwas Unverbindlichem zu beginnen.

„Hallo“, sage ich.

„Hallo“, erwidert sie ohne Elan.

„Du hast die Badezimmertür offen gelassen.“

Ihr Kopf klappt zurück. Sie starrt an die Decke.

„Du bist nicht ernsthaft hier, um mir Vorwürfe zu machen.“

„Nein. Ich sage nur, dass es zieht, wenn man unter der Dusche steht und einer die Tür offen stehen lässt. Außerdem hätte David reinkommen können.“

David ist unser männlicher Mitbewohner.

„Du bist vorher NACKT durch die Wohnung gelaufen.“

„Ja, aber das war meine Entscheidung.“

„Du hast mich aus der Dusche angegriffen!“

„Weil du mich als überempfindlich dargestellt hast. Ehrlich gesagt glaube ich, du überträgst da etwas von dir selbst auf mich. Oder wer von uns beiden ist jetzt beleidigt?“

„Okay – raus!“

„Du hast mir immer noch nicht auf meine Frage geantwortet.“

„Wenn du die Antwort nicht sehen kannst, dann weiß ich auch nicht. Wenn du glaubst, du bist nicht exzentrisch, kann ich dich auch nicht vom Gegenteil überzeugen.“

„Wer sagt denn, dass ich glaube, dass ich nicht exzentrisch bin?“

„Glaubst du es?“

„Total.“

Meine beste Freundin schweigt so tief, als wäre gerade etwas in ihr gestorben.

„Deshalb fällt es mir ja auch so schwer, eure komischen Schrullen zu ertragen.“

Meine beste Freundin reagiert nicht mehr.

„Ich habe ja nur gefragt, was DU glaubst. Aber da es offensichtlich nicht möglich ist, ein erwachsenes Gespräch mit dir zu führen, sei von mir aus beleidigt.“

Ich werfe die Tür schwungvoller als nötig zu und warte in meinem Zimmer. Irgendwann kommt sie schon. 55810961_2331821310171714_8978905019512258560_n

Über das Schlussmachen mit den Eltern

Ich habe mich vor kurzem von meinem Freund getrennt. Das war sehr hart für mich. Denn ich mochte seine Eltern sehr gern.
Ich mochte auch ihn sehr gern, das sollte Grundvoraussetzung in einer Beziehung sein. Aber zu dem Zeitpunkt, an dem man über Trennung nachdenkt, läuft in der
Beziehung ja bereits etwas verkehrt.
Die Beziehung zu seinen Eltern war perfekt. Und es ist schon ein befremdliches Gefühl, man fühlt sich schon etwas verwerflich, wenn eines der ersten Dinge, die einem einfallen, wenn man den Schritt zur Trennung erwägt ist: Aber die Eltern…

Vielleicht war die Distanz zwischen mir und meinem Ex-Freund auch schon zu groß. Ich hab mich eigentlich noch in der Beziehung allein gefühlt. Das Schlussmachen war trotzdem hart. Wegen der Eltern…
Nein, nicht nur wegen der Eltern, natürlich nicht nur wegen der Eltern. Wir waren immerhin viereinhalb Jahre zusammen – das ist viel Zeit, sich an die Eltern des anderen zu gewöhnen.
Ich habe mich letztendlich schon ein bisschen gefühlt, als würde ich eigentlich mit seinen Eltern Schluss machen. Sie waren immer interessiert, kamen mit Geschenken, haben mit mir getrunken, wenn er nur auf der Couch saß – und sie hatten so weit vorausgedacht. Sie wollten sogar eine Wohnung in Berlin für ihren Sohn und mich kaufen. Das war wahrscheinlich ein bisschen naiv, weil ich nicht glaube, dass sie sich mit den aktuellen Immobilienpreisen in Berlin befasst haben, aber der Gedanke zählt.
Fakt ist, ich habe mich selten so geborgen gefühlt wie bei seinen Eltern. Deshalb glaube ich auch, dass ich nie wieder eine Beziehung führen kann.

Neulich hab ich einen Typen kennen gelernt. Er war sehr süß und, glaube ich, anfangs auch sehr interessiert. Irgendwann hat er mich ziemlich schräg angesehen.
Ich hab ihn konfrontiert: „Stelle ich dir zu viele Fragen?“
„Warum fragst du mich ständig, ob meine Mutter Pilates macht?!“
In der Situation muss man sich erst mal einen Satz einfallen lassen, der das alles möglichst kurz und zutreffend erklärt. Mir ist keiner eingefallen. Mir fällt in solchen Situationen nie etwas ein. Ich hab dann gesagt „Tschüss“ und bin weggegangen.
Im Nachhinein vielleicht auch nicht die beste Reaktion, aber ich war immer schon schnell überfordert. Die Eltern meines Ex-Freundes hatten dafür Verständnis.

Nach längerer Zeit plötzlich wieder Single zu sein, IST auch überfordernd, auch ganz elternunabhängig. Manchmal gerät man plötzlich in Situationen, mit denen man sich vorher gar nicht mehr auseinandergesetzt hat, man war ja vergeben, das kann in bestimmten Lagen auch eine Art Sicherheitsnetz für das eigene Empfinden sein. Plötzlich fällt einem wieder auf, wie unendlich schlecht die Avancen der meisten Leute sind.
Neulich, als ich mit meiner besten Freundin tanzen war, waren wir ziemlich bald mehrerer solcher Avancen ausgesetzt. Irgendwann überkam mich dann dieses Tief, das oft nach einem Hoch eintritt, zum Beispiel, wenn man zu viel Sekt getrunken hat, und ich bin heulend von der Tanzfläche gelaufen.
Die waren einfach alle so unglaublich schlecht erzogen.

Was macht man in so einer Situation? Wenn man Liebeskummer nach den Eltern hat. Da klappen nicht mal die üblichen Sprüche. Genug Fische im Teich. Das lässt sich auf Eltern irgendwie nicht anwenden. Auch der Topf-und-Deckel-Spruch lässt Eltern total außen vor. So als wären in einer Beziehung immer nur zwei Menschen betroffen. Als wären die Eltern total egal!
Andererseits – ist das überhaupt fair? Wenn jemand mich nach meinen Eltern bewerten würde, ich will gar nicht darüber nachdenken, mit was für einem Menschen ich dann letzten Endes zusammenkäme! Deshalb sage ich vorsichtshalber immer einfach, dass meine ganze Familie schon tot ist.
Ich hab länger überlegt, ob ich den Eltern meines Ex-Freundes schreiben soll. Ihnen erklären soll, dass es nicht an ihnen liegt. Und auch nicht an ihrem Sohn, obwohl das eigentlich nicht stimmt, aber ich will ja, dass sie mich noch mögen. Aber wo sollte das hinführen? Zu heimlichen Treffen? Wenn Schluss ist, ist Schluss. Man muss abschließen. Das Leben geht weiter.
Die Eltern des Verlobten meiner besten Freundin haben ihr und mir zu Weihnachten ein ziemlich großzügiges Geschenk gemacht. Die brauchen natürlich nicht denken, dass ich mich so leicht gewinnen lasse! Aber für etwas Platonisches bin ich durchaus offen.
Und auch wenn ich jetzt denke, dass ich nie wieder lieben können werde.
Irgendwann wird mein Herz wieder frei sein.
Andere Söhne haben auch schöne Eltern.

Küchentür

Ich habe einen Mitbewohner, der immer und überall die Türen offen lässt. Manchmal, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, erschrecke ich, weil ich denke, dass Einbrecher im Haus waren.

Die Küchentür steht offen, der fette Kater sitzt mitten im Schlachtfeld auf der Fensterbank und frisst das Basilikum, alle Schranktüren gähnen, der Kühlschrank ist auf.

„Jetzt haben sie mich erwischt“, schießt es mir durch den Kopf.

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Plötzlich erklingt Lärm von nebenan, was mich sofort beruhigt, denn es ist zwar nicht ausgeschlossen, aber ziemlich unwahrscheinlich, dass die Einbrecher in meinem Zimmer sitzen und Gitarre spielen. Außer die Musik hilft ihnen darüber hinweg, dass es bei mir nichts, wirklich nichts zu holen gibt.

Die Tür zu meinem Zimmer steht ebenfalls offen. Darin sitzt besagter Mitbewohner auf meinem Bett und singt.

„Hallo, Schatz“, begrüßt er mich.
„Hallo, Schatz. Du hast schon wieder alle Türen in der Küche aufgelassen.“

Ich bemühe mich, den Worten schon wieder die richtige Betonung zu geben, ein kurzer Vorschlag von leichter Ermüdung mit Empörung als Hauptnote, humorvoller Nebennote und einem nachhallenden Triller von Unruhe, während hinter mir der Kater im Flur steht und kotzt.
„Oh Mist. Entschuldige.“ Mein Freund steigt elegant über den Kater und die Kotze hinweg, schließt die Küchentür und wirft sich zurück aufs Bett.
„Du hast nur die Küchentür zugemacht. Alle Türen in der Küche sind noch -…“
Der Rest meines Satzes geht in Gitarrenmusik unter.

Das eigentlich Faszinierende ist, dass mein Freund damit das typischste menschliche Verhalten in einem kurzen Sinnbild zusammenfasst.
Als ich sehe, wie er einfach die Küchentür zumacht und alles, was dahinter ist, ignoriert, denke ich mir: „Das kann doch gar nicht sein.“
Auf den zweiten Blick geht mir auf, dass fast jeder es ständig so macht.

Wann immer uns jemand seine Sorgen erzählt und wir ihm antworten „Du schaffst das schon“, machen wir die Küchentür zu. Wenn irgendwo etwas Schlimmes passiert und unsere einzige Solidarisierung darin besteht, unserem Profilbild auf Facebook einen neuen Rahmen zu geben, machen wir die Tür zu. Wenn wir uns einem Veggie gegenüber rechtfertigen mit: „Also ich esse nur ganz selten Fleisch und achte auch total darauf, wo es herkommt“, schließen wir die Küchentür, im Hintergrund ein offener Kühlschrank, der UNGLAUBLICHE Mengen an Energie verheizt und ein kotzender Kater, auch wenn ich nicht genau weiß, wofür der in diesem Sinnbild stehen soll. Wir machen die Tür zu, wenn wir einem Obdachlosen ein bisschen Geld geben und denken „Damit ist meine gute Tat für heute getan“. Wenn wir uns nicht mit unseren Mitmenschen aussprechen, weil wir uns für unsere Gefühle schämen. Wenn wir sagen ab nächster Woche fang ich an zu lernen, trink ich weniger, mach ich mehr Sport, hör ich auf zu rauchen, werde ich zuverlässiger, achte ich besser aufs Geld, besuch ich meine Familie regelmäßig, suche ich mir einen Job, der mich nicht kaputt macht, behandle ich meine Mitmenschen besser, gehe ich zum Psychologen, lerne ich, mich selbst zu lieben.

Es ist erschreckend, wie gut das funktioniert. Wenn wir die Küchentür zuhauen, vor anderer Leute Gesicht oder vor uns selbst, können wir ganz unbesorgt unseren Angewohnheiten nachgehen, uns aufs Bett schmeißen und Gitarre spielen. Bis irgendwann einer unserer Mitbewohner Hunger bekommt, die Küchentür öffnet und sich denkt: „What the fuck?!“

Oder bis die Jahresabrechnung kommt und wir die Stromnachzahlung sehen.

Wenn ihr jetzt eine Moral erwartet: Es kommt keine. Ich mache an dieser Stelle die Tür zu. Räumt euren Scheiß gefälligst alleine auf.

Spätzünder

Auf einem Klassentreffen vor einigen Jahren sagte meine Grundschullehrerin etwas zu mir. Sie hatte gerade erfahren, dass ich mein Abitur als Jahrgangsbester bestanden hatte. Sie sagte: „Es ist schön, zu sehen, dass es auch Spätzünder gibt.“

lesendZuerst einmal war es natürlich interessant zu erleben, wie einem die Klassenlehrerin auch 15 Jahre später noch mit einer einzigen Phrase ganz unmittelbar das Gefühl geben konnte, ein absoluter Vollidiot zu sein. Davon abgesehen hatte sie allerdings meine Gedanken angestoßen. Ich vergaß ihren Satz nicht, im Gegenteil, ich drehte ihn in alle Richtungen. Ich fühlte ihm auf den Zahn, bis er ganz abgegriffen war.
„Spätzünder hat die mich genannt“, konsultierte ich meine beste Freundin.
„Jah.“ Die Antwort lag schwer auf ihrer Zunge, sie wollte ihr gar nicht aus dem Mund kommen. Vielleicht wusste sie beim hunderfünfzigsten Mal einfach nicht mehr, was sie mir noch Innovatives hätte zurückgeben können. Aber ich merkte, dass es sich bei dem Satz meiner Lehrerin um eine Ungerechtigkeit gehandelt hatte, die über die flüchtige Scham eines kleinen Faux-Pas hinausging, das war keine Kleinigkeit mehr. Es war eine formelle Kriegserklärung an mein Selbstverständnis. Ich übertrieb vielleicht, wenn ich es mit dem Fehdehandschuh ins Gesicht meiner Würde verglich, aber das konnte sie doch nicht ohne bitterböse Hintergedanken gesagt haben, sowas sagte man doch nicht einfach so daher!

„Die muss sich doch irgendetwas dabei gedacht haben!“
„Vielleicht hat sie dich ja verwechselt.“

Es war natürlich leicht, von einer Verwechslung auszugehen, wenn man nicht der Geschädigte war. Für mich, der ich längst zerfressen war von den Zähnen des Argwohns, vom Selbstzweifel der Erkenntnislosen, dem Hin-und-Her-Schwanken zwischen Arroganz und Nervenzusammenbruch, war es unmöglich, mich mit halbgaren Ausflüchten ruhig zu stellen. Die hatte mich doch im Leben nicht verwechselt. Die wusste ganz genau, wem sie da den Giftdorn ihrer falschen Anteilnahme ins Fleisch gerammt hatte!
Aber warum? Warum?
Ich goss mir einen Drink ein und ließ mein Leben Revue passieren.
Ich sollte also ein Spätzünder sein. Warum?
Der Blick in den Rückspiegel meiner Entwicklung war wie barfuß im Nebel zu waten. Ich tastete halbblind herum und hoffte, auf nichts Ekliges zu treten.
Ich erinnerte mich daran, dass ich mit acht Jahren zum ersten Mal geraucht hatte, angestiftet von meinen Cousinen. Ich hatte aber gleich wieder aufgehört, um zuerst etwas Lebenserfahrung zu sammeln. Mit elf hatte ich dann wieder angefangen.
Ich war aber kein boshaftes oder verkommenes Kind gewesen. Eher eine abstruse Erscheinung; in der einen Hand die Kippe, in der anderen den Legohubschrauber war ich da gestanden in meinem Power-Rangers-Pullover und hatte mich geweigert, mir den Pony schneiden zu lassen. Manchmal hatte ich im Unterricht angefangen zu singen, weil ich mich gelangweilt hatte und abgelenkt gewesen war, solche Dinge waren mir damals aber nicht richtig bewusst gewesen. Ich war die Art von Kind gewesen, die in den Wald ging, um das letzte Einhorn zu suchen und niemals wusste, was es zu Gleichaltrigen sagen sollte. Aber war ich deshalb ein Spätzünder?
Ich meine, meine erste Freundin hatte ich mit dreizehn, genau wie meine erste Alkoholvergiftung, meine zweite Freundin mit sechzehn, die war dafür doppelt so alt wie ich. Vielleicht war DIE ein Spätzünder, aber ICH doch nicht!

 

Ein Spätzünder, warum SPÄT? Dauerte bei mir alles länger? Oder unterschied es sich einfach?
Im Hinblick auf mein gesamtes Dasein gab es vielleicht schon ein paar Dinge, die ich anders machte als andere, auch heute noch. Ich hatte ein paar komische Angewohnheiten, zum Beispiel die, mir, wenn ich betrunken war, etwas zu Essen zu kaufen, dann eine Diskussion zu beginnen und im Eifer des Gefechts vor Wut und Hingabe mein Essen – in einem Akt der Gerechtigkeit – über die Brücke zu werfen. Da fiel einem erst auf, wo eigentlich überall Brücken waren. Ich wusste natürlich von dieser Unart, und trotzdem hielt ich mich weder von Vodka noch von Dönerläden noch von Brücken fern. Aber war ich deshalb jetzt Spätzünder?
Ich war, was den Umgang mit meinen Emotionen betraf, vielleicht immer eine Spur ausdrücklicher.
„Du bist unglaublich theatralisch“, behauptete meine beste Freundin zu meiner Empörung.
„Ich nenne das sinnlich und gefühlsbetont!“
„Jah. Das kann schon sein. Aber Fakt ist, dass keine alte Sau außer dir es so nennt. Die meisten anderen sagen theatralisch.“
„Die meisten anderen sind nicht alle!“
„Der Rest sagt pathetisch.“
„…ich nenne das sinnlich und gefühlsbetont!“
Manchmal, wenn ich keine fundierten Argumente vorzuweisen hatte, fiel ich darauf zurück, einfach den selben Satz noch einmal zu wiederholen und ihn inbrünstiger zu betonen.
„Du lebst ein Leben ohne Logik“, sagte meine beste Freundin. „Man kann nicht einfach für alles eigene Regeln erfinden. Das ist wie mit dem Kaffee!

Das mit dem Kaffee war so eine Sache. Ich war, was meine Werte anging, stets sehr freigiebig. Ich sparte lieber an den materiellen Dingen. Ab und zu schleuderte mich das direkt in den nächsten Konflikt. So war es auch mit dem Kaffee.

Ich mochte keinen Instant-Coffee, weil ich dabei immer an warmes, abgestandenes Brausepulver denken musste. Schlimmer hätte es eigentlich nur sein können, wenn es nach Waldmeister geschmeckt hätte. Aber ich hatte kein Geld für Kaffeepulver, wenn ich ehrlich war. Wenn ich ehrlich war, vertrat ich die Ansicht, dass man niemals uneingeschränkt ehrlich sein konnte, darum kaufte ich mir das Pulver trotzdem. Ich hatte meine eigene Regel der Sparsamkeit:
Ich schichtete zwei große Löffel pro Tasse in den Filter und ließ ihn dann vierzehn bis neunzehn Tage lang immer wieder durchlaufen. Die ersten paar Tage ging ich mit den Füßen an der Decke, nach zwei Wochen trank ich braunes Wasser – so kam ich auf ein stimmiges Durchschnittsergebnis. Meine beste Freundin konnte dieser Bilanz nichts abgewinnen.

Aber vielleicht war das der Punkt? Was war denn überhaupt ein Spätzünder? Laut des Dudens: Jemand, der nicht so schnell begriff und Zusammenhänge später erkannte. Ein Spätentwickler. Aber musste das sein? Sprachen wir hier ausschließlich und gezwungenermaßen von einem Spätentwickler? Konnte es nicht auch einen Anders-Entwickler geben? Jemanden, der sich nicht linear und zeitgleich mit seinen Alterskameraden mitbewegte, sondern sich umsah um festzustellen, was abseits des plattgetretenen Weges existierte und vielleicht einen ganz selten benutzten Pfad fand, der ihn letztendlich zum selben Punkt führte. Er kam vielleicht nicht später an und hatte sich deshalb nicht zwingend als Nachzügler dahin entwickelt. Die Strecke, die er genommen hatte, musste keine Landstraße gewesen sein.
„Das ist es was mich so stört“, sagte ich zu meiner besten Freundin. „Das einem von klein auf so ein Denken von richtig und falsch angeordnet wird und dann wird diagnostiziert. So als könnten wir alle nur innerhalb einer Schablone vorhanden sein. Das richtet sich wieder nach einer Wahrheit, die sich einzig und allein nach der Mehrheit orientiert. Es ist eigentlich kein Wunder, dass ich nie in die Schule gegangen bin, ich habe wahrscheinlich schon damals geahnt, dass die mich nur zurück ins Raster bringen wollen. Wer sagt denn, dass ich spät gezündet habe? Nur weil ich nicht genau dann zünde, wann DIE es von mir erwarten? Welches Recht hat die Frau oder irgendjemand sonst eigentlich, über meine Kindheit zu werten oder über meine Person oder darüber, wie mein Weltverständnis aussieht?“
Meine beste Freundin sah mich lange an. Ich bekam durch den Schleier meines Ärgers mit, wie sie nach meinem Drink griff und ihn schwunglos austrank.
„Vielleicht hat sie das auch gesagt, weil du dein Abi über den zweiten Bildungsweg gemacht hast“, sagte sie.
Ich runzelte meine Stirn.
„Achso…“

Vom Unkraut

Du schöner Mensch, der, glänzend und gestriegelt,
seinen Charakter blickdicht vor der Welt versiegelt
ich gebe dich so schnell nicht auf!
Zwar redest du banal und nebensächlich
und gibst dich wie ein Spiegelbild so oberflächlich,
doch werd ich dich mit Licht und mit Gehalt begießen.
Soll doch die ganze Welt nur dein Gesicht genießen,
ich zähle immer noch darauf,
dass aus dem größten Mist die schönsten Blumen sprießen.