Mein erster Langstreckenflug geht von Helsinki nach Bangkok. Mein Sitzplatz ist möglichst kompliziert gelegen. Ich sitze im Mittelgang, so weit weg vom Fenster, wie es nur geht, eingezwängt zwischen anderen Passagieren. Links von mir sitzt mein Freund Hannes – Name geändert – der noch einen riesengroßen Finnen neben sich hat. Dieser Finne bräuchte eigentlich zwei Plätze. Leider gehört einer davon Hannes. Rechts neben mir sitzt ein Deutscher mit Spreizbeinsyndrom – ihn werde ich überwinden müssen, wenn ich auf den Gang will.

Als wir losfliegen, kommt eine Stewardess und wedelt mit einer Plastikbox vor ihm rum. Ich höre sie etwas von Ofen sagen und von „Zusammen mit dem Rest warm machen“.

Als sie weg ist, erkundige ich mich höflich bei meinem Nebenmann: „Was wollte die denn? Hast du dein eigenes Essen dabei oder was?“

Ich bin Jude“, antwortet er. „Also bin ich nicht, aber bin ich.“

Ich trage einen Moment lang das blöde Gesicht, das man hat, wenn im Gehirn tendenziell überfordernde Prozesse stattfinden. Dann wird mir klar, dass der Typ koscheres Essen bestellt hat.

Aber warum?“, frage ich ihn.

Das koschere Essen kommt meistens vor allen anderen.“

Mein Sitznachbar ist eine Koryphäe der Erhabenheit wie er da sitzt, ein falscher Jude unter Nicht-Juden, der uns alle überlistet hat. Er kommt sich ganz gewitzt vor.

Ich weiß nicht mehr, was ich auf dem Rückflug bin“, sagt er. „Hindu?“

So viel Raffinesse stimmt uns ganz begeistert! Warum sind wir nicht auf so einen Plan gekommen?! Gleichzeitig fühle ich, dass es meine soziale Verantwortung ist, ein bisschen empört zu sein über so einen perfiden Trick.

Bei Langstreckenflügen hat jeder einen kleinen Bildschirm vor sich, auf dem man Filme schauen kann. Ich bespreche mich mit Hannes darüber, welchen Film wir schauen wollen, als er unvermittelt einschläft. Er weiß es noch nicht, aber es wird die einzige halbe Stunde Schlaf sein, die er auf dem 9,5 Stunden Flug bekommt. Er wacht auf, als das Essen serviert wird. Rechts von mir schaut der falsche Jude verdutzt, weil er sein Essen als letzter aus der Reihe bekommt. Wir haben die Wahl zwischen irgendwas mit Hähnchen und irgendwas mit Rind. Dazu gibt es Salat, ein geschrumpftes Margarinebrötchen und aus irgendwelchen Gründen eines von diesen winzigen Milchschälchen, die man in Cafés bekommt. Für Flugzeugverhältnisse schmeckt manches davon überraschend gut. Mein Freund Hannes späht an mir vorbei auf die Schale des falschen Juden.

Was isst du denn da?“

Das frag ich mich ehrlich gesagt auch.“

Der falsche Jude stochert misstrauisch in einer gelben Griespampe herum. Dazu bekommt er zwei Stücke panierte Pappe und zwei Katzenfutterschälchen. In einer davon ist einfach noch mal die gleiche Pampe wie in seiner Hauptbox, nur mit mehr Gelatine. In der anderen ist eine Pampe aus Früchten, die er scheinbar mit Crackern essen soll. Er sieht aus, als wolle er konvertieren.

Nach dem Essen bleiben Hannes und ich wach und schauen ein paar Filme. Es ist komplizierter als normal, weil jeder von uns seine eigenen Kopfhörer hat und einen eigenen Bildschirm und wir aber diese Idee in unserem Kopf haben, dass wir als Pärchen unbedingt zusammen schauen müssen. Die Touchscreens sind dermaßen ignorant, dass es nichts bringt, gleichzeitig auf Start zu drücken, außerdem wird vor dem Film unterschiedliche Werbung von glücklichen Finnen eingeblendet. Wir drücken immer abwechselnd auf Pause, um irgendwann an der gleichen Stelle zu sein, was lächerlich lang dauert, aber ich finde es inkonsequent, seinen Perfektionismus nicht auch auf die Banalitäten des Lebens zu übertragen.


Der falsche Jude mit dem Spreizbeinsnydrom schläft ein. Er hat die Armlehne schon vollständig okkupiert und kriecht jetzt langsam rüber zu mir. Sein Knie ragt in meinen Beinraum, sein Ellenbogen steckt in meiner Taille.

Hannes geht es nicht besser. Der finnische Riese hat eine stille Abmachung mit sich selbst getroffen und beschlossen, dass ihm wenigstens anderthalb Plätze zustehen.

Hannes fühlt sich eingeengt und flieht sich in meine Richtung. Auch der falsche Jude rutscht immer näher.

Da ich meiner Lage schlecht entkommen kann, will ich versuchen, zu schlafen und mir vorher die Zähne putzen, das ist eine Beschönigung für Pissen gehen, aber ich will nicht, dass ihr euch das bildlich vorstellt.

Ich muss am falschen Juden vorbei.

Er schläft tief und fest, die Beine weit auseinander, und wacht nicht auf, als ich absichtlich umständlich aufstehe. Ich schlage gegen seine Schulter. Er wackelt nicht mal. Ich habe Hemmungen, einfach über seinen Schoß zu steigen, weil es komisch wird, wenn er im falschen Moment dann doch aufwacht. Ziemlich erbärmlich komm ich mir vor, wie ich da im Flugzeug stehe und nicht an einem Menschen vorbeikomme, der Katzenfutter isst. Als wäre das Ganze noch nicht lächerlich genug, hat sich die Serviette, die bei Flugzeugsitzen den oberen Teil abdeckt, wahrscheinlich aus Hygienegründen, bei ihm gelöst und steht ihm jetzt vom Kopf ab wie ein schiefer Hahnenkamm.

Letztendlich springe ich über ihn, nur so halb elegant, er schreckt verwirrt hoch, aber ich renne schon den Gang entlang, in der kühnen Annahme, dass er mich nicht sieht. Ich beeile mich mit dem Zähneputzen, in der Hoffnung, dass er noch wach ist, wenn ich zurückkomme. Er ist nicht mehr wach, als ich zurückkomme.

Diesmal schubs ich ihn heftiger und tue dann so, als wäre es eine Turbulenz.

Meine Idee, zu schlafen, lässt sich nur so halb umsetzen.

Erstens: Es gibt zu viele Filme im Flugzeug, die ich sehen will. Zweitens: Diese fremden Typen machen sich zu fett.

Hannes will nicht Cinderella schauen, ich will kein Spiderman Spin-Off sehen, drum schaut jeder für sich. Die Kopfhörer brüllen mir ins Ohr und lassen mich erst Recht nicht schlafen. Ich weiß nicht, wie man sie leiser macht. Garantiert ist das leicht, ich bin fast sicher, dass der Knopf dafür in meiner Lehne ist, aber die ist in fremdem Besitz, außerdem spüre ich diese sinnlose Art von Faulheit, die einen manchmal überkommt und einen abhält, die einfachsten und sinnvollsten Dinge zu tun.

Wenn der Ton laut ist, spricht mich wenigstens keiner über die Kopfhörer hinweg an.

Aufstehen darf ich auch nicht, weil echte Turbulenzen eintreten und forsche Lautsprecheransagen ständig das Soundsystem kapern und uns ermahnen, dass es verboten ist, auf die Toilette zu gehen. Der Finne neben Hannes muss auf die Toilette und lacht. Er nimmt das Leben mit Humor, Platz macht er trotzdem nicht.

Zwei Stunden vor Landung wird plötzlich das Frühstück ausgeteilt. Es wurde uns als leichtes Frühstück angekündigt, ist aber mehr als das Abendessen. Wir bekommen einen kleinen Kuchen aus Sandteig, Omelette, Pilze in Tomatensauce und eine Kartoffeltasche mit Quarkfüllung. Das komische Margarinebrötchen und die Milch sind auch wieder dabei. Ich frage mich, in welchem Land man so was frühstückt.

Durch meine Kopfhörer vernehme ich eine Stimme neben mir. Der falsche Jude macht Geräusche. Ich hab ihn nicht verstanden und hake höflich nach:
„Was!?“

Ich bin gerade sehr unglücklich.“

Das war der beste Moment des Fluges für mich, als ich gesehen habe, dass er einfach nochmal die gleiche Scheiße bekommen hat wie beim Abendessen. Einzige Ausnahme, dass bei der Fruchtpampe diesmal kleine Salzbrezeln dabei sind anstatt Cracker. Das scheint bei der Airline der Unterschied zwischen einem koscheren Abendessen und einem koscheren Frühstück zu sein. Der falsche Jude weint fast.

Seine ganze Erhabenheit muss irgendwo zwischen seinem Serviettenhäubchen und dem Frühstück verloren gegangen sein.

Aus Barmherzigkeit gibt Hauke ihm schließlich etwas ab. Hauke ist die gleiche Person wie Hannes, wenn ich zum Ende eines Textes hin aus Inkonsequenz die Namen nicht mehr ändere.

Jedenfalls riskiert der falsche Jude sogar, aufzufliegen, weil er wirklich kein Katzenfutter mehr essen möchte, nebenher beschwert er sich über bis heute andauernde Diskriminierung, was ich aus seiner Position heraus etwas gewagt finde.

Die Maschine landet in Bangkok.

Ich habe einen ganzen Urlaub, um mich von diesem Flug zu erholen. Tatsächlich war der falsche Jude ein ganz sympathischer Kerl und ein gutes Beispiel dafür, dass sich nicht jeder kreative Ansatz auszahlt.

Trotzdem: Ich hoffe, ich sitze auf dem Rückflug am Fenster und nicht neben einem falschen Hindu.

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