Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 22

bank

Eigentlich hatte er nach Hause gehen wollen, um sich umzuziehen, doch letztendlich fand sich Johann bei seinem Freund Jovar Findelson wieder, der nicht lange zögerte und ihn in eine Kneipe mitschleifte, damit sie Johanns Frust gemeinsam ersäufen konnten.
„Ich kippe auch ein paar Krüge mit drüber“, versprach Findelson. Und er hielt sein Versprechen. Seine Stimmung verbesserte sich aber nicht während des Trinkens, wie es üblich war, sondern erlahmte. Es war Johanns Schuld. Er konnte nicht aufhören, wieder und wieder dieselben Sätze zu sagen, wieder und wieder seinem Unglauben Luft zu machen und zu schwören, dass er diesen verhängnisvollen Satz niemals gesagt hätte, wenn er gewusst hätte, was er damit auslösen würde.

„Vielleicht hat es mit dir gar nichts zu tun. Du nimmst dich ziemlich wichtig, Jean“, stöhnte Jovar beim dritten Bierkrug.

„Sie hat gesagt, sie liebt mich. Ich muss wichtig gewesen sein. Jetzt liebt sie mich offenbar nicht mehr. Ich muss also etwas Schwerwiegendes falsch gemacht haben.“

„Sentimental zu werden. Das war dein Fehler. Und dem Gerede von Liebe zu glauben. Sprechen wir doch lieber wieder über deine Dystopien.“

„Ich arbeite gerade nicht. Dazu gibt es nichts zu sagen. Versteh mich doch, Jovar. Ich kann einfach nicht verstehen, wie das passieren konnte. Es ergibt keinen Sinn. Nichts davon.“

„Ha!“ Jovar lachte freudlos. „Willkommen in der Realität, Jean.“

Als sie das dritte Bier getrunken hatten, wollte Johann ein viertes bestellen, aber Findelson schob sich vom Stuhl und zog den Mantel über.

„Ich hatte genug. Je wärmer mir jetzt hier drinnen ist, umso kälter wird mir später draußen. Und ich habe noch etwas zu tun.“

„Und was?“ Johann musterte seinen Freund kritisch. Er sah größer aus, als er war, weil er mehrere Schichten übereinander trug. Nichts von dem, was er besaß, war neu, aber er hatte genug altes Zeug, um durch die Jahreszeit zu kommen.

„Erstens: Das geht dich gar nichts an.“ Jovars schiefes Gesicht war heiter, jetzt, wo er ging. „Und zweitens: Ich habe einen Unterschlupf, wo ich etwas Warmes zu essen bekomme und einen Platz für die Nacht. Dein Kummer macht mich schläfrig, aber dein Bier hält mich, wie gesagt, nicht warm genug.“

Johann wollte nicht allein in der Kneipe bleiben, zog aber, nachdem er sich von seinem Freund verabschiedet hatte, weiter in die nächste kleine Wirtschaft, in der das Bier dünn genug war, um es sich leisten zu können. Er saß allein in seinem Anzug an einem Tisch in einer Nische, trank, bis ihm schlecht wurde und fühlte sich mit jeder angebrochenen Stunde elender. Außer ihm waren nur ein paar heruntergekommene Weltenbummler und alt gewordene Zechbrüder da und auch sie wurden weniger, je weiter die Uhrzeit vorrückte. Es war schon Nacht, als der Wirt Johann und einen einzigen anderen verbliebenem Gast aufforderte: „Es wird spät.“

Der andere Gast war ein blonder Mann ungefähr Mitte vierzig. Er war anständig gekleidet und trotzdem ungekämmt, unrasiert und fahläugig. Vielleicht waren seine Augen auch nicht fahl, doch sie wirkten so, weil die Schatten darunter im Dämmerlicht noch tiefer aussahen.

„Ein Spieler“, dachte Johann. „Und keiner, der Glück hatte.“

Er und der letzte Gast erhoben sich. Beide hatten den schweren Gang ungehorsamer Beine, die nach langem Sitzen und viel Bier ihren eigenen Willen entwickelt hatten. Nahe des Eingangs stießen sie zusammen.

„Nach Ihnen“, lud Johann den anderen ein, sich tief verbeugend.

„Nach Ihnen.“ Der blonde Mann, der aus der Nähe ungewaschener roch als Jovar, machte es ihm nach.

„Nein. Gehen Sie doch zuerst!“ Johann hatte keine Geduld für Spiele. In seiner Einbildung musste er der letzte sein, der die Wirtschaft verließ, vom Wirt selbst abgesehen.

„Gehen Sie doch zuerst!“, lallte der Blonde und fiel fast um, als er sich nochmal verbeugte.

„Ich meine es ernst. Gehen Sie vor.“

„Gehen Sie vor.“

Der Mann forderte ihn heraus! Er wollte nicht nachgeben. Er tat das nur, um Johann zu reizen. Sogar ein verkommener Schluckspecht wie der hier machte sich über ihn lustig.

„Sie gehen vor!“, beharrte Johann ungeduldig. Es war unsinnig, wie er und der andere wankend vor der Tür in die Nacht standen, aber in der schmalen Wahrnehmung, die der Rausch ihnen beiden ließ, waren sie in ein wichtiges Gefecht geraten. Keiner wollte verlieren.
„Es reicht“, warf die Stimme des Wirts vom Ausschank her dazwischen. „Ich schließe!“

„Er schließt!“, rief der Spieler, wenn er einer war, und setzte endlich den ersten Fuß vor das Haus. Johann folgte ihm zufrieden. Sie waren kaum draußen, da ruckte hinter ihnen der Schlüssel im Schloss.

Ein paar Momente standen sie schweigend beieinander und atmeten die neue Luft, die ihnen nach Bierdunst und Qualm erschütternd tief in die Lungen zog.

„Wohin jetzt?“, fragte der Blonde dann. Er leerte seine Hosentasche aus. Von dem, was darin war, kam er nirgends mehr unter.

„Haben Sie kein Zuhause, in das Sie gehen können?“ Johann sah den anderen nicht an. Er sprach ungewohnt barsch mit ihm. Seine Zunge war jedoch schwer genug, um alles, was er sagte, zu verwaschen. Überhaupt hörte der blonde Mann in Johanns Frage keine Beleidigung, sondern eine Aufforderung, zu erzählen.

„Ich bin ein Perspektivloser“, sagte er stolpernd. Die Handbewegungen, mit denen er seine Behauptung untermalte, waren auffallend eloquent. Diesen Status, den er sich selbst zuschrieb, hatte er noch nicht lange. Wahrscheinlich war er einer jener Gefallenen, die alles verloren hatten, weil sie sich auf einen Handel eingelassen hatten, der ihr Leben verändert und zerstört hatte. Jovar Findelson nannte diese Personen herablassend die Neuarmen. Gescheiterte Existenzen, denen das Geschäft mit dem Wunsch nichts als Unglück gebracht hatte.

„Wunsch…“, riet Johann, der eigentlich Wunschhandel hatte sagen wollen. Seine Zunge hatte vorher aufgehört.

„Ich bin ein Perspektivloser!“, rief der Mann wieder, wiederholte auch seine Handbewegung und ging ein paar schlangenförmige Schritte, bis er mitten auf dem Fußgängerweg stand, wo er die Arme ausstreckte. „Wer hat meinen Wunsch?“

„Welchen Wunsch?“ Johann, der nicht minder betrunken war, kam ihm nach. Aber er bekam keine Antwort.

„Wer hat meinen Wunsch?“ Der blonde Mann schabte sich durch den Bart. Er spuckte aus. „Weg war er!“

„Sie sind selbst schuld. Sie müssen sich nicht wundern, wenn Ihr Wunsch nicht mehr da ist. Sie hätten ihn gar nicht-„

„Weg war er!“

Es war Johanns Glück, dass es keine Zuschauer gab. Hätte jemand ihn bei seinem Tanz um diesen Trunkenbold gesehen, der auf dem Weg stand und immer noch die Arme von sich streckte, er hätte beide für lächerlich gehalten. Als Johann weiterging, kam der andere ihm hinterher.

„Sie brauchen mich gar nicht verfolgen“, drohte Johann. Der Fremde hatte ihm eigentlich nichts getan. Gerade sah er ihn aber als Verkörperung eben jenes Menschenschlags, der Schuld daran war, dass alles den Bach herunter ging. Seine Abscheu hatte ein Gesicht. Es war das fahläugige Gesicht dieses Säufers. Dieser hörte nicht auf ihn und ging mit ihm mit, bis Johann der Geduldsfaden riss und er sich nach dem Mann umwandte, dabei fast über seine eigenen Beine fiel, und ihn feindselig anfuhr. „Sie haben es verdient! Sie haben es verdient, nichts zu haben. Wissen Sie was? Ich freue mich, dass sie nichts haben. Weil das genau das ist, was Sie verdienen!“

Der andere hätte vielleicht die Beherrschung besessen, sich von Johanns Beleidigungen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, wenn er weniger betrunken gewesen wäre. Leider waren sie beide bezecht bis zum Rand. Sternhagelvoll.

„Was erlauben Sie sich!“, lallte der Blonde, während er Johann auf die leere Straße stieß. „Sie Hund! Wer sind Sie überhaupt?“

„Ein Niemand!“, rief Johann. „Genau das, was sie verdienen! Sie Versager!“ Und ehe der Kerl ihm einen zweiten Stoß versetzen konnte, hechtete Johann auf ihn zu und schlug nach ihm. Er traf ihn irgendwo, was er an dem Schmerzenslaut und am dumpfen Pochen in seiner Faust spürte. Gleich darauf wurde er vom anderen umgerissen. Sie fielen, rangelten und verkeilten sich, boxten aufeinander ein und rollten bis zum Wegesrand, wo der blonde Mann die Oberhand gewann. Er klemmte mit den Knien Johanns Arme an die Straße und verpasste ihm eine Tracht Prügel, die so heftig war, dass er liegen blieb, als der Säufer sich schließlich aufrappelte. Der Fremde half ihm nicht auf. Stattdessen spuckte er nach Johann, verfehlte ihn und ging dann zurück in Richtung der Wirtschaft, aus der man sie beide gerade erst raus geworfen hatte. Johann kam nicht hoch. Er lag mitten im Herbstlaub, aber weit genug abseits der Fahrbahn, um nachts nicht überfahren zu werden. Die Straßen waren sowieso still.

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 21

vase gestürzt 2

Im Hintergrund ging die Tür zum Blumengeschäft noch einmal auf. Heraus kamen Blumengestank und ein großer, sehr adrett gekleideter Herr mit dunklem Bart.

„Es ist alles erledigt“, begann er gleich zu reden und hielt dann aus Zwang an, weil hinter ihm keiner mehr kam und auch Viktoria und Johann standen. „Ah. Der Schriftsteller.“

Diesmal verbeugte Johann sich nicht. Er blickte erstarrt in Fritz Poelchaus Gesicht. Ein Geschäftemachergesicht. Ein glattes, übles Kanaillengesicht, dem auch der schwarze Kinnbart nicht mehr Charakter verleihen konnte. Als Viktoria seinen Arm ergriff – Poelchaus, nicht Johanns! – verschlug es dem Schriftsteller Luft und Sprache. Ohne, dass er Kontrolle darüber hatte, bohrten sich seine Augen in Viktorias frisches Gesichtchen mit den vorwitzigen Locken, die ihr in die Stirn fielen. Ihre Blicke begegneten sich. Leeres Bedauern drang ihm entgegen. Eine stumme Bitte um Verständnis. Eine Entschuldigung. Mitleid? Wieder verzog sich Johanns Mund, diesmal mit Endgültigkeit. Sollte sie ihr Mitleid behalten!

„Haben Sie es sich anders überlegt, Zimmer?“ Fritz Poelchau bekam von alledem nichts mit. Er war überhaupt nicht feinfühlig genug für diese Ebene! Er knöpfte nur seinen dunklen Herbstmantel zu, wobei er Viktorias Hand an seinem Arm vollständig ignorierte.

Das einzige, was Johann sich anders überlegen musste, war vorzutreten und diesen Teufelshund totzuschlagen. Ihn anzufallen und auf der Stelle zu kaltzumachen. Ihn auseinanderzunehmen, wie er es verdient hatte.

„Johann.“ Es fiel auf, dass er nicht antwortete, deshalb ergriff Viktoria das Wort. Sie redete ihn an mit ihrer gnadenlos sanften Stimme, so als wäre nichts. So als stünde sie nicht an Poelchaus Seite statt an der seinen. Sein Blick traf sie grell. Sie fuhr fort, als sähe sie nicht, was in ihm gärte. „Anna sagte mir, Sie reagieren nicht auf ihre Einladungen…“

„Herr Zimmer ist schwer zu bekommen!“, scherzte Poelchau lächerlich unpassend.

„Fritz, bitte. Also, Johann, darf ich ihr sagen, dass Sie sich bei Ihr melden?“

„Nein…“ Johanns ungläubige Stimme war leise und abwesend wie ein Echo, das einen langen Weg zurückgelegt hatte.

„Wie bitte?“ Viktoria blinzelte. Sie war perplex.

„Sie dürfen nicht.“ Einem Schlafwandler gleich, der sich seines Wandelns bewusst geworden war, kehrte Klarheit in seine Stimme zurück. „Sie, Viktoria…“

„Johann?“

„Zimmer, was haben Sie?“

„Und Sie…Poelchau. Sie haben beide schon zu viel getan.“ Er schreckte hoch, wach, gleichzeitig in seinem Alptraum gefangen, und tippte sich dahin, wo die Krempe seines Huts gewesen wäre, hätte er ihn heute getragen. „Guten Tag.“

Schmerz, Unglaube, Traurigkeit, Benommenheit, Schrecken und Realisation. Von überall riss ein anderes Gefühl an ihm, in seiner banalsten Form, aber unerträglich stark.

Er ging steif davon. Hinter sich hörte er Viktoria halbherzig seinen Namen rufen und Poelchaus belustigtes „Was hat er denn? Schriftsteller!“ Über ihm hallten die Glocken irgendeiner Kirche, die zur vollen Stunde schlug. Er ging in eine Richtung, in die er nicht musste, die ihn nirgendwo hinführte, aber er folgte ihr so lange, bis er selbst nicht mehr wusste, wo er war, weil die Straßennamen unbekannt und die Häuser schäbig geworden waren. In der Luft lag ein Geruch von Ruß und Schnee, dabei hatte es dieses Jahr noch nicht geschneit. Viktoria und Fritz Poelchau. Er bekam es nicht aus dem Kopf. Wie hatte er überhaupt annehmen können, er wäre der Einzige, dessen Arm sie auf diese Weise an sich zog, von dem sie Besitz ergriff und ihn einnahm? In ihren Augen war etwas seltsam gewesen. Und ihr Lachen. Er hatte den Mund verzogen, als er es gehört hatte. Seit er sie zum ersten Mal gesehen hatte, war ihr Lachen ein stiller Begleiter in seinem Kopf gewesen. Er hatte es nie vergessen. Was er heute gehört hatte, war nicht ihr Lachen gewesen. Etwas hatte gefehlt. Ein Teil von ihr – oder wie sollte er es anders sagen? Und wie sollte er es sich erklären? Viktoria hatte etwas verloren. Oder, so schrecklich der Gedanke war, sie hatte etwas abgegeben.

„Es gibt die Wünsche des Herzens und die Wünsche des Verstandes. Und manchmal steht das eine dem anderen im Weg.“ Das waren ihre Worte gewesen. Und er in seiner grenzenlosen Dummheit hatte gesagt: „Ich habe nur Verachtung für Leute, die sich selbst im Weg stehen.“

Wie hatte er das sagen können? Wie hatte er so geistig umnachtet sein können? So ein Narr, ihr eine solche Einfältigkeit ins Gesicht zu sagen und nicht daran zu denken, nicht einmal einen Zweifel daran zu vergeuden, dass sie sein Geschwätz als Aufforderung verstehen könnte. Denn so musste es sein! Sie hatte gesagt, dass es Wünsche gab, die einen am Ziel hinderten. Dann hatte sie ihn geküsst. Aber sie war danach fortgelaufen. War das ihr Abschied gewesen? Johann blieb stehen. Er drehte sich einem fremden Zaun zu und verpasste der Gartentür einen Tritt, dass sie aufsprang. Irgendwo bellte ein Hund. Viktoria hatte gesagt, dass sie ihn liebte! Und was hatte er gesagt?

„Ich habe nur Verachtung für Leute, die sich selbst im Weg stehen.“

Und was hatte er getan? Nichts. Er hatte sie warten lassen. Aber Viktoria, das hatte er sich selbst immer wieder klar gemacht, war nicht Anna Poelchau. Sie wartete nicht auf einen zögerlichen Feigling, der zu schwach war, seine Absichten zu erreichen. Sie ging ihren eigenen Absichten nach. Und was ihr dabei im Weg stand, schaffte sie beiseite. Und wenn es ein Wunsch war…Johann trat noch einmal gegen den Zaun. Das Holz vibrierte, doch er selbst nahm mehr Schaden davon als das Gatter. Hier war niemand, der ihn sah. Er hätte es sich fast gewünscht. Wäre nur jemand hier gewesen und hätte ihn herausgefordert. Wo war er hier? Seine Hände waren kalt. Johanns bester Anzug war auch sein dünnster. Er war lange herumgeirrt, ohne sich selbst nach dem Weg zu fragen. Das Wetter stimmte sich auf den Winter ein.

„Sie ist ein eiskaltes Weib“, sagte sich Johann in Gedanken. Er fror und übertrug es, wie alles, was er gerade fühlte, auf Viktoria. „Wie kann ein so schönes Geschöpf derartig kaltblütig sein?“ Sie hatte gesagt sie wolle wie ein Mann sein. Warum ausgerechnet einer wie Fritz Poelchau? Gab es nicht anständigere Männer, an denen sie sich ein Beispiel nehmen hätte können? Hatte sie ihm nicht zugestimmt? War sie nicht kritisch gegenüber dem Geschäft mit dem Wunsch gewesen? Er war fast sicher, dass sie ihren Wunsch nach Liebe eingetauscht hatte. Er hatte ihren Zielen, ihrem Unternehmergeist im Weg gestanden. Johann dachte an Vangelika Engeling aus der Pension. Wie hatte sie es ausgedrückt?

„Es gibt Menschen, denen es besser geht ohne ihre Wünsche, wenn sie unerfüllbar und quälend sind.“

Hilena Olbers, die Frau des Arztes, hatte fast dasselbe gesagt. Aber war Viktorias Wunsch unerfüllbar gewesen? Johann kehrte um. Er ging nicht dieselben Straßen, aber er versuchte, indem er in großem Bogen in die entgegengesetzte Richtung lief, allmählich in ihm vertraute Gegenden zurückzukommen. Vielleicht waren manche Wünsche ein Ansporn und andere eine Quälerei. Nicht nur, weil sie nicht erfüllbar waren. Sondern weil sie in ihrer Größe allein gegen eine Vielzahl kleinerer Wünsche standen, die gemeinsam mehr wogen, aber mit dem größten aller Wünsche nicht vereinbar waren. Vielleicht waren nicht alle Wünsche gleichwertig. Aber was machte den Wert eines Wunsches aus? Seine Erfüllbarkeit? Seine Bedeutung für die Gesellschaft? Welchen Maßstab musste man anlegen? Welche Philosophie? Es war gar nicht möglich, eine Regel für etwas zu finden, was derartig instabil war.

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 20

blumen

Diese Sache beschäftigte Johann eine ganze Weile. Er beschuldigte sich für seine Unbedachtheit, für sein „Ich liebe eine Andere“ und dafür, den Poelchaus überhaupt erst so nahe gekommen zu sein. Bestimmt hatte sich Anna inzwischen mit Viktoria ausgetauscht und Viktoria, die ihrer Freundin treu sein musste, hatte entschieden, Johann aus dem Weg zu gehen. Oder vielleicht war es auch nicht so und Viktoria wartete darauf, dass er auf sie zukam. Seine Feigheit war entsetzlich. Mittlerweile konnte nicht einmal er sie noch zu Vorsicht korrigieren. Diese Angst, Viktoria zu verlieren, schon verloren zu haben! Und er ging nicht hin, um es nicht zu erfahren, falls es so war. Was gab es dafür für ein anderes Wort als Feigheit? Sogar Anna Poelchau hatte den Mut, Johann in der nächsten Zeit immer wieder Einladungen zukommen zu lassen. Und obwohl er sie nie annahm und das Fräulein Poelchau mied, schickte sie ständig neue.

Johann war bei Jovar gewesen, um ihn wegen Viktoria um Rat zu fragen. Findelson hatte nur mit zusammengekniffenen Augen in den Himmel gesehen, gegrinst und gepfiffen.

„Wie oft muss ich es dir noch sagen, Jean? Geh hin!“

Also ging er hin. Er kratzte seinen Mut zusammen, zog seinen besten Anzug an – er besaß nur zwei alte aus zweiter Hand – tauschte ein paar vorbereitende Begrüßungsfloskeln mit seinem Spiegelbild aus und lachte unglücklich, als ihm einfiel, wohin ihn sein Üben das letzte Mal gebracht oder eher: wie wenig es ihm genützt hatte. Er war unvorbereitet, als ihm die Haushälterin der Parheims öffnete. In seiner Vorstellung war er hier aufgeschlagen und hatte Viktoria im Sturm erobert. Es hatte keine ältere Dame mit rotem Schopf gegeben, die ihn durch ihre langen Schneidezähne gefragt hatte, was er wünschte. Er stotterte der Haushälterin einen Gruß zu, fragte nach Viktoria und korrigierte sich im selben Atemzug überhastet zu Fräulein Parheim. Die Angestellte lächelte ihn gerührt an, wie es in die Jahre gekommene Junggesellinnen bei gutaussehenden jungen Männern manchmal machten, wenn sie sich an etwas erinnert fühlten, was bei ihnen selbst lange zurücklag.

„Fräulein Parheim ist nicht im Haus.“ Sie lächelte noch einmal auf die gleiche Weise und verriet ihm, dass Viktoria zum Floristen hier in der Straße gegangen war, um etwas in Auftrag zu geben. Sie bot ihm an, zu warten, doch Johann lehnte ab. Er ging selbst zum Floristen.

Vor dem Geschäft, das nur ein paar hundert Meter vom Haus der Parheims entfernt lag, begann er zu hadern.

War er nicht aufdringlich und banal, wenn er ihr nachlief? Was, wenn sie ihn nicht sehen wollte? Was war unverzeihlicher in seiner Situation? Aufdringlich und banal zu sein – oder feige? Er musste sich die Frage nicht beantworten, denn die Tür zum Laden öffnete sich und gemeinsam mit einem betörenden Gestank verschiedener Blumensorten kam Viktoria aus dem Haus. Sie lächelte, als sie Johann sah. Er fühlte sich gleichzeitig unglaublich erleichtert und auf seltsame Weise durch ihren Ausdruck an die Haushälterin der Parheims erinnert.

„Johann“, grüßte sie überrascht. Ihr Lächeln hielt an, aber sie kam nicht zu ihm. Sie blieb vor der Tür des Floristen stehen. Also ging er zu ihr. Ihre Augen leuchteten vor Frische. Sie hatten nichts von der Unsicherheit, die Johann die letzten Tage durchgestanden hatte.

„Viktoria.“ Der Sturm, mit dem er sie hatte erobern wollen, toste jetzt in seinem Kopf. Er warf alles um, was er sich zurechtgelegt hatte.

„Ich..“

„Wollen Sie Blumen kaufen?“ Da war er wieder, ihr lieblicher Spott, wie ein Schluck kaltes Wasser, der einen auf lange Sicht von innen wärmte, zuerst aber erschreckte.

„Wollen Sie Blumen bekommen?“ Sein Triumph war, dass Viktoria von seiner Antwort überrumpelt war und lachte.

„Oh, Herr Zimmer. Ich will so viel mehr als Blumen. Aber anders als andere warte ich nicht darauf, dass jemand kommt, um es mir zu schenken.“

War das eine Anspielung auf sein Ausbleiben? Er hatte sie nicht aufgesucht. Er hatte es gewollt. Feigheit hatte ihm im Weg gestanden. Feigheit, die ihm jetzt fernliegend und lächerlich vorkam. Aber sie hatte ihn gelähmt. Ihm drängte sich ein komisches Eilgefühl auf, ähnlich dem, das man hatte, wenn man im letzten Moment die Straße überqueren wollte, obwohl der Gegenverkehr schon anrollte. Wäre man gleich losgegangen, man wäre bequem auf die andere Seite gekommen. Jetzt riskierte man, überfahren zu werden. In solchen Momenten zappelten die meisten Menschen auf der Stelle und bremsten dann ab. Aber Johann war bereit, sich für Viktoria umfahren zu lassen.

„Ich bin trotzdem zu Ihnen gekommen“, sagte er mit einem bestimmten Blick in ihre Augen. Wieder lachte sie. Er verzog den Mund. Was hatte sie? Warum goss sie ihm mit ihrer Art so viel kaltes Wasser ein? Weil er sie nicht deuten konnte, schloss er ihrem Gelächter ein fragendes Lächeln an, ehe er ernst sagte:

„Viktoria – ich hätte mich vorher melden sollen. Ich wollte nicht aufdringlich sein.“

„Oh, Herr Zimmer.“ Sie war gerührt. „Ich wette, Sie waren noch nie im Leben aufdringlich. Das können Sie gar nicht.“

Es gab keinen Weg, ihre Antwort nicht als Kritik zu verstehen. Sie hatte auf ihn gewartet. Er war nicht gekommen. Er bereute es, aber es war nicht mehr zu ändern und jetzt war er hier. Er musste mit dem Blatt spielen, das er auf der Hand hatte. Vielleicht hatte er seine Asse leichtfertig verspielt, aber alles in allem waren seine Karten doch immer noch nicht so schlecht. Viktoria verhielt sich unterkühlt. Er hatte sie enttäuscht und sie ließ es ihn spüren. Er würde sie schon wieder für sich erwärmen. Sie baute Distanz auf. Ihre Haltung, ihr Ausdruck, ihr Lachen; alles war darauf aus, Johann auf Abstand zu halten. Er kannte dieses Verhalten. Er kannte es sogar von sich selbst. Das beste Mittel dagegen lautete Feingefühl und Charme.

„Sie werden erfreut sein, zu erfahren, dass ich in den letzten Tagen nicht untätig war“, behauptete er entschuldigend und neigte sich ihr dabei verschwörerisch entgegen. Er war aus der Übung, was süffisantes Auftreten betraf, aber sein Lächeln war umgarnend. Wenn Johann sich den Menschen nicht verschloss, fanden sie ihn liebenswürdig. Sie benutzten Worte wie anmutig und einnehmend, um ihn zu beschreiben. Es hatte ihn immer gewundert. Er selbst empfand sich weder als das eine noch als das andere. Aber seit er gemerkt hatte, dass es ihm Vorteile brachte, und das war schon in seiner Kindheit gewesen, hatte er es sich zunutze gemacht. Es war auch eben diese Karte, auf die er jetzt setzte, als er beteuerte: „Ich habe viel Zeit damit verbracht, zu überlegen, wie sehr Sie mich wohl verachten.“

„Sie werden auf offener Straße geküsst und haben Angst, aufdringlich zu sein. Ich kann Sie höchstens belächeln.“

„Mich belächeln?“ Johann fasste gespielt gekränkt an sein Herz.

„Wohlmeinend. Jedenfalls könnte ich Sie nicht verachten.“

„Dann haben Sie gelogen?“, fragte er spitzbübisch, während er nach ihrer Hand griff.

„Herr Zimmer.“

„Johann.“

„Johann.“ Sie umfasste seine Hand und drückte sie förmlich. „Es hat mich gefreut, Sie zu sehen.“

Sie lächelte überheblich und unglaublich reizvoll und wollte ihm die Hand wieder entziehen. Diesmal ließ er sie nicht gehen.

„Viktoria.“ Seine Stimme war melodisch wie ein ruhiges Lied und dabei fordernd wie ein Aufruf. „Zwing mich nicht, dir nachzulaufen. Ich tu es, wenn ich muss. Aber ich würde lieber meine Würde behalten.“

Sie betrachtete sein Gesicht. Etwas, was sie darin fand, wischte ihre Überheblichkeit fort. Stattdessen suchte sie gerührt seine Augen.

„Bitte, Johann“, stimmte sie leise zu. „Behalten Sie Ihre Würde.“

Da war er wieder, dieser seltsame Blick, der dem ihrer Haushälterin glich. Es war derselbe Ausdruck von Erinnerung, aber im Gesicht einer so jungen Frau wie Viktoria war er falsch.

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 19

parheim poelchau

Sie antwortete ihm nicht gleich, sie konnte es nicht. Er musste sich gedulden, bis sie geschluchzt und geschluckt und ihre Stimme in den Griff bekommen hatte.

„Er hat mir ein Geschenk gemacht.“

„Was für ein Geschenk?“ Je langsamer sie ihm Informationen gab, desto drängender wurden seine Fragen.

„Heirat aus Liebe.“

„Er hat Ihnen Heirat aus Liebe geschenkt? Die Möglichkeit?“

„Den Wunsch!“ Anna drehte ihr Gesicht, riss die Hände in die Tiefe und schrie über die Schulter.

Johann senkte die Stirn. Er begann, sich die Nasenwurzel zu massieren.

„Ah“, seufzte er, weil er nicht ausdrücken konnte, was ihm durch den Kopf ging. Und vielleicht wollte er sich damit auch nicht befassen und lieber nicht begreifen, was Anna Poelchaus Verhalten zu bedeuten hatte. Sie hatte sich doch nicht für ihn interessiert. Noch neulich hatte sie ihn zusammen mit allen anderen Männern ignoriert. War sie durch den Wunsch, von dem sie sprach, auf ihn aufmerksam geworden? Hatte sie plötzlich angefangen, sich umzusehen? War sie so verzweifelt, dass sie sich nach irgendjemandem sehnte und er war gerade zur Stelle gewesen?

„In Ihrer Gegenwart bin ich verloren.“ Annas Hände verdeckten nicht mehr ihr Gesicht, sie stand aber immer noch mit dem Rücken zu Johann. Er erinnerte sich an ihr Treffen im Theatercafé und daran, wie sie nicht aufgehört hatte, ihn anzustarren.

„Aber…warum? Was hat das mit mir zu tun?“, fragte er verzweifelt. Heimlich suchte er bereits nach Vorwänden, sich rauszureden und das Haus zu verlassen.

„Was weiß ich, Herr Zimmer! Ich kenne mich mit der Liebe nicht aus! Ich wollte Sie kennenlernen und jetzt wünschte ich, ich wäre niemals so dumm gewesen.“ Anna Poelchau richtete sich auf, bis sie respektabel dastand. Sie öffnete ihren Zopf. Ihre Handbewegungen waren unwirsch. Ihre Augen waren rot, als sie sich umdrehte. „Sie sind mir aufgefallen. Da ist etwas in Ihren Augen.“
„In meinen Augen?“

„Ich bin nicht dumm. Ich kenne mein Spiegelbild. Und ich merke, dass Sie mich nicht wollen.“

„Fräulein-„

Annas Hand schoss in die Höhe.

„Sagen Sie es nicht“, flehte sie. „Ich will es nicht hören.“

Johann erfüllte ihre Bitte. Er schloss den Mund und ging ratlos Kreise im Raum, bis er das Schweigen nicht mehr ertrug.

„Sie können den Wunsch vielleicht zurückgeben, wenn er sie unglücklich macht.“ Er fühlte sich schlecht, den Vorschlag zu machen; vielleicht war es kaltherzig, aber seine Überzeugungen standen fest. „Es ist nicht Ihrer.“

„Jetzt ist er es.“ Annas Hände verkrampften sich in ihrer Rockschürze. „Und ich will ihn nicht hergeben.“

Der Anblick ihrer verheulten Augen übermannte Johann. Mitleid wühlte ihn auf, es war furchtbar, er wollte sie trösten, aber alles, was er sagen konnte, verschlimmerte die Situation.

„Ich liebe eine andere.“ Er musste vom Teufel besessen sein, von allen möglichen Dingen ausgerechnet das zu sagen. Er hörte sich sprechen und erschrak über sich selbst. Aber vielleicht war es notwendig. Vielleicht war es auch nur ein schneller und radikaler Ausweg für ihn selbst. Anna Poelchau erstarrte zur Statue. Er sah ihr seine Grausamkeit an. Der Satz war unabsichtlich aus ihm herausgeplatzt, er hatte es nicht gewollt. Trotzdem, auch trotz ihres Anblicks, fühlte er sich erleichtert. Er hatte Viktoria erwähnen müssen. Er brauchte sie in seinen Gedanken, damit er nicht aus Anteilnahme Gefahr lief, etwas zu sagen oder zu tun, womit er helfen wollte, aber das Gegenteil erreichte. Er hatte ihren Namen nicht erwähnt. Aber jetzt, wo sie geheimnisvoll im Raum stand, hatte er die Entschlossenheit, sich Anna Poelchau zu stellen, sie zu trösten und zu ermutigen.

Sie wollte weder das eine noch das andere von ihm. Ihr Gesicht war unbewegt, aber sobald Johann den Mund öffnete, schoss ihre Hand wieder nach oben. Die Finger waren weit gespreizt. Es sah ein wenig unnatürlich aus. Sie schüttelte den Kopf.

„Gehen Sie.“

„Fräul-„

Gehen Sie!“

„Hören Sie, Anna…“

„Sie sollen gehen!“ Mit einem Satz war sie zu ihm gesprungen. Ehe er es verstand, hatte sie Johanns Hut an sich gerissen und schlug ihn damit, bis sie ihn erfolgreich zur Haustür hinausgetrieben hatte.

„Fräulein Poelchau!“, rief er geduckt. „Es tut mir leid!“

„Raus! Raus!“

Er stolperte die paar Stufen abwärts zur Straße. Seinen Hut warf Anna ihm hinterher.

„Es tut mir leid!“, rief er untröstlich.

Die Tür schlug scheppernd zu.

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 18

taube

Es war nicht die Tür zum Zimmer des alten Poelchaus, sondern die am Ende des Ganges, in deren Rahmen plötzlich der junge Poelchau stand. Er war von draußen gekommen und sah perplex aus, den Schriftsteller in seinem Haus vorzufinden. Ohne sich um die richtigen Worte zu bemühen, deutete Johann auf die geschlossene Tür. Fritz verstand und schob sich an Johann vorbei. Er stürmte ins Zimmer und warf die Tür hinter sich zu, ohne dass sie schloss. Johann konnte dem Drang nicht widerstehen; er spähte durch den Spalt. Da lag der alte Poelchau wie aufgebahrt, Anna schluchzend über seinen Bauch geworfen. Sofort gemahnte der Anstand Johann, zurückzutreten, und diesmal gehorchte er. Der Alte war tot. Seltsam. Johann war dabei gewesen und doch wieder nicht. Er wusste, er hätte es nicht verhindern können und hatte trotzdem den schalen Geschmack im Mund, zu wenig getan zu haben. Sollte er jetzt gehen? Es ging ihn doch alles wahrhaftig nichts an! Aber was war mit der Bitte des alten Mannes?

Sie halten meine Tochter da raus, hatte er verlangt. Aus Anstand.

Es war derselbe Anstand, aus dem er vom Totenzimmer weggetreten war, der ihn jetzt auf halber Höhe hinaus am Boden festkettete. Er hörte Fritz Poelchau sprechen. Zwar verstand er wieder nicht, was gesagt wurde, aber klar herauszuhören war, dass Fritz wütend war und sich über irgendetwas aufregte.

„Herr Zimmer.“ Tränenüberströmt kam plötzlich Anna direkt auf ihn zu. Ihr Zopf war verrutscht, hing schief über ihre Stirn. Johann streckte einen Arm nach ihr aus, um seine Anteilnahme zu zeigen. Es sollte ihn außerdem darauf vorbereiten, etwas zu ihr zu sagen. Sie fiel ihm um den Hals. Unter diesen Umständen sah er davon ab, zu sprechen. Seine Schultern sackten zusammen, bevor er sich dazu durchrang, Anna in eine halbe Umarmung zu schließen. Im Hintergrund wurde die Tür zum Totenzimmer zugeschlagen. Fritz Poelchaus lautes „Auf keinen Fall“ war zu hören. Die Männer diskutierten etwas aus. Vielleicht das Erbe des verstorbenen Unternehmers. Vielleicht auch etwas ganz anderes, wer wusste schon, was diese zwei Gauner sonst miteinander zu schaffen hatten!

„Kommen Sie“, bat Johann. Er musste unter allen Umständen Anna von hier wegbringen. „Wollen Sie ein Glas Wasser? Wo ist Ihre Küche?“

Aber sie ließ ihn nicht los. Ihr Gesicht grub sich in seine Halsbeuge, unangemessen tief, fand er.

„Ich will kein Wasser“, wimmerte sie.

„Dann lassen Sie uns trotzdem in die Küche gehen. Oder in Ihr Wohnzimmer. Sie sollten sich setzen.“

Anna ging mit ihm ins Wohnzimmer. Ein Raum, sechsmal so groß wie Johanns Kammer und dreißigmal so wohlhabend. Sie wollte nicht sitzen.

„Bitte, bleiben Sie noch einen Moment.“ Sie hatte seinen Blick in Richtung Eingang flüchten sehen. Er blieb, wie sie bat, noch einen Moment, sogar mehr als das, und ließ zu, dass sie sich bei ihm ausweinte. Er wusste sehr genau, wie es war, wenn Kinder weinten, weil er sich aus seiner eigenen Kindheit daran erinnerte, aber er hatte dahingehend wenig Erfahrung mit Erwachsenen. Er tröstete sie so gut er konnte. Im Grunde stand er nur schweigend bei Anna und leistete ihr Gesellschaft.

„Wie soll er das je begreifen?“ Anna schluckte, schluchzte und schniefte, alles zur gleichen Zeit. Sie war kaum zu verstehen.

„Wie bitte?“

„Fritz. Mein Vater.“

„Ich verstehe nicht, Fräulein Poelchau…“

Anna drückte ihr Gesicht noch einmal gegen Johanns Hals. Sie atmete tief ein und wieder aus. Er versteifte sich wegen der feuchten Luft auf seiner Haut.

„Mein Vater“, wiederholte sie klarer. „Sein letzter Wunsch.“

„Was war sein letzter Wunsch?“

Die Frage stand ihm nicht zu, aber zum Teufel damit! Er war nicht der Einzige, der sich über Grenzen hinwegsetzte. Solange Anna Poelchau förmlich an ihm haftete, konnte er sie alles fragen.

„Sein Sohn möge sehen, was er uns antut. Uns, seiner Familie.“ Annas Antwort klang wie ein halbes Zitat.

„Hmm…“ Schwer zu sagen, was Johann davon halten sollte. Er war kategorisch gegen das Geschäft mit dem Wunsch, ein Feind aus Überzeugung. Allerdings verstand er den Mechanismus, dessen sich der alte Poelchau kurz vor seinem Tod zu bedienen entschlossen hatte. Der Kranke hatte Verantwortung vor Gesinnung gestellt und gegen seine eigenen Prinzipien verstoßen, sich Schmutzes und Drecks bedient, um schlimmeren Schmutz und Dreck zu verhindern. Wenn Fritz den Wunsch erbte, seinen eigenen Fehlgang zu erkennen – wer konnte sich zwischen ihn und die Erkenntnis stellen? Ihm musste aus seinem eigenen inneren Wunsch heraus aufgehen, dass seine Ideen schädlich und schlecht waren und den Wunschhandel fallenlassen. So gesehen war der Plan des Alten nicht schlecht. Den Sohn mit dessen Waffen zu sabotieren…kein Wunder, dass Fritz gewütet hatte. Wahrscheinlich hatte er es gerade erfahren. Es traf sich auch für Johann nicht schlecht. Wenn der junge Poelchau von sich aus mit dem Wunschhandel abschloss, musste er sich nicht unbedingt mit ihm überwerfen. Was man nicht vergessen durfte: Fritz erbte von seinem Vater nicht nur dessen letzten Wunsch. Er erbte alles. Das gesamte Unternehmen fiel ihm jetzt zu. Johann war gut beraten, die einflussreichsten Leute der Stadt nicht gegen sich aufzulehnen. Vor allem nicht, wenn es Freunde von Viktoria waren.

„Entschuldigen Sie“, murmelte Anna und es kitzelte in seiner Halsbeuge in einer angenehmen Weise, die ihm deshalb sehr unangenehm war. Beim nächsten Herzschlag ließ sie von ihm ab. Sie hatte sich an ihre Würde erinnert. Plötzlich schämte sie sich. „Entschuldigen Sie“, sagte sie immer wieder.

„Sie müssen sich nicht-“ Johann brach ab, als Annas feuchtes Gesicht wieder da war und sich gegen sein Schlüsselbein presste. Ihre Lippen schmolzen auf seiner Haut wie bei einer leidenschaftlichen Nacht. Er zuckte und wich zurück. Anna sah so erschrocken aus wie er sich fühlte. Sie begann sofort wieder zu weinen.

„Fräulein Poelchau“, stutzte er. Er hätte gehen sollen! Es wurde zusehends schlimmer. Er sollte jetzt gehen, jetzt sofort. Aber was war mit seinem Anstand? Was war mit ihrem Anstand? Was war überhaupt in sie gefahren?

„Entschuldigen Sie! Entschuldigen Sie!“ Sie drehte ihm den Rücken zu und heulte in ihre Hände. Wieder glaubte Johann, im Theater zu stehen. So überzogen, so bitterlich wie Anna weinte, überhaupt ihr ganzes Gebaren, das alles hatte nichts mit einer vernünftigen Realität zu tun. Aber was in diesem Haus hatte überhaupt damit zu tun? „Ich bin verloren.“

Johann empfand eine krude Mischung aus Mitleid, Scham und Ärger.

„Anna. Sie sind verwirrt. Es ist kein Wunder. Sie sollten sich setzen.“

„Ich bin verloren!“ Anna wirbelte herum, die Frisur ruiniert, und funkelte ihn zornig an. Er war machtlos. Einen Moment fühlte er sich aller klugen Möglichkeiten beraubt.

„Nein“, sagte er dann sanft. „Nein. Sie sind nicht verloren. Warum glauben Sie das?“

„Fritz!“

„Wegen Ihres Bruders? Ich helfe Ihnen mit ihm.“

„Zu spät!“ Anna verbarg ihr Gesicht noch hinter den Handflächen. Stirnrunzelnd machte Johann einen Schritt auf sie zu. Nur einen kleinen, er wollte ihr nicht gleich wieder zu nahe kommen.

„Was hat er getan?“

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 17

kampf

Poelchau schlug die Augen auf.

„Ein letzter Handel“, flüsterte er. Dabei bewegte er kaum die Lippen.

Im Heim hatte Johann, als er acht Jahre alt gewesen war, einmal einen Jungen sterben sehen. Er war lungenkrank gewesen. Der Ausdruck im Gesicht seines gleichaltrigen Freundes war damals plötzlich uralt geworden, so, als wäre er schon tausend Jahre zu lang auf der Welt. Dahingegen sah irgendetwas am alten Poelchau ganz jung aus, als läge er in der Wiege und nicht im Sterbebett. Aber die Erinnerung an das tote Gesicht seines Kindheitsfreundes konnte sich in Johanns Gedanken nie lange halten. Manchmal, vor allem nachts, fiel es ihm plötzlich ein und tauchte vor seinen geschlossenen Augen auf. Jetzt wurde es von dem Eindruck verdrängt, in einem Theater zu stehen, auf der Bühne, am Rand des Geschehens. Was er sah war skurril. Der alte Poelchau, der, bleich, als wäre er geschminkt, aus dem Totenbett wisperte, und darüber der Wunschhändler, scharf wie ein Scherenschnitt. Aber man erkannte keine Details an diesem zackigen, kantigen Mann. Johann schob sich zwischen Anna und die beiden Männer. Sie ließ ihn gewähren, drückte ihn aber gleichzeitig näher zum Bett, damit sie beide das Gespräch belauschen konnten. Der Sterbende kämpfte mit jedem Wort. Es dauerte lange, bis er einen Satz zustande bekam. Das meiste davon verstanden Johann und Anna nicht einmal.

„…mein Testament erweitern“, konnte Johann entziffern und: „Was nur Sie arrangieren können.“

Der Wunschhändler richtete seine Augen offen auf den alten Poelchau. Er nahm von keinem anderen Notiz.

„…wichtigster Wunsch…Erbe erweitern.“ Es war nicht einmal klar, ob der Alte vollständige Sätze sprach oder nur Brocken ausstieß, gerade genug, damit der Steckenmann mit den unbeweglichen Augen sich den Rest zusammenreimen konnte. Das trockene Rasseln seines Atmens prallte blechern von den Wänden zurück. Johann spürte ein Ziehen in seiner Schulter. Es war Anna Poelchaus Hand, die sich in ihn krallte. Sie stand stocksteif hinter ihm, zu ihrem Vater starrend, den Schrecken im Gesicht. Vielleicht war es unpassend, dass Johann gerade in dieser Sekunde Viktoria einfiel. Aber wäre sie hier gewesen, sie wäre nicht wie eine Stabschrecke in Starre verfallen und hätte sich hinter ihm versteckt. Sie hätte gewusst, was zu tun wäre. Aber sie war nicht da. Er hatte nichts von ihr gehört. Seit Tagen nicht. Hier war nur Anna Poelchau mit ihrer gräulichen Miene.

„Was soll ich also für Sie tun?“, fragte der Wunschhändler erschütternd deutlich im Kontrast zu Poelchaus Sterbegeflüster. Er hatte einen merkwürdigen Knick in der Mitte seines Körpers. Der obere Teil war kerzengerade über das Bett gebeugt.

Johann stellte sich dieselbe Frage. Warum hatte der alte Poelchau, der gerade noch von Schmutz und Dreck gesprochen hatte, dieses Zweigesicht kommen lassen? Sich den Mann ins Haus geholt, vor dem Johann seine Tochter beschützen sollte? War er deshalb hier? Um der Sache beizuwohnen und aufzupassen? Er hatte den starken Drang, Annas zwickende Hand von seiner Schulter zu streichen, doch er nahm sie hin. Endlich sprach der Alte, woraufhin Annas Griff noch fester wurde. Zwischen Rasseln und Stöhnen rückte er mit seiner Forderung heraus.
„Sie müssen meinem Sohn meinen letzten Wunsch vererben.“

„Nein…“ Johann antwortete. Ohne nachzudenken, er war natürlich nicht gemeint gewesen. Kopflos wollte er auf den Wunschhändler zusetzen. Annas Schultergriff hielt ihn zurück.

„Ich soll ihrem Sohn…ahja.“ Das Janusgesicht stand murmelnd übers Krankenbett gebeugt, bog den Zeigefinger um sein Kinn und beachtete Johann nicht.

„Fritz.“ Wieder hustete und röchelte der alte Poelchau lange.

Der Wunschhändler nickte entschieden und wandte sich mit großer Bewegung den stehenden Anwesenden zu. „Lassen Sie uns allein.“

„Aber…“ Anna erschrak. Nicht nur ihr loser Stirnzopf war Schuld daran, dass sie wie ein hilfloses Mädchen aussah. Sie hing überfordert an Johanns Arm und wusste sich nicht gegen den Wunschhändler zu wehren. Es fehlte ihr an Erfahrung mit Situationen wie dieser. Sie wollte nicht gehen. Aber obwohl es schwer war, klare Aussagen über den Besitzer des Wunschladens zu treffen, ließ sich ganz sicher sagen, dass er kein Mann war, dem man widersprach.

„Ich gehe. Sie bleibt.“ Vielleicht war es deswegen für Johann umso einladender. Er befreite sich aus Annas Klammergriff und drängte sie, ohne sich kompromissbereit zu zeigen, zum Bett ihres Vaters. Der Wunschhändler zauderte einen Augenblick.

„Meinetwegen.“

Johann verließ den Raum. Er war dabei nicht unkritisch sich selbst gegenüber. Seine Sorge, Anna mit dem seltsamen Mann allein gelassen zu haben, war gut begründet – vielleicht hätte es zu seinen Aufgaben gehört, sie von ihm fernzuhalten. Auf der anderen Seite war es ihr freier Wille gewesen, bei ihrem Vater zu bleiben. So wurde der Schurke wenigstens überwacht. Aber wurde er das? War Anna dazu überhaupt in der Lage? Johann hätte selbst bleiben sollen. Aber was ging es ihn an? Er steckte sowieso bereits zu tief drin. Er war gekommen, um Fritz sein Geld zurückzugeben und ihm seine Unterstützung zu verweigern. Nur deshalb war er hier, diese Verwicklung hatte er nie gewollt.

Während der alte Poelchau in seinem Sterbezimmer seines Sohnes Erbe um einen Wunsch erweiterte, ging Johann auf dem Flur hin und her, bis er seine guten Vorsätze aufgab und das Ohr gegen die Tür presste. Er war angewidert davon, was dahinter vor sich ging. Er war auch angewidert von sich selbst, dabei lauschte er nicht aus Neugier. Der alte Poelchau hatte ihn in die Pflicht genommen. Es gefiel Johann nicht. Aber was für ein Mensch wäre er, die Bitte eines hilflosen Mannes auszuschlagen? Vor allem, da er um die guten Gründe dieser Bitte wusste. Er verstand nichts von dem, was im Krankenzimmer gesprochen wurde. Nur selten erkannte er überhaupt Stimmen. Die meiste Zeit drang Stille oder das schwächer gewordene, rasselnde Husten durch die Tür. Je länger es dauerte, desto unruhiger wurde Johann. Er setzte sich mehrfach den Hut auf und nahm ihn wieder ab, ging über den Flur, verfluchte den Tag, die Poelchaus und das Geschäft mit dem Wunsch. Einmal glaubte er, Anna hinter der Tür schluchzen zu hören. Er fuhr herum, als sich eine Tür öffnete.

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 16

kiste erbe

„In der Tat.“ Durch die plötzliche Nähe beengt, ließ Johann seinen Blick zwischen Vater und Tochter hin und her springen.

„Und was halten Sie davon?“, fragte der alte Poelchau rasselnd.

Annas Oberarm stieß Johann an. Er wusste nicht, ob sie versuchte, ihm einen unauffälligen Hinweis zu geben. Falls es so war, verstand er ihn nicht. Aber die Berührung war leicht genug, sie hätte auch zufällig sein können. Sie mied seinen Blick, deshalb war es schwer, Spuren aus ihrem Gesicht zu lesen. Poelchau erwartete eine Antwort. Johann konnte nicht schweigend stehen bleiben und warten, bis Anna sich bequemte, sich eindeutig zu verhalten. Eigentlich wollte er sie sowieso nicht berücksichtigen.

„Darf ich frei sprechen?“

„Nur zu.“

„Nicht das Geringste. Überhaupt nichts. Ich halte gar nichts davon. Die Stadt kurbelt ihren eigenen Verfall an und merkt es nicht einmal. Es ist eine Unart, dass der Mensch mit allem handeln muss. Dass er sich für ein gutes Geschäft alles Wesentlichen beraubt.“

„Es wird Normalität werden“, keuchte Poelchau aus schwacher Lunge. „So wie es normal geworden ist, seine Kinder für eine gute Partie wegzuhandeln.“ Johann mochte sich täuschen, doch er fand, dass der alte Poelchau dies sagte, als wäre er nie ein Freund von ‚guten Partien‘ gewesen. „Wenn es ginge, würde der Mensch auch seine Milz oder Leber verkaufen. Er macht es nur nicht, weil er dann tot ist.“

„Ich glaube ohne Milz kann man…“ Johann verstummte, als der alte Mann sich umständlich aufrichtete:

„Eine Zigarre wäre jetzt etwas Feines.“

„Das kommt nicht in Frage.“ Anna schüttelte das Kissen aus, das bis gerade hinter ihrem Vater gelegen hatte. Es war erleichternd, dass sie nicht mehr direkt neben Johann stand.

„Nichts wird einem gegönnt. Nicht mal als Sterbendem.“ Nicht weniger beengend war der alte Poelchau, der über seinen Tod sprach.

„Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob die Menschheit sich nicht selbst zerrüttet, bevor so etwas Normalität werden kann“, nahm Johann, um das Thema zu wechseln, den alten Faden wieder auf.

„Ah. Sie sind ein Fatalist.“

Johann wollte widersprechen. In dem Moment klingelte und klopfte es an der Vordertür.

„Ich gehe“, sagte Anna, im ersten Moment völlig überflüssig, denn wer hätte sonst gehen sollen – bis Johann einfiel, dass die Poelchaus wahrscheinlich Personal hatten, um so nichtige Dinge wie das Öffnen von Türen zu erledigen. Unterwegs warf sie dem Schriftsteller ein tröstliches Lächeln zu. Zwar war es ihm unangenehm gewesen, mit Anna im Krankenzimmer ihres Vaters zu stehen, allein mit dem alten Poelchau gefiel es ihm aber keineswegs besser.

„Ich sage Ihnen jetzt was“, stöhnte der Kranke, als nur noch sie beide im Raum waren. Er hatte sich wieder in seine Kissen rutschen lassen und sprach nur noch so schlaff, dass sein Röcheln zuvor wie ein letztes Aufbäumen eines tatsächlich Sterbenden erschien. Johann musste noch näher kommen, um ihn zu verstehen. „Dieser Handel mit Wünschen“, flüsterte der Alte, „ist das untere Ende der Menschlichkeit. Es ist nur Schmutz und Dreck. Sie halten meine Tochter da raus. Aus Anstand.“

Was hatte Anna über ihn erzählt oder wie verzweifelt war der alte Mann, einen vollkommen Fremden um diesen Gefallen zu bitten? Es war purer Zufall, dass Johann schon lange glaubte, Poelchau etwas zu schulden. Der Alte konnte es unmöglich wissen. Er erinnerte sich nicht an Johann. Der arme Mann hatte keine Wahl, keine andere als ihn, das war die einzige Möglichkeit. Wahrscheinlich gab es niemanden sonst, den er fragen konnte. Niemanden, der, wie er, ein Kritiker war. Johann hatte am eigenen Leib erlebt, dass es schwer war, Gleichgesinnte zu finden. Aber warum nicht Viktoria? War sie nicht der ganzen Familie Poelchau bekannt und mit Anna wenigstens ein bisschen befreundet? Hätte sie nicht die bessere Option sein müssen, vor ihm, den die Poelchaus weder kannten noch einschätzen konnten? Aber vielleicht dachten sie auch, sie könnten es.

„Ich kenne nicht mal Annas Einstellung dazu“, wandte Johann ein. Wie befürchtet war er in irgendetwas hineingeraten und ihm schwante nichts Gutes dabei.

„Nur Schmutz und Dreck“, flüsterte der alte Poelchau. Seine Hand öffnete sich auf der Bettdecke, als wolle er nach etwas greifen, aber er konnte sie nicht heben. Bleich lag er da, blutlos, als wäre er schon tot. Bei jedem Luftholen rasselte sein Atem. Sein Blick driftete an Johann vorbei ins Leere. Dann schloss er die Augen. Es hatte etwas Endgültiges, wie sich die schweren, weißen Lider plötzlich über seine ausgetrübten Pupillen schoben. So als habe sein ganzer Körper einstimmig beschlossen, den Dienst aufzugeben.

Johann geriet in Panik. Er wirbelte herum, um Anna zu holen. Kaum bei der Tür, kam sie ihm schon entgegen. Der Anblick des Mannes, den sie bei sich hatte, erwischte Johann eiskalt.

„Was?“, stammelte er. Eine Sekunde hätte er fast dem Impuls nachgegeben, sich dem Mann in den Weg zu schieben. Er zögerte jedoch, dachte nach, und da war die schreckliche Person schon an ihm vorbei. Aber Anna hielt er mit einem nach vorn schnellenden Arm auf, bevor sie dem Mann folgen konnte.

„Ich glaube, es geht zu Ende“, zischte er. „Was will dieser Mensch hier?“

Anna Poelchaus Augen waren weich und traurig. Aber der Rest ihres Gesichtes konfrontierte Johann mit ungerührter Bitterkeit.

„Mein Vater wünscht es so. Lassen Sie mich durch, Herr Zimmer.“

Warum musste er hier sein und all das mitansehen? Johann überlegte, sich dem zu verweigern. Er wollte gehen. Nichts lieber als das. Aber der sterbende Poelchau hatte ihm gegenüber eine Bitte ausgesprochen. Der Anstand saß zu tief in ihm, es war ihm unmöglich, sich herauszuziehen und Anna mit einem zurückzulassen, der mehr Leiche war als Mann und einem, der mehr Teufel war als Mensch.

„Ich verstehe es nicht“, seufzte er und ging hinter der jungen Frau zurück ins Krankenzimmer, wo der Besitzer des Wunschladens schon wie ein Klappmännchen über das Bett gebeugt stand und dem alten Poelchau zuflüsterte.

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 15

schrank

Die Einrichtung war tadellos. Hochmodern und neu. Anders stand es um den Mann. Herr Poelchau war so weiß wie seine Laken. Seine Augen blutrot unterlaufen. Er sah aus wie ein verhungernder Vampir, der pestatmig in einer dunklen Kammer vertrocknete. Anna riss die Gardinen zurück und das einzige Fenster im Raum auf, woraufhin der Alte blinzelte und leise röchelte. Johann nahm seinen Hut ab. Es war ihm höchst unangenehm, hier zu sein. Zum einen war es erschreckend, zu sehen, wie der alte Poelchau abgebaut hatte, seit er sich damals auf der Straße für ihn eingesetzt hatte. Zum anderen war Johanns Anwesenheit alles andere als passend. Er hatte hier nichts verloren, hier, in diesem intimen Bereich der Unternehmerfamilie, wo er ein Außenseiter war, ein Eindringling, der aus Gründen, die er selbst nicht kannte, durch die Vordertür herein gelassen worden war. Unmittelbar drängte sich ihm das Gefühl eines Mannes auf, der zu viel gesehen hatte. Der in etwas reingeriet, aus dem es kein Entkommen gab. Eine Sekunde bäumte sich in ihm die Überlegung auf, rückwärts aus dem Raum zu fliehen. Aber der alte Poelchau richtete bereits die Augen auf ihn. Was darin weiß hätte sein sollen, hatte einen ungesunden Gelbstich.

„Guten Abend, junger Mann“, grüßte der Alte mit kurzem Atem. Er keuchte mehr als dass er sprach. Seine Anstrengung bei den kürzesten Sätzen war deutlich zu hören.

„Guten Abend.“

Der Greis blinzelte unablässig zu ihm rüber. Vielleicht sah er schlecht. Trotz der bedrückenden Stimmung im Raum, die ihn in die andere Richtung zog, ging Johann näher zum Bett. Anna setzte sich auf die linke Bettseite, um die Hand ihres Vaters zu halten, der es geschehen ließ, aber mit ihm, dem Gast, sprach.

„Meine Tochter hält es für wichtig, dass Ich Sie kennenlerne, Herr…“

„Zimmer, Johann.“

„Ahja.“ Der alte Poelchau hustete. „Schriftsteller sind Sie, sagte sie. Und Kritiker.“

„Ich schreibe Rezensionen. Theater.“

Was für ein seltsames Gespräch. Es hatte etwas ganz Falsches. So, wie es falsch war, dass Anna hier war. Wenn es eine Frau gab, deren Vater er kennenlernen wollte, so war es nicht sie. Dazu kamen die bizarren Umstände, unter denen das Treffen stattfand…

„Theater.“ Wieder hustete Herr Poelchau. „Sind Sie aus der Stadt? Ich kenne einen Friedrich Zimmer…“

„Nicht verwandt“, sagte Johann sofort. Er wurde in guten Gesellschaften häufiger nach einem Notar namens Friedrich Zimmer gefragt, manchmal mehrfach von den gleichen Personen. Die Leute konnten sich nicht damit abfinden, dass er keine Herkunft hatte, so gesehen ein Niemand war.

„Natürlich hast du eine Herkunft“, hatte Jovar ihm einmal gesagt. „Du kannst dich nur nicht, wie andere Leute, auf den Lorbeeren deiner Eltern ausruhen. Leute, die beides gleichsetzen, sind Idioten. Was interessiert dich ihre Meinung?“

„Wissen Sie, warum Sie hier sind?“, fragte der alte Poelchau. Gleich darauf sank sein Kopf unter Stöhnen in die Kissen.

„Ehrlich gesagt…“

„Weil Sie Kritiker sind.“ Er hatte den Kopf wieder hochgestemmt. Ein Blick, der unter anderen Umständen inspizierend gewesen wäre, drang Johann entgegen, verlor aber auf halbem Weg die Schärfe. Er wusste nicht, worauf der Alte hinaus wollte. Es konnte unmöglich um Theater gehen.

„Ich…“

„Sie wollen nicht mit meinem Sohn zusammenarbeiten. Er hat Ihnen Arbeit angeboten. Anna sagte mir, dass Sie ablehnen werden.“

Unter ihrem geflochtenen Zopf sah Anna Poelchau Johann ohne Schuldgefühl entgegen.

„Das stimmt. Ich dachte, ich wäre hier, um genau das zu tun. Allerdings…“

„Sie halten wohl nichts vom Geschäft mit dem Wunsch.“ Der alte Poelchau mochte krank sein. Nichtsdestotrotz verstand er es wie kein Zweiter, anderen das Wort abzuschneiden. Es störte Johann. Er sagte nichts, weil er, auch wenn es blödsinnig war, mehr Geduld für kranke Menschen aufbrachte als für gesunde.

„Ich weiß, dass Ihre Familie sich sehr für diese Art von Geschäft interessiert…“

„Sie wissen gar nichts.“ Diesmal war es Anna, die ihm harsch ins Wort fuhr.

Johann zuckte zusammen. Sie starrte ihn an, ohne einen Muskel zu bewegen.

„Aber mir wurde-„

„Bestimmt viel an Gerüchten zugetragen“, hustete der alte Poelchau. „Denn wir sind immer für ein Schwätzchen gut, nicht wahr?“

Ausnahmsweise war Johann froh über die Unterbrechung des Kranken. Er hätte fast, ohne es zu wollen, seinen Freund, den Arzt, verraten. Sein Schweigen war dem alten Poelchau Bestätigung genug. Anna verzog noch immer keine Miene.

„Sie müssen wissen, Herr Zimmer – ich bin Geschäftsmann. Natürlich interessiert mich zuerst einmal alles, was neu auf den Markt kommt. Es wäre unverantwortlich, sich nicht wenigstens zu informieren.“

„Bei allem Respekt“, entgegnete Johann. „Was Ihre Familie vorhat, geht doch ein bisschen übers Informieren hinaus.“

„Sie wissen scheinbar genau Bescheid.“ Poelchau hustete. Da war eine Brüskierung, etwas Aufmüpfiges in seinem Gerassel. „Dann sagen Sie mal: Was haben wir denn vor?“

„Vielleicht hätte ich nicht sagen sollen: Ihre Familie“, räumte Johann ein. „Vielleicht hätte ich sagen sollen: Ihr Sohn. Was er mir beschrieben hat, klang mir sehr nach Geschäft. Und ziemlich gezielt. Entschuldigen Sie, ich weiß nicht, was er mit Ihnen besprochen hat und möchte ihm nichts vorweg nehmen.“

„Sie meinen einen Untergrundhandel.“ Der alte Mann drehte den Kopf erschöpft im Kissen. Er hatte die Gelassenheit der Dahinsiechenden, nichts Beneidenswertes, aber angenehmer als sein hustendes Gepolter. Da war ein Rest Schroffheit in seinen Augen, gelb und krank, im einen Moment deutlich, im nächsten nach innen verdreht. Anna stand vom Bett auf und schloss das Fenster. Anstatt danach zum Bett ihres Vaters zurückzukehren, stellte sie sich wie ein Wächter neben Johann.

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 14

parheims poelchaus

Die Nachricht aus dem Hause Poelchau traf wenig später ein. Zwei Tage nach ihrem Treffen im Theatercafé schickte die Familie einen Botenjungen zur Pension, um Fritz eine Einladung für den Abend auszusprechen. Johann nahm sie widerwillig und aus Pflichtgefühl an. Er dachte dabei auch an Viktoria. Seit dem Tag im Park hatte er sie nicht gesehen. Es gab Hoffnung darauf, bei den Poelchaus etwas von ihr zu hören. Natürlich wäre es unkomplizierter gewesen, sie aufzusuchen. Nur war das keine Option. Ihre nächste Begegnung musste die ungezwungene Atmosphäre der Zufälligkeit haben, zumindest für sie, andernfalls stünde zwischen ihnen, wie eine Trennwand, unsichtbar die Erwartungshaltung. Kurz und gut: Er traute sich nicht, Viktoria zu besuchen. Er war zu feige. Obwohl er es seiner Korrektur unterzog und Vorsicht nannte, wusste er doch, dass es nicht Vorsicht, sondern Feigheit war, die ihn vom Haus der Parheims fernhielt. Er hatte Angst vor ihrer Reaktion, er konnte Viktoria nicht einschätzen, und das, was sie faszinierend für ihn machte, machte sie auch furchteinflößend. Aber wenn er bei den Poelchaus unter irgendeinem Vorwand ihren Namen fallen ließ, erfuhr er vielleicht etwas über sie und ihren Verbleib. Er musste sowieso hin, um Fritz sein Geld zurückzugeben und ihm zu sagen, dass er sich für seine Schandtaten einen anderen suchen musste.

„Danke, aber nein danke“, sagte er, während er in seinem Zimmer hin und her ging. Er übte den richtigen Tonfall für den entscheidenden Moment. So etwas ging nicht, ohne sich albern zu fühlen, doch er wollte sich nicht wieder von Poelchaus Offiziersart überfahren lassen. Er kam sich sogar doppelt albern vor, weil er genau wusste, dass er jetzt, in seinem Zimmerchen, vielleicht den richtigen Ton fand, es aber später, wenn er Fritz gegenüberstand, ganz anders aussehen konnte. Wenigstens verschaffte es ihm Absicherung während des Wegs zum Anwesen der Poelchaus. Es war gar nicht so sehr übertrieben, wenn die Leute sagten, dass die Poelchaus mit allem handelten, was Geld brachte. Entsprechend schön war ihr Haus. Es glänzte mit weißer Zierfassade, Stuck und großen, geschwungenen Balkonen. Die Eingangstür sah aus wie die verkleinerte Version eines Schlosstores. Es fehlte nur noch, dass die Poelchaus einen Burggraben um ihr Grundstück ziehen ließen.

Johann benutzte den Türklopfer, der alle Klischees erfüllte, die man nur haben konnte: Er war wie ein Löwe geformt , der den Ring in seinem Maul hielt.

Dem jungen Mann war mulmig zumute. Er wollte nicht hier sein. Es war aber, rein gesellschaftlich gesehen, nicht klug, eine Einladung von Fritz Poelchau abzulehnen. Umso mehr, da er selbiges mit dessen Geschäftsangebot vorhatte. Das Geld hätte er bitter gebrauchen können, aber Jovar hatte es gestern gut zusammengefasst, als er gefragt hatte: „Wie viel für deine Seele, Jean?“

Sein Freund hatte Recht. Johann hatte nie vorgehabt, sich an Poelchaus Plan zu beteiligen. Es hatte mit Wunschhandel zu tun, so viel hatte er verstanden. Er wusste nicht, wie so etwas funktionieren sollte. Es interessierte ihn auch nicht. Von manchen Dingen ließ man besser Finger und Gedanken. Man sprach sich nicht dafür aus und man schrieb garantiert keine Broschüren, die das bewarben, was man um jeden Preis verhindert wollte. Wenn Fritz Poelchau sich wieder in Selbstgefälligkeit erging, würde Johann ihm diesmal etwas erzählen! Falls er, wie letztes Mal, glaubte, über ihn hinweg bestimmen zu können, würde er ihm ein paar Dinge sagen, die weit über „Danke, aber nein danke“ hinausgingen.

Anna öffnete ihm die Tür.

„Oh.“ Johann zog den Hut vom Kopf, den er gegen das feuchte Herbstwetter aufgesetzt hatte, und verneigte sich mit wirrem Haar. Er hatte sich bemüht, es zu ordnen. Aber es war dunkel und dick und wurde zu selten geschnitten.

„Herr Zimmer.“ Anna hatte heute zum ersten Mal davon abgesehen, ihr Haar zu einem Knoten zu binden. Stattdessen umkränzte ein geflochtener Zopf ihre Stirn. Sie wirkte weniger streng und wieder etwas kindlich, als sie ihm, kurz lächelnd, ihre Hand hinstreckte. Johann wusste nicht, ob er sie küssen oder schütteln sollte. Er drückte den Hut zurück auf seinen Kopf und verneigte sich noch mal, als er ihre Finger sanft zwischen seinen zusammenpresste.

„Schön, dass Sie kommen konnten“, sagte Anna. „Und ganz pünktlich. Ich bin von Künstlern anderes gewohnt.“

„Vielleicht bin ich kein Künstler.“ Johann trat ein, sobald Anna zur Seite rückte. Der Dielenboden war aus weißem Marmor. „Ich finde den Begriff sowieso schwer zu fassen.“

„Ich weiß, was Sie meinen. Was manche Leute Kunst nennen…“ Anna schloss die Tür. Sie lehnte vergnügt den Rücken dagegen. Es hatte etwas Nervöses, wie ihre Augen hin und her sprangen. Deshalb – und noch mehr wegen des seltsamen Stirnkranzes – erinnerte sie an eine alte Jungfer vom Land.

Johann lachte höflich.

„Ist Ihr Bruder da?“

„Fritz? Er ist gerade nicht im Haus.“

„Was?“ Johann stand wie vom Donner getroffen. „Wie kann es sein, dass er-„

„Ich habe Sie eingeladen.“

Er war von Poelchaus Unverschämtheit noch verstört, als ihm die nächste Überraschung entgegenschlug.

„Oh.“ Mit einer unbewussten Handbewegung richtete er seinen Hut. „Sie?“

„Ich möchte mich mit Ihnen über die Pläne meines Bruders unterhalten.“

Anna hatte ihn eingeladen, nicht Fritz. Der wusste wahrscheinlich nicht einmal von Johanns Besuch. Das machte seine Probe vor dem Spiegel noch lächerlicher.

„Ich möchte sie außerdem jemandem vorstellen.“ Anna drückte sich von der Tür ab. Es wurde immer verwunderlicher. Sie führte ihn durch ein luxuriöses Wohnzimmer in einen Flur mit wenigen Türen. Johann wusste nicht, was er davon halten sollte.

„Sein Zimmer war oben.“ Anna sprach mit gedämpfter Stimme. Sie umfasste einen Türgriff, dann zögerte sie und klopfte. „Wir haben ihn verlegt, damit die Treppen ihm nicht zur Last fallen. Sagen Sie nichts über die Einrichtung.“

Was war damit gemeint? Warum hätte er etwas über die Einrichtung sagen sollen? Warum war er hier und warum brachte ihn Anna in ein fremdes Schlafzimmer? Ein solches betraten sie nämlich, nachdem von der anderen Seite der Tür jemand „Herein“ gehustet hatte. Es überraschte ihn nicht, dass es der alte Poelchau war, der im Bett an der Wand saß.

Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 13

poelchau

An Arbeit war nicht zu denken. Egal, ob er die Augen offen hatte oder geschlossen, er sah immer nur Viktorias Gesicht. In vielen winzigen Details zog es an ihm vorbei. Lächelnd, mit vorwitziger Stirnlocke, die neugierigen Augen voll von einer Leidenschaft, die ihn ergriff wie einen Schwersichtigen, der zum ersten Mal klare Linien und Kanten wahrnahm.

„Ich muss arbeiten“, sagte er sich, versank aber gleich wieder in der Erinnerung an den Kuss, der sich in seiner Vorstellung bereits zu etwas Größerem verwandelt hatte als er in der Realität gewesen war. Er hatte eine romantisierende Anpassung durchlaufen und war nun wesentlich inniger und weniger tölpelhaft. Seine Fantasie war der Wirklichkeit überlegen. Die Wirklichkeit ließ sich allerdings nur schwer aussperren. Irgendwann klopfte sie an seine Tür und erinnerte ihn an seine Pflichten.

„Ich muss arbeiten“, murmelte er wieder und riss sich gewaltvoll aus seinen Träumereien. Schlussendlich ging er doch ins Theatercafé. In der Stille seines Zimmers konnte er sich nicht disziplinieren. Gerede hin oder her, er wusste ja, er konnte nirgends so gut schreiben wie im Café. Meistens saß er am selben Platz, mit dem Rücken zur Wand und dem Gesicht zum Eingang. Als er dort war, kam er überraschend gut voran. Vielleicht hatte Viktoria ihn beflügelt. Der Kuss der Muse führte seine Hand. Ausgerechnet Fritz Poelchaus Stimme brachte sie wieder zum Verharren.

„Herr Schriftsteller!“

Johann hatte die Poelchaus am Nebentisch nicht bemerkt. Da saßen die Geschwister und starrten ihn an. Als er fragend den Kopf hob, winkte Fritz ihn zu sich. Die Handbewegung, die er machte, war eine, mit der man Personal befehligte.

Johann überlegte, ihn zu ignorieren. Aber seine Neugier überwog. Er stand auf, sammelte sein Buch ein, in das er mit der Hand vorschrieb, und ging zum Nachbartisch.

Der Schriftsteller. Schon wieder“, grüßte Fritz Poelchau, als wäre Johann derjenige gewesen, der ihn gerufen hatte und Johann verbeugte sich wie beim letzten Mal. „Was kritzeln Sie da eigentlich immer?“

Nur Kritzeleien.“ Auf das joviale Gefrage des Unternehmers nicht aufrichtig eingehend, warf er dessen Schwester einen verschmitzten Blick zu. Er hatte geglaubt, sie wäre ein sicherer Fluchtpunkt, zu uninteressiert an seiner Anwesenheit, als dass er sich mit Reaktionen auf seine Antwort hätte auseinandersetzen müssen. Er war überrascht, festzustellen, dass sie ihn direkt ansah. Johann fürchtete sich nicht vor ihrem bösen Gesicht. Er war heute allen Frauen gewachsen. Viktoria Parheim hatte ihn geküsst, das hatte ihm die Goldmedaille verliehen, was sollte ihn also das Desinteresse Anna Poelchaus verunsichern? Allerdings war ihr Gesicht gar nicht böse. Als er ein zweites Mal hinsah, fiel ihm auf, dass sie nur das Träumerische behalten hatte. Was sie normalerweise garstig aussehen ließ, war von einem entzückt fragenden Ausdruck abgelöst worden. Fand sie es lustig, dass Johann ihrem Bruder eine ernsthafte Antwort verwehrt hatte? Vielleicht wusste sie es zu schätzen, einem zu begegnen, der vor den Poelchaus nicht den Steigbügelhalter spielte.

Ja, das glaube ich.“ Fritz interessierte sich nicht für Johanns Antwort. Er hatte nicht einmal zugehört. „Und ich brauche so einen Kritzler wie Sie. Haben Sie nicht Lust, mich zu unterstützen?“

Wobei?“, fragte Johann mit einer Mischung aus Ablehnung, Wunder und Schmeichel.

Ich brauche Sie zum Schreiben einer Broschüre, die, ganz gezielt, kontrolliert gestreut, bestimmte Personen über eine neue Art des Handelns informieren soll.“

Der Unternehmer lehnte sich, die Stimme gesenkt, angedeutet über den Tisch und sah ihm aus verengten Augen mit unverkennbarem Haifischlächeln ins Gesicht. Sofort gewann Johann Gewissheit, dass er selbst nur ein kleiner Fisch war, der vor dem Jagdtrieb des anderen nicht entkommen konnte. Er wartete nur so darauf, dass Poelchau hochschnappte und ihn verschluckte.

Ich fürchte, ich verstehe nicht“, entgegnete er dem gefährlichen Lächeln so höflich wie er konnte.

Anna Poelchau sah ihn immer noch an.

„Sie verstehen mich schon.“ Da war Müdigkeit in den Augen ihres Bruders. Und etwas Getriebenes, für das Johann kein anderer Begriff einfiel als unheimlich, obwohl das auch nicht das richtige Wort war. Der Unternehmer umfasste das Bierglas, das vor ihm stand. „Wir haben uns doch vor einer Weile gesprochen. Sie wissen Bescheid, dass eine neue Zeit angebrochen ist. Es gibt andere Nachfragen als vorher. Mehr Nachfrage als Angebot.“

Fritz musste Johann für einen Schwächling halten, oder war er sich seiner Sache so sicher, dass er sich vor niemandem fürchtete? Warum sonst sollte er sich so vertraulich mit ihm unterhalten? Poelchau wusste, dass der Schriftsteller nichts gegen ihn ausrichten konnte. Oder hatte Viktoria ihn erwähnt, so, wie sie vor ihm über Fritz gesprochen hatte? Viktoria. Konnte dieser unangenehme Unternehmer ihm vielleicht helfen, sie leichter zu erreichen? Wenn er mit Poelchau Geschäfte machte, konnte er sie öfter sehen? Die beiden waren Freunde. Andererseits brauchte Johann den anderen nicht mehr. Viktoria hatte ihn geküsst. Sie hatte ihm gesagt, dass sie ihn liebte. Sein Herz zuckte schmerzhaft in seiner Brust. Warum hatte er vorher nicht darüber nachgedacht? All seine Gedanken waren um den Kuss gekreist. Aber sie hatte von Liebe gesprochen. Und Verachtung. Dann war sie fortgelaufen. Was hatte das bloß zu bedeuten? Er war noch verwirrt und abgelenkt von seinen Überlegungen, die ihn überfallartig überkommen hatten, so wie es ihm manchmal in den unpassendsten Situationen passierte, als Johann klar wurde, dass beide Poelchaus ihn anstarrten. Ihm schlug die Erkenntnis gegen den Kopf, dass Fritz ihn irgendwas gefragt hatte.

„Was?“, fragte er und richtete sich im Stand auf. Er verbesserte sich zu einem: „Wie bitte?“

„Es ist an der Zeit, schnelle Entscheidungen zu treffen“, fuhr Poelchau fort. Er wiederholte seine Frage nicht. Wahrscheinlich ging er nicht davon aus, dass jemand die Stirn besaß, ihm nicht zuzuhören. Anna gaffte Johann aus trüben Augen entgegen, ohne sich am Gespräch zu beteiligen.

„Also wie war Ihr Name? Zimmer?“ Fritz trank einen Schluck Bier. Anschließend verzog er den Mund, als wäre es Medizin gewesen.

„Johann Zimmer.“

„Gut. Zimmer. Bringen Sie es für mich auf den Punkt. Fesseln Sie die Leute. Sie kommen die Tage vorbei und wir besprechen die Details. Heute wird es nichts mehr. Halten Sie sich frei, ich gebe Ihnen Bescheid.“

Die beiläufige Selbstverständlichkeit, mit der Fritz Poelchau wildfremde Menschen herumkommandierte, war atemberaubend. Der Teil Johanns, der ihn nicht dafür hasste, bewunderte ihn.

„Ehrlich gesagt fühle ich mich nicht wohl dabei.“ Johann hasste auch sich selbst dafür, auf Poelchau hereinzufallen. Der Unternehmer spielte eine Realität vor, in der es beleidigend war, sich seinen Ideen zu widersetzen. Er spielte es so gut, dass sein Gegenüber es ungewollt annahm. Als er ablehnte, kam er sich vor, als mache er sich schuldig. Umso mehr, weil Anna Poelchau immer noch nicht die Augen von ihm nahm. Es stand absolut nicht zur Debatte, dass er Fritz half. Trotzdem wand er sich in der Zange, in die die Geschwister ihn mit ihrer Art und ihren Blicken nahmen.

„Lehnen Sie nicht gleich ab“, schlug Poelchau vor. Seine dunklen Brauen verzogen sich. Sein Lächeln war beunruhigend. Eigentlich machte er keinen Vorschlag. Er traf einen Beschluss. „Ich melde mich bei Ihnen.“

Plötzlich lächelte Anna Johann an. Ihr Lächeln unterschied sich vollkommen von dem ihres Bruders. Es unterschied sich auch vollkommen von ihrem Gesicht, so wie man es kannte. Ihr reizloser Mund war auf einmal entzückend. Er strahlte Kindlichkeit und seltene Frische aus und eine innere Stimme sagte jedem, der sie ansah, dass man sie nicht verletzen durfte. Ihre Augen waren vom Leben enttäuscht. Dieses Lächeln, mit dem sie Johann überfiel, trug eine Spur Hoffnung hinein. Er brachte es nicht über sich, diesen Ausdruck zu zerschlagen, selbst wenn alle Vernunft dagegen sprach, dass ihre Hoffnung mit ihm zusammenhing. Höchstens war es Kalkül; eine diabolische Methode der Geschwister, sich gegenseitig zuzuarbeiten. Johann wollte ablehnen, sofort, alles in ihm schrie danach. Im selben Moment erwiderte er Annas Blick und rätselte, was es mit Fräulein Poelchau auf sich hatte.

„Sehr gut.“ Fritz klatschte in die Hände. Sein nächstes Klatschen traf Johanns Schulter. Er hatte das Zögern des Schriftstellers genutzt, sein Bier auszutrinken, und war aufgestanden. „Befruchten Sie Ihre Gedanken. Schriftsteller tun das gern mit Rotwein, hab ich mir sagen lassen. Wir reden noch. Anna.“

Seine Schwester stand auf Zuruf wie dressiert.

„Einen schönen Abend, Herr Zimmer“, wünschte sie.

Johann hörte es zuerst nicht. Es wurde ihm erst im Nachhinein klar. Er war vor den Kopf gestoßen, weil Poelchau ihn mit seinen Abschiedsworten auch etwas Geld in die Hand gedrückt hatte, das er angenommen hatte, weil er von einem Handschlag ausgegangen war. Das ging zu weit.

„Sie verstehen mich falsch.“ Johann überging Anna. Er machte einen Schritt hinter Fritz her, der sich, der Tür zugedreht, den Mantel richtete. „Ich will Ihr Geld nicht. Ich habe nicht vor-„

„Jetzt schlagen Sie meine Einladung nicht aus. Fühlen Sie sich nicht gleich gekauft. Trinken Sie einen auf mich und denken Sie drüber nach.“

Es gab nichts zu überlegen. Auf der anderen Seite musste er Poelchau hier und jetzt keine Szene machen. Der Unternehmer, arrogant wie er war, hatte sich schon abgewandt. Johann wollte ihm weder nachlaufen noch hinter ihm her schreien. Er konnte das Geld diskret zurückgeben, wenn er diesem Wichtigtuer eine Absage erteilte.

Viktoria hatte Johann gewissermaßen vorgewarnt. Sie hatte durchklingen lassen, dass Poelchau nicht aufgab, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Sein kurzer Anflug von Wut löste sich in Genugtuung auf, als er sich sagte, dass Fritz der Große wohl auf sie beide verzichten musste. Auf Viktoria und auf ihn. Und was jeden von ihnen mit Poelchau entzweite, brachte sie einander näher. Anna Poelchau stand noch an der Tür, durch die ihr Bruder das Theatercafé gerade verlassen hatte, als sie sich nochmal umwandte. Diesmal lächelte sie nicht. Sie durchbohrte Johann mit ihren trüben Augen. Mittlerweile war ihr Gesicht wieder garstig wie sonst. Sie winkte ihm zaghaft, bevor sie ging.