Schrullen-WG

„Würdest du sagen, ich bin exzentrisch?“

Manchmal, wenn mir eine Frage oder ein bestimmter Gedanke einfällt, unterbreche ich alles, was ich gerade tue, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Meine beste Freundin schaut von ihrem Kalender auf. Sie überlegt einen Moment.

„Naja. Du läufst gerade nackt durch die Wohnung mit einer Unterhose auf dem Kopf.“

„Das ist was anderes! Ich geh gleich duschen. Ich vergesse sonst, wo ich sie hin getan habe.“

„Na dann…nein. Wahrscheinlich nicht.“

„Nicht? Findest du nicht? Findest du nicht, dass ich exzentrisch bin?“

Meine beste Freundin war schon wieder in ihren Kalender eingetaucht. Sie schaut noch mal hoch.

„Findest du nicht, dass ich exzentrisch bin?“

„Vielleicht ein bisschen.“

„Achja? Warum?!“

„Wie kommst du überhaupt darauf?“

„Du bist viel exzentrischer mit deinem Kalender, in den du in Japanisch schreibst!“

Meine beste Freundin hat Japanologie studiert. Um die Sprache nicht komplett zu verlernen, schreibt sie ihre Termine in Kanji-Schriftzeichen. Auf die Weise bekommt sie viel Übung, weil sie ihr ganzes Leben durchterminiert.

Dank mir kann sie sich an die meisten Termine nicht halten.

Viel von dem, was sie sich vornimmt, kommt mir langweilig vor. Ich lege ihr deshalb öfter Alternativen nahe. Netflix anstatt Aufräumen, Ausgehen anstatt Ausschlafen, Karaoke im Wohnzimmer anstatt Arbeiten. Sie ziert sich meistens zuerst ein bisschen. Aber spätestens, wenn ich beleidigt bin, sieht sie ein, dass sie viel mehr Lust auf meine Vorschläge hat als auf ihre eigentlichen Pläne.

„Wie kommst du überhaupt darauf?“

„Worauf?“

„Exzentrisch.“

„DU hast doch gesagt, ich bin exzentrisch!“

„DU hast mich gefragt!“

„Ja, aber DU hast es gesagt.“

„Kannst du – dir bitte was anziehen? Ich kann nicht mit dir diskutieren, wenn du so aussiehst.“

„…….Wir kommen alle nackt auf die Welt.“

„Aber nicht nackt mit Unterhose auf dem Kopf.“

Mit revolutionärer Bewegung reiße ich mir den Slip aus den Haaren und schaue sie dabei herausfordernd an.

„Meine Mutter hat gesagt, dass eine WG nichts für mich ist“, erkläre ich. „Wegen der Eigenheiten meiner Mitbewohner. Sie hat gesagt, ich hab selbst zu viele.“

„Wann hat sie das gesagt?“

„Na damals! Als wir zusammengezogen sind.“

„Da warst du 18.“

„Ja.“

„Jetzt bist du 32.“

„Es ist mir eben gerade eingefallen. Manchmal, wenn mir eine Frage oder ein bestimmter Gedanke einfällt -…“

„Ich weiß.“

„Also stimmt das? Hatte sie Recht?“

„Ich habe das Gefühl, mich, egal was ich sage, in eine verfängliche Lage zu bringen.“

„Sag einfach die Wahrheit. Ich kann mit der Wahrheit umgehen.“

Meine beste Freundin schweigt eisern.

„Ich kann mit der Wahrheit umgehen“, sage ich.

Sie klappt ihren Kalender zu.

„Dein großer Zeh steht immer ab.“

Ich blicke an mir herab. Sie hat Recht. Ich spreize meinen großen Zeh meistens ab. Ich kaufe meine Schuhe sogar extra eine Nummer größer, um mir diesen Komfort auch unterwegs leisten zu können.

„Das zählt nicht als Schrulle.“ Ich schüttele den Kopf und ziehe mir, da ich doch nicht gleich zum Duschen komme, eine lange Strickjacke über.

„Das macht es jetzt nicht wirklich besser“, macht mich meine beste Freundin aufmerksam.

„Nee.“

„Hä, was?“

„Nee.“

„Wozu sagst DU jetzt Nee?“

„Das macht es nicht wirklich besser. Ich wollte ja duschen, aber du hast mich in eine Diskussion verwickelt.“

„DU hast MICH doch gefragt, ob du exzentrisch bist.“

„Und du konntest nicht einfach Ja oder Nein sagen.“

Meine beste Freundin nickt auf diese bestimmte Weise. Man nickt, aber alles an einem deutet auf Ablehnung hin.

„Gut. Ja. JA. Du bist exzentrisch. Geh duschen! Wir können später reden.“

„Du kannst mit ins Bad kommen, dann können wir gleich drüber reden.“

„Ich muss den Tag morgen planen.“

Mein Blick fällt auf meinen Feind, den Terminkalender. Ich hasse den Kalender. Ich hasse ihn mehr als ich meinen Mathe-Lehrer gehasst habe, den ich nur gehasst habe, weil ich schlecht in Mathe war und meine Gefühle auf ihn übertragen hab. Ich hasse ihn auch mehr als meinen großen Zeh, wegen dem mir alle Schuhe zu groß sind und alle meine Socken Löcher haben.

„Dir muss doch klar sein, dass ich drüber reden will, wenn du mir einen Vorwurf machst. Dass mir das wichtig ist. Block das doch nicht einfach ab!“

„Was für einen Vorwurf denn?!“ Meine beste Freundin glotzt mich entgeistert an.

„Dass ich exzentrisch bin!“

„Das war doch kein – geh duschen!“

„Ich will darüber jetzt reden!“

Meine beste Freundin merkt, dass sie mich doch begleiten will. Sie folgt mir ins Bad und wir schreien uns über das laufende Wasser hinweg durch den Duschvorhang an.

„Also warum bin ich exzentrisch?“

„Naja, du hast manchmal überzogene Vorstellungen.“

„Was?“

„Du hast manchmal überzogene Vorstellungen.“

„Ich hab Wasser im Ohr!“

„Vergiss es!“

„Inwiefern überzogen?!“

Ich höre aus dem Schweigen meiner besten Freundin heraus, wie sie das Gesicht verzieht.

„Du hast mich doch verstanden!“

„Inwiefern überzogen?“

Sie antwortet nicht gleich. Ich überlege mir, ob ich den Vorhang zur Seite ziehen und sie mit der Duschbrause abspritzen soll. Manchmal hab ich spontane Ideen, die mir in der ersten Sekunde gut vorkommen und in der nächsten nicht mehr so sehr.

„Du interpretierst Dinge manchmal anders.“

„Anders als wer?“

„Anders als sie gemeint sind.“

„Weil ich gesagt hab, dass du mir einen Vorwurf gemacht hast?“

„Zum Beispiel.“

„Wie soll ich das denn nicht als Vorwurf auffassen, wenn du mir sagst, dass ich überempfindlich bin?“

„WANN hab ich das gesagt?“

„Gerade eben. Als du gesagt hast, ich fasse alles gleich als Angriff auf!“

„Das hab ich gar nicht gesagt“, beginnt meine Freundin. Sie will noch mehr sagen, doch stattdessen schreit sie auf und läuft fluchend aus dem Bad. Ich habe beschlossen, sie doch mit der Brause abzuschießen.

„Siehst du?“, ruf ich ihr nach. „Manchmal bist du auch ganz schön empfindlich!“

Daran, dass ihre Zimmertür geschlossen ist, als ich aus der Dusche komme, merke ich, dass sie keine Lust hat, das Gespräch fortzusetzen. Ich höre das Gurgeln der E-Zigarette von der anderen Seite, daher weiß ich, dass sie wahrscheinlich in ihrem Sessel hockt und nicht arbeitet. Eigentlich hätte es aber keinen Unterschied gemacht. Ich wäre so oder so reingekommen.

Ich rechne mir aus, dass es geschickter ist, das Gespräch mit etwas Unverbindlichem zu beginnen.

„Hallo“, sage ich.

„Hallo“, erwidert sie ohne Elan.

„Du hast die Badezimmertür offen gelassen.“

Ihr Kopf klappt zurück. Sie starrt an die Decke.

„Du bist nicht ernsthaft hier, um mir Vorwürfe zu machen.“

„Nein. Ich sage nur, dass es zieht, wenn man unter der Dusche steht und einer die Tür offen stehen lässt. Außerdem hätte David reinkommen können.“

David ist unser männlicher Mitbewohner.

„Du bist vorher NACKT durch die Wohnung gelaufen.“

„Ja, aber das war meine Entscheidung.“

„Du hast mich aus der Dusche angegriffen!“

„Weil du mich als überempfindlich dargestellt hast. Ehrlich gesagt glaube ich, du überträgst da etwas von dir selbst auf mich. Oder wer von uns beiden ist jetzt beleidigt?“

„Okay – raus!“

„Du hast mir immer noch nicht auf meine Frage geantwortet.“

„Wenn du die Antwort nicht sehen kannst, dann weiß ich auch nicht. Wenn du glaubst, du bist nicht exzentrisch, kann ich dich auch nicht vom Gegenteil überzeugen.“

„Wer sagt denn, dass ich glaube, dass ich nicht exzentrisch bin?“

„Glaubst du es?“

„Total.“

Meine beste Freundin schweigt so tief, als wäre gerade etwas in ihr gestorben.

„Deshalb fällt es mir ja auch so schwer, eure komischen Schrullen zu ertragen.“

Meine beste Freundin reagiert nicht mehr.

„Ich habe ja nur gefragt, was DU glaubst. Aber da es offensichtlich nicht möglich ist, ein erwachsenes Gespräch mit dir zu führen, sei von mir aus beleidigt.“

Ich werfe die Tür schwungvoller als nötig zu und warte in meinem Zimmer. Irgendwann kommt sie schon. 55810961_2331821310171714_8978905019512258560_n

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Über das Schlussmachen mit den Eltern

Ich habe mich vor kurzem von meinem Freund getrennt. Das war sehr hart für mich. Denn ich mochte seine Eltern sehr gern.
Ich mochte auch ihn sehr gern, das sollte Grundvoraussetzung in einer Beziehung sein. Aber zu dem Zeitpunkt, an dem man über Trennung nachdenkt, läuft in der
Beziehung ja bereits etwas verkehrt.
Die Beziehung zu seinen Eltern war perfekt. Und es ist schon ein befremdliches Gefühl, man fühlt sich schon etwas verwerflich, wenn eines der ersten Dinge, die einem einfallen, wenn man den Schritt zur Trennung erwägt ist: Aber die Eltern…

Vielleicht war die Distanz zwischen mir und meinem Ex-Freund auch schon zu groß. Ich hab mich eigentlich noch in der Beziehung allein gefühlt. Das Schlussmachen war trotzdem hart. Wegen der Eltern…
Nein, nicht nur wegen der Eltern, natürlich nicht nur wegen der Eltern. Wir waren immerhin viereinhalb Jahre zusammen – das ist viel Zeit, sich an die Eltern des anderen zu gewöhnen.
Ich habe mich letztendlich schon ein bisschen gefühlt, als würde ich eigentlich mit seinen Eltern Schluss machen. Sie waren immer interessiert, kamen mit Geschenken, haben mit mir getrunken, wenn er nur auf der Couch saß – und sie hatten so weit vorausgedacht. Sie wollten sogar eine Wohnung in Berlin für ihren Sohn und mich kaufen. Das war wahrscheinlich ein bisschen naiv, weil ich nicht glaube, dass sie sich mit den aktuellen Immobilienpreisen in Berlin befasst haben, aber der Gedanke zählt.
Fakt ist, ich habe mich selten so geborgen gefühlt wie bei seinen Eltern. Deshalb glaube ich auch, dass ich nie wieder eine Beziehung führen kann.

Neulich hab ich einen Typen kennen gelernt. Er war sehr süß und, glaube ich, anfangs auch sehr interessiert. Irgendwann hat er mich ziemlich schräg angesehen.
Ich hab ihn konfrontiert: „Stelle ich dir zu viele Fragen?“
„Warum fragst du mich ständig, ob meine Mutter Pilates macht?!“
In der Situation muss man sich erst mal einen Satz einfallen lassen, der das alles möglichst kurz und zutreffend erklärt. Mir ist keiner eingefallen. Mir fällt in solchen Situationen nie etwas ein. Ich hab dann gesagt „Tschüss“ und bin weggegangen.
Im Nachhinein vielleicht auch nicht die beste Reaktion, aber ich war immer schon schnell überfordert. Die Eltern meines Ex-Freundes hatten dafür Verständnis.

Nach längerer Zeit plötzlich wieder Single zu sein, IST auch überfordernd, auch ganz elternunabhängig. Manchmal gerät man plötzlich in Situationen, mit denen man sich vorher gar nicht mehr auseinandergesetzt hat, man war ja vergeben, das kann in bestimmten Lagen auch eine Art Sicherheitsnetz für das eigene Empfinden sein. Plötzlich fällt einem wieder auf, wie unendlich schlecht die Avancen der meisten Leute sind.
Neulich, als ich mit meiner besten Freundin tanzen war, waren wir ziemlich bald mehrerer solcher Avancen ausgesetzt. Irgendwann überkam mich dann dieses Tief, das oft nach einem Hoch eintritt, zum Beispiel, wenn man zu viel Sekt getrunken hat, und ich bin heulend von der Tanzfläche gelaufen.
Die waren einfach alle so unglaublich schlecht erzogen.

Was macht man in so einer Situation? Wenn man Liebeskummer nach den Eltern hat. Da klappen nicht mal die üblichen Sprüche. Genug Fische im Teich. Das lässt sich auf Eltern irgendwie nicht anwenden. Auch der Topf-und-Deckel-Spruch lässt Eltern total außen vor. So als wären in einer Beziehung immer nur zwei Menschen betroffen. Als wären die Eltern total egal!
Andererseits – ist das überhaupt fair? Wenn jemand mich nach meinen Eltern bewerten würde, ich will gar nicht darüber nachdenken, mit was für einem Menschen ich dann letzten Endes zusammenkäme! Deshalb sage ich vorsichtshalber immer einfach, dass meine ganze Familie schon tot ist.
Ich hab länger überlegt, ob ich den Eltern meines Ex-Freundes schreiben soll. Ihnen erklären soll, dass es nicht an ihnen liegt. Und auch nicht an ihrem Sohn, obwohl das eigentlich nicht stimmt, aber ich will ja, dass sie mich noch mögen. Aber wo sollte das hinführen? Zu heimlichen Treffen? Wenn Schluss ist, ist Schluss. Man muss abschließen. Das Leben geht weiter.
Die Eltern des Verlobten meiner besten Freundin haben ihr und mir zu Weihnachten ein ziemlich großzügiges Geschenk gemacht. Die brauchen natürlich nicht denken, dass ich mich so leicht gewinnen lasse! Aber für etwas Platonisches bin ich durchaus offen.
Und auch wenn ich jetzt denke, dass ich nie wieder lieben können werde.
Irgendwann wird mein Herz wieder frei sein.
Andere Söhne haben auch schöne Eltern.

Küchentür

Ich habe einen Mitbewohner, der immer und überall die Türen offen lässt. Manchmal, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, erschrecke ich, weil ich denke, dass Einbrecher im Haus waren.

Die Küchentür steht offen, der fette Kater sitzt mitten im Schlachtfeld auf der Fensterbank und frisst das Basilikum, alle Schranktüren gähnen, der Kühlschrank ist auf.

„Jetzt haben sie mich erwischt“, schießt es mir durch den Kopf.

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Plötzlich erklingt Lärm von nebenan, was mich sofort beruhigt, denn es ist zwar nicht ausgeschlossen, aber ziemlich unwahrscheinlich, dass die Einbrecher in meinem Zimmer sitzen und Gitarre spielen. Außer die Musik hilft ihnen darüber hinweg, dass es bei mir nichts, wirklich nichts zu holen gibt.

Die Tür zu meinem Zimmer steht ebenfalls offen. Darin sitzt besagter Mitbewohner auf meinem Bett und singt.

„Hallo, Schatz“, begrüßt er mich.
„Hallo, Schatz. Du hast schon wieder alle Türen in der Küche aufgelassen.“

Ich bemühe mich, den Worten schon wieder die richtige Betonung zu geben, ein kurzer Vorschlag von leichter Ermüdung mit Empörung als Hauptnote, humorvoller Nebennote und einem nachhallenden Triller von Unruhe, während hinter mir der Kater im Flur steht und kotzt.
„Oh Mist. Entschuldige.“ Mein Freund steigt elegant über den Kater und die Kotze hinweg, schließt die Küchentür und wirft sich zurück aufs Bett.
„Du hast nur die Küchentür zugemacht. Alle Türen in der Küche sind noch -…“
Der Rest meines Satzes geht in Gitarrenmusik unter.

Das eigentlich Faszinierende ist, dass mein Freund damit das typischste menschliche Verhalten in einem kurzen Sinnbild zusammenfasst.
Als ich sehe, wie er einfach die Küchentür zumacht und alles, was dahinter ist, ignoriert, denke ich mir: „Das kann doch gar nicht sein.“
Auf den zweiten Blick geht mir auf, dass fast jeder es ständig so macht.

Wann immer uns jemand seine Sorgen erzählt und wir ihm antworten „Du schaffst das schon“, machen wir die Küchentür zu. Wenn irgendwo etwas Schlimmes passiert und unsere einzige Solidarisierung darin besteht, unserem Profilbild auf Facebook einen neuen Rahmen zu geben, machen wir die Tür zu. Wenn wir uns einem Veggie gegenüber rechtfertigen mit: „Also ich esse nur ganz selten Fleisch und achte auch total darauf, wo es herkommt“, schließen wir die Küchentür, im Hintergrund ein offener Kühlschrank, der UNGLAUBLICHE Mengen an Energie verheizt und ein kotzender Kater, auch wenn ich nicht genau weiß, wofür der in diesem Sinnbild stehen soll. Wir machen die Tür zu, wenn wir einem Obdachlosen ein bisschen Geld geben und denken „Damit ist meine gute Tat für heute getan“. Wenn wir uns nicht mit unseren Mitmenschen aussprechen, weil wir uns für unsere Gefühle schämen. Wenn wir sagen ab nächster Woche fang ich an zu lernen, trink ich weniger, mach ich mehr Sport, hör ich auf zu rauchen, werde ich zuverlässiger, achte ich besser aufs Geld, besuch ich meine Familie regelmäßig, suche ich mir einen Job, der mich nicht kaputt macht, behandle ich meine Mitmenschen besser, gehe ich zum Psychologen, lerne ich, mich selbst zu lieben.

Es ist erschreckend, wie gut das funktioniert. Wenn wir die Küchentür zuhauen, vor anderer Leute Gesicht oder vor uns selbst, können wir ganz unbesorgt unseren Angewohnheiten nachgehen, uns aufs Bett schmeißen und Gitarre spielen. Bis irgendwann einer unserer Mitbewohner Hunger bekommt, die Küchentür öffnet und sich denkt: „What the fuck?!“

Oder bis die Jahresabrechnung kommt und wir die Stromnachzahlung sehen.

Wenn ihr jetzt eine Moral erwartet: Es kommt keine. Ich mache an dieser Stelle die Tür zu. Räumt euren Scheiß gefälligst alleine auf.

Spätzünder

Auf einem Klassentreffen vor einigen Jahren sagte meine Grundschullehrerin etwas zu mir. Sie hatte gerade erfahren, dass ich mein Abitur als Jahrgangsbester bestanden hatte. Sie sagte: „Es ist schön, zu sehen, dass es auch Spätzünder gibt.“

lesendZuerst einmal war es natürlich interessant zu erleben, wie einem die Klassenlehrerin auch 15 Jahre später noch mit einer einzigen Phrase ganz unmittelbar das Gefühl geben konnte, ein absoluter Vollidiot zu sein. Davon abgesehen hatte sie allerdings meine Gedanken angestoßen. Ich vergaß ihren Satz nicht, im Gegenteil, ich drehte ihn in alle Richtungen. Ich fühlte ihm auf den Zahn, bis er ganz abgegriffen war.
„Spätzünder hat die mich genannt“, konsultierte ich meine beste Freundin.
„Jah.“ Die Antwort lag schwer auf ihrer Zunge, sie wollte ihr gar nicht aus dem Mund kommen. Vielleicht wusste sie beim hunderfünfzigsten Mal einfach nicht mehr, was sie mir noch Innovatives hätte zurückgeben können. Aber ich merkte, dass es sich bei dem Satz meiner Lehrerin um eine Ungerechtigkeit gehandelt hatte, die über die flüchtige Scham eines kleinen Faux-Pas hinausging, das war keine Kleinigkeit mehr. Es war eine formelle Kriegserklärung an mein Selbstverständnis. Ich übertrieb vielleicht, wenn ich es mit dem Fehdehandschuh ins Gesicht meiner Würde verglich, aber das konnte sie doch nicht ohne bitterböse Hintergedanken gesagt haben, sowas sagte man doch nicht einfach so daher!

„Die muss sich doch irgendetwas dabei gedacht haben!“
„Vielleicht hat sie dich ja verwechselt.“

Es war natürlich leicht, von einer Verwechslung auszugehen, wenn man nicht der Geschädigte war. Für mich, der ich längst zerfressen war von den Zähnen des Argwohns, vom Selbstzweifel der Erkenntnislosen, dem Hin-und-Her-Schwanken zwischen Arroganz und Nervenzusammenbruch, war es unmöglich, mich mit halbgaren Ausflüchten ruhig zu stellen. Die hatte mich doch im Leben nicht verwechselt. Die wusste ganz genau, wem sie da den Giftdorn ihrer falschen Anteilnahme ins Fleisch gerammt hatte!
Aber warum? Warum?
Ich goss mir einen Drink ein und ließ mein Leben Revue passieren.
Ich sollte also ein Spätzünder sein. Warum?
Der Blick in den Rückspiegel meiner Entwicklung war wie barfuß im Nebel zu waten. Ich tastete halbblind herum und hoffte, auf nichts Ekliges zu treten.
Ich erinnerte mich daran, dass ich mit acht Jahren zum ersten Mal geraucht hatte, angestiftet von meinen Cousinen. Ich hatte aber gleich wieder aufgehört, um zuerst etwas Lebenserfahrung zu sammeln. Mit elf hatte ich dann wieder angefangen.
Ich war aber kein boshaftes oder verkommenes Kind gewesen. Eher eine abstruse Erscheinung; in der einen Hand die Kippe, in der anderen den Legohubschrauber war ich da gestanden in meinem Power-Rangers-Pullover und hatte mich geweigert, mir den Pony schneiden zu lassen. Manchmal hatte ich im Unterricht angefangen zu singen, weil ich mich gelangweilt hatte und abgelenkt gewesen war, solche Dinge waren mir damals aber nicht richtig bewusst gewesen. Ich war die Art von Kind gewesen, die in den Wald ging, um das letzte Einhorn zu suchen und niemals wusste, was es zu Gleichaltrigen sagen sollte. Aber war ich deshalb ein Spätzünder?
Ich meine, meine erste Freundin hatte ich mit dreizehn, genau wie meine erste Alkoholvergiftung, meine zweite Freundin mit sechzehn, die war dafür doppelt so alt wie ich. Vielleicht war DIE ein Spätzünder, aber ICH doch nicht!

 

Ein Spätzünder, warum SPÄT? Dauerte bei mir alles länger? Oder unterschied es sich einfach?
Im Hinblick auf mein gesamtes Dasein gab es vielleicht schon ein paar Dinge, die ich anders machte als andere, auch heute noch. Ich hatte ein paar komische Angewohnheiten, zum Beispiel die, mir, wenn ich betrunken war, etwas zu Essen zu kaufen, dann eine Diskussion zu beginnen und im Eifer des Gefechts vor Wut und Hingabe mein Essen – in einem Akt der Gerechtigkeit – über die Brücke zu werfen. Da fiel einem erst auf, wo eigentlich überall Brücken waren. Ich wusste natürlich von dieser Unart, und trotzdem hielt ich mich weder von Vodka noch von Dönerläden noch von Brücken fern. Aber war ich deshalb jetzt Spätzünder?
Ich war, was den Umgang mit meinen Emotionen betraf, vielleicht immer eine Spur ausdrücklicher.
„Du bist unglaublich theatralisch“, behauptete meine beste Freundin zu meiner Empörung.
„Ich nenne das sinnlich und gefühlsbetont!“
„Jah. Das kann schon sein. Aber Fakt ist, dass keine alte Sau außer dir es so nennt. Die meisten anderen sagen theatralisch.“
„Die meisten anderen sind nicht alle!“
„Der Rest sagt pathetisch.“
„…ich nenne das sinnlich und gefühlsbetont!“
Manchmal, wenn ich keine fundierten Argumente vorzuweisen hatte, fiel ich darauf zurück, einfach den selben Satz noch einmal zu wiederholen und ihn inbrünstiger zu betonen.
„Du lebst ein Leben ohne Logik“, sagte meine beste Freundin. „Man kann nicht einfach für alles eigene Regeln erfinden. Das ist wie mit dem Kaffee!

Das mit dem Kaffee war so eine Sache. Ich war, was meine Werte anging, stets sehr freigiebig. Ich sparte lieber an den materiellen Dingen. Ab und zu schleuderte mich das direkt in den nächsten Konflikt. So war es auch mit dem Kaffee.

Ich mochte keinen Instant-Coffee, weil ich dabei immer an warmes, abgestandenes Brausepulver denken musste. Schlimmer hätte es eigentlich nur sein können, wenn es nach Waldmeister geschmeckt hätte. Aber ich hatte kein Geld für Kaffeepulver, wenn ich ehrlich war. Wenn ich ehrlich war, vertrat ich die Ansicht, dass man niemals uneingeschränkt ehrlich sein konnte, darum kaufte ich mir das Pulver trotzdem. Ich hatte meine eigene Regel der Sparsamkeit:
Ich schichtete zwei große Löffel pro Tasse in den Filter und ließ ihn dann vierzehn bis neunzehn Tage lang immer wieder durchlaufen. Die ersten paar Tage ging ich mit den Füßen an der Decke, nach zwei Wochen trank ich braunes Wasser – so kam ich auf ein stimmiges Durchschnittsergebnis. Meine beste Freundin konnte dieser Bilanz nichts abgewinnen.

Aber vielleicht war das der Punkt? Was war denn überhaupt ein Spätzünder? Laut des Dudens: Jemand, der nicht so schnell begriff und Zusammenhänge später erkannte. Ein Spätentwickler. Aber musste das sein? Sprachen wir hier ausschließlich und gezwungenermaßen von einem Spätentwickler? Konnte es nicht auch einen Anders-Entwickler geben? Jemanden, der sich nicht linear und zeitgleich mit seinen Alterskameraden mitbewegte, sondern sich umsah um festzustellen, was abseits des plattgetretenen Weges existierte und vielleicht einen ganz selten benutzten Pfad fand, der ihn letztendlich zum selben Punkt führte. Er kam vielleicht nicht später an und hatte sich deshalb nicht zwingend als Nachzügler dahin entwickelt. Die Strecke, die er genommen hatte, musste keine Landstraße gewesen sein.
„Das ist es was mich so stört“, sagte ich zu meiner besten Freundin. „Das einem von klein auf so ein Denken von richtig und falsch angeordnet wird und dann wird diagnostiziert. So als könnten wir alle nur innerhalb einer Schablone vorhanden sein. Das richtet sich wieder nach einer Wahrheit, die sich einzig und allein nach der Mehrheit orientiert. Es ist eigentlich kein Wunder, dass ich nie in die Schule gegangen bin, ich habe wahrscheinlich schon damals geahnt, dass die mich nur zurück ins Raster bringen wollen. Wer sagt denn, dass ich spät gezündet habe? Nur weil ich nicht genau dann zünde, wann DIE es von mir erwarten? Welches Recht hat die Frau oder irgendjemand sonst eigentlich, über meine Kindheit zu werten oder über meine Person oder darüber, wie mein Weltverständnis aussieht?“
Meine beste Freundin sah mich lange an. Ich bekam durch den Schleier meines Ärgers mit, wie sie nach meinem Drink griff und ihn schwunglos austrank.
„Vielleicht hat sie das auch gesagt, weil du dein Abi über den zweiten Bildungsweg gemacht hast“, sagte sie.
Ich runzelte meine Stirn.
„Achso…“

Vom Unkraut

Du schöner Mensch, der, glänzend und gestriegelt,
seinen Charakter blickdicht vor der Welt versiegelt
ich gebe dich so schnell nicht auf!
Zwar redest du banal und nebensächlich
und gibst dich wie ein Spiegelbild so oberflächlich,
doch werd ich dich mit Licht und mit Gehalt begießen.
Soll doch die ganze Welt nur dein Gesicht genießen,
ich zähle immer noch darauf,
dass aus dem größten Mist die schönsten Blumen sprießen.

Der blinde Fleck

Weil der Herbst so schön war, verging kein Tag, an dem er nicht an Thomas Mann dachte. „Das Thema des Verfalls hat die Kunst schon immer inspiriert“, hatte einst ein Schriftstellerkollege zu ihm gesagt. „Die Faszination des Grotesken. Der Hauch von Schönheit, den wir ihm andichten. Für mich ähnelt es ein wenig der Bewunderung für Geistergeschichten.“

„Geistergeschichten?“

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Sein Kollege hatte gelacht. Er lachte oft. Es hatte schon Spuren auf seinem Gesicht hinterlassen; tiefe Kerben einer Heiterkeit, die in den meisten Fällen unangebracht war. In Gedanken nannte er seinen Kollegen einen überschminkten Menschen. Er trug überall zu dick auf.

„Ist dir nie aufgefallen, dass über Friedhöfen ein Zauber liegt?“ Sein Kollege hatte sich die Brille verrückt, einzig zu dem Zweck, sie in der nächsten Bewegung wieder gerade zu richten und seiner Aussage Gewicht aufzuschminken. „All die Geschichten, die dort liegen. Du spürst ihre Überreste. Ähnlich ist es mit dem Herbst. Der Herbst ist die ideale Jahreszeit für uns. Die Geschichten offenbaren sich. Du musst nur eben hinsehen.“

Dieses Jahr explodierten Feuerwerke an den Bäumen und die Sonne schien hellgelb. „Altweibersommer“, pflichteten sich die Alten an den Marktständen noch im November bei. Er hielt seinen Apfel in der Hand wie Hamlet den Totenkopf und wusste nicht, was er schreiben sollte.

Thomas Mann hatte in einer seiner Geschichten gesagt, ein Schriftsteller sei ein Mensch, dem das Schreiben schwerer fiele als jedem anderen.

Ich muss schreiben“, sagte er am Montag zu seinem Spiegelbild, dass ihn müde anstarrte, sein Gesicht ein an die Oberfläche getragener Vorwurf.

Am Freitag hatte er noch nicht ein Wort zu Papier gebracht. Es mangelte ihm nicht an Ideen. Er hatte tausend Einfälle. Tausend Geschichten, zu denen er keinen Zugang fand. Es machte ihn fassungslos, dass gerade denen, die im Umgang mit Worten am besten waren, der Umgang mit Worten zu so einer Odyssee wurde, sobald ihr Talent zu einem Zwang verkam.

Weil es dir an Leichtigkeit fehlt“, behauptete seine Schwester, mit der er eigentlich nie über etwas sprach, weil er ihre Art nicht mochte, während des Redens die Oberlippe über die Zähne zu ziehen. Als sie noch ein Säugling gewesen war, hatte er sie einmal fast ertränkt. Mittlerweile kam er mit ihr aus, solange er nicht mit ihr sprechen musste.

Wenigstens erfinde ich keine Fakten und habe dabei einen schiefen Mund.“

Seine Schwester regte ihn auf. Er unterschied sich nicht von anderen Menschen, die keinen Sinn darin sahen, Gefühle gegen Tatsachen zu richten und ihre Wut deswegen auf die Menschen konzentrierten, die diese Tatsachen aussprachen.

Natürlich hast du einen schiefen Mund. Dein ganzes Gesicht ist schief.“

Er schlug seiner Schwester mit der Faust gegen die Schläfe und stürmte aus dem Haus. Draußen ärgerte er sich über sie. Es regnete und er hatte seinen Mantel vergessen. Zurückgehen würde er nicht! Lieber fror er!

Ich bin Schriftsteller, gemahnte er den hageren Mann im Spiegel. „Ich muss schreiben.“

Am Sonntag, er hatte noch nicht ein Wort geschrieben, ging er in den Frauentorgraben zu den Prostituierten. Er suchte sich die Hässlichste aus. In Gegenwart schöner Frauen fühlte er sich unwohl. Er mochte es, wenn sie mangelhaft waren, denn es räumte ihm mehr Freiheit ein, er selbst zu sein. Danach setzte er sich in sein Stammlokal und aß Sauerbraten. Wenn er einmal auf eine Prostituierte träfe, die aussah wie seine Schwester, dachte er, dann würde er ihr den Mund stopfen. Der Gedanke erhob ihn so sehr, dass er dem Mann am Nachbartisch ein Bier ausgab. Als der fremde Mann die Zeitung sinken ließ, die vorher seinen Kopf verdeckt hatte, und ihm überrascht zuprostete, bereute er seine Entscheidung. Der Mann am Nebentisch hatte seinen Hut in der Wirtschaft nicht abgenommen. Dazu trug er einen störenden breiten Schnauzbart.

Kurzzeitig überlegte er, ob er dem Kerl das Bier wieder abnehmen konnte, aber was sollte der Wirt denken? Aber was erlaubte sich dieser Zapfhahn überhaupt, ein Urteil über ihn zu fällen? Er bezahlte und ging, Trinkgeld gab er nicht.

Es hatte wieder zu regnen begonnen. Sein Mantel lag immer noch bei seiner Schwester. Er war gezwungen, einen ausgemusterten zu tragen; ein Glück nur, dass er ihn noch nicht weggegeben hatte.

Aus einem Schaufenster schaute er sich selbst entgegen. Wann hatte er begonnen, sein Haar zu verlieren? Er stellte fest, dass es ihm schwer fiel, sich selbst zu erkennen. Vielleicht war es das Schaufenster. Schaufenster waren keine Spiegel.

Er beschloss, seinen Schriftsteller-Kollegen zu besuchen.

Woran schreibst du?“, fragte der.

An einem Roman über die unmittelbare Gegenwart.“ Ihn ärgerte, dass ihm auf die Schnelle nur solcher Unfug eingefallen war. Er hatte heute Morgen noch Schopenhauer gelesen, das war ihm im Kopf stecken geblieben. Natürlich fragte sein Kollege.

Was ist an der Gegenwart nicht unmittelbar? Ist es nicht Sinn und Zweck der Gegenwart, unmittelbar zu sein?“

Vielleicht schweigst du besser. Du sollst nicht beurteilen, was du nicht gelesen hast.“

Dann lass es mich lesen.“

Er wusste, dass ihm sein Kollege nicht in den Kopf blicken konnte. Aber er war nicht so überschminkt wie sein Gegenüber; ihm konnte man eine Lüge vom Gesicht ablesen, wenn er nicht vorsichtig war.

Ich lasse dich beim nächsten Mal in ein Kapitel hineinschauen“, versprach er.

Er ging mit der Gewissheit nach Hause, seinen Schriftstellerkollegen lange nicht zu sehen, ging auch nicht direkt nach Hause, sondern machte einen Abstecher ins Theater. Wenn er auf dem roten Sitzpolster zwischen fremden Menschen saß und in völliger Anonymität die Leidensgeschichte erfundener Figuren verfolgte, war er am glücklichsten. Nur das Wesentliche wurde gesagt. Füllwörter und Phrasen waren aufgehoben, Nebensächlichkeiten aus dem Saal gedrängt. Die Darsteller bewegten sich mit klarer Aussprache und zielgerichteten Gesten auf die Katastrophe zu. Manchmal entwickelte ein Stück Längen, in diesem Fall ging er dazu über, die Zuschauer zu beobachten. Wenn er daran dachte, wie aussagelos sie sich im Vergleich unterhielten, wie hässlich kunstlos sie redeten, wie aufgebläht ihre Sätze vor faulen Silben waren, wurde ihm speiübel. Einmal hatte es eine Frau neben ihm nicht lassen können, immer wieder ihrem Mann zuzutuscheln. Beim Aufstehen war er ihr fest auf den Fuß getreten, und obwohl er es wie ein Versehen aussehen lassen hatte, erinnerte er sich mit Stolz daran, dass er sich nicht entschuldigt hatte.

Heute gefiel ihm das Stück nicht. Eine der Schauspielerinnen sah aus wie seine Schwester. Sie bewegte auf die gleiche unangebrachte Weise den Mund. Er ging unzufrieden ins Bett und onanierte zum Gedanken an die Schauspielerin, deren Kopf er in seiner Vorstellung in eine Wanne drückte, dabei machte er sich über ihr Hinterteil her.

Montag Nachmittag rief sein Schriftstellerkollege an, um zu fragen, wann er mit dem Kapitel rechnen konnte.

Ich muss es noch beenden.“

Was war dieser überschminkte Mensch bloß so aufdringlich? Ihn überkam ein Ekel über die Menschheit, über den er nicht hätte schreiben können, weil es keine Worte gab, die mächtig genug waren.

Am Mittwoch hatte er immer noch nicht zu schreiben begonnen. Beim Bäcker holte er Kuchen und öffnete um drei Uhr Nachmittags seiner Verwandtschaft die Tür. Seine Schwester ließ sich nicht zu seinem Geburtstag blicken, was ihn ärgerte, weil sie immer noch seinen Mantel hatte. Keiner seiner Verwandten tat ihm den Gefallen, am Kuchen zu ersticken. Sie waren widerliches Gewürm, nur seinen Onkel, der bei der Stadt arbeitete und ein ordentliches Leben führte, mochte er. Als er noch ein Kind gewesen war, hatte er oft beobachtet, wie sein Onkel mit dem Stock nach den Hacken seiner Tante geschlagen hatte. Seine Mutter schenkte ihm ein Buch. Sie schenkte ihm immer Bücher, die sie fürsorglich auswählte. Es kam ihr naheliegend vor, aber er verachtete sie für dieses bedenkenlose Verhalten. Von seinem Vater bekam er Schnaps, von dem er abends zu viel trank. Im Rausch wischte er sich lachend mit den Seiten des Buchs seiner Mutter den Hintern ab.

Ich komme morgen vorbei“, gab sein Kollege am Donnerstag Bescheid. „Wir werden sehen, ob du etwas zu lesen für mich hast.“

Also musste er den Tag am Schreibtisch verbringen. Er schrieb mit der Hand und würgte die Worte vom Stift auf die Seiten. Es war Erbrochenes. Doch sein Schriftstellerkollege schob am nächsten Tag die Brille hin und her und sagte:

Da hast du es. Der Herbst versetzt uns alle in die Stimmung, etwas Bedeutungsvolles zu verfassen.“

Ende des Jahres reichte er ein aufgedunsenes Werk ein, hinter dem er nicht stand. Es machte ihn berühmt und wichtig. Man sprach über ihn und listete seinen Namen in Kanons auf, zitierte seine Sätze und orientierte sich an Aussagen, die er nur gemacht hatte, um vor seinem Kollegen, über den er schlecht dachte, nicht wie ein Schaumschläger dazustehen. Ironisch, dass es gerade Schaum und Spucke waren, mit denen er Literaturpreise und Auszeichnungen gewann.

Am Tag seiner Beerdigung gab es eine große Zeremonie. Schwarz verkleidete Menschen hielten überschminkte Reden, quetschten sich auf Sitzbänken zusammen und unterhielten sich in Füllwörtern.

Es ist schon seltsam“, sagte seine Schwester zu seinem alten Schriftstellerkollegen, der es nie zu Erfolg gebracht hatte. „Er war doch ein ekelhafter Mensch.“

Das ist egal“, sagte der Schriftsteller. „Von all deinen Taten zählen am Ende nur die wenigsten. Oft nur eine einzige.“

Von der Endlichkeit der Worte

Thomas Mann hat einmal etwas darüber geschrieben, dass ein Schriftsteller ein Mensch sei, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen.

Leopold Friedmann hatte diesem Satz nie etwas abgewinnen können. Er war Schriftsteller. Das Schreiben fiel ihm so leicht wie das Sprechen und das Sprechen fiel ihm so leicht wie das Atmen. Er hatte einen überbordenden Wortschatz, redete sich durch alle Facetten des Lebens und hatte sogar dann noch etwas zu sagen, wenn niemand ihm mehr zuhören konnte. Er liebte die großen Worte und die kleinen. Er machte sich nie lange Gedanken, bevor er sie ausgab, warf sie in die Welt wie Perlen vor die Säue, denn er wusste, egal, wie viele er aussprach, es gab immer mehr davon.

So wurde er der erste Mensch, der über die G_1030177renze kam. Vor Leopold Friedmann war nicht bekannt gewesen, dass es diese Grenze gab, den Punkt, an dem Worte endeten. Für die meisten Menschen war dieser Punkt der Tod. Leopold stand mitten im Leben. Er erwachte eines Tages und bemerkte, dass er seine Worte ausgegeben hatte. Er griff sich an die Kehle. Er durchrüttelte seinen Hals. Er trank einen Hektoliter Wasser. Er hatte seine Worte vergeudet. Im Glauben, immer genug davon zu haben, hatte er sie aus dem Fenster geschmissen und so manche bedeutungslose Floskel gleich mehrfach gesagt, manche unwichtige Geschichte unnötig aufgeblasen.

Kein Arzt konnte ihm helfen. Kein Mensch sein Problem verstehen. Wie auch, er konnte es ihnen nicht mehr erklären. In seinem Schweigen verkümmerte er, blieb allein. Er wurde zu einem Menschen mit grauem Gesicht und hängendem Mund, und weil ihm das Verständnis für Worte abhanden gekommen war, las er auch nicht mehr.

Er blieb nicht der Einzige. Nach und nach folgten andere, die ihre Gesamtzahl an Worten ausgegeben hatten. Was lag dahinter? Wie lautete die Diagnose?

Wie lange hätte Leopold noch sprechen können, hätte er unterschieden? Seine Worte abgewägt, nur die ausgesprochen, die Gehalt hatten.  Aber das hatte er nicht. Er hatte sie wie etwas Bedeutungsloses behandelt. Hätte er gewusst, dass Worte endlich waren, er hätte es doch ganz anders gemacht! Aber warum eigentlich hatte er das nicht von Anfang an?