Das Geschäft mit dem Wunsch // Teil 11

baum

„Viktoria!“, rief er, als sie doch schneller war als er, sodass er von schräg hinten zu ihr aufschloss. Scheinbar riss er sie aus tiefen Gedanken, deretwegen sie ihn auch nicht kommen sehen hatte. Als sie Johann erkannte, lächelte sie.

„Herr Zimmer.“ Ihre Augen waren hell und ausgeschlafen. „Genießen Sie auch ein wenig das Alleinsein?“

„Keineswegs.“ Auch Johann hatte gelächelt. Bei ihren Worten fror sein Gesicht ein. „Aber wenn Sie es tun, will ich natürlich nicht stören.“

„Ach! So war es nicht gemeint.“ Sie zog ihn wie einen kleinen Jungen vorwarnungslos am Arm von der Wiese auf den Weg. „Ich freue mich, Sie zu sehen. Ich habe mich gerade geärgert. Und Ihr schönes, nettes Gesicht kommt mir gerade Recht, um mich ein bisschen zu trösten.“ Schon wieder reihte sie Eigenschaftswort an Eigenschaftswort. Diesmal, um ihn zu beschreiben. Schönes, nettes Gesicht, sagte sie. Johanns Lächeln taute auf. Ein Anflug von Nervosität war mit hineingeschmolzen.

„Worüber – wenn die Frage den Ärger nicht zu stark wieder zurückbringt.“

„Keine Sorge, Johann.“ Er stellte erleichtert fest, dass sie von seinem Nachnamen wieder auf seinen Vornamen gewechselt hatte. Kurz hatte er geglaubt, der Ausgang ihres letzten Gespräches hätte sie einander entfremdet. „Ich bin kein Mensch, der ein Thema anschneidet, nur um dann unnahbar zu tun, wenn einer nachfragt. Das ist doch albern.“

Sie redete reflektiert. Dann schwieg sie aber doch und blickte grimmig über die späten Ahornbäume am Wegrand.

„Na dann“, fragte Johann mit sanfter Belustigung. „Was ist es denn?“

„Ach!“ Viktoria drehte ihr Gesicht weg. Es war fragil wie ein Glasjuwel. Aber sie schien es für unzerbrechlich zu halten, mit ihrem Löckchen, das ihr bei der Kopfbewegung in die Stirn fiel. Meistens bekam Johann ihre starke Seite zu sehen. Sie jetzt aufgelöst zu beobachten, stellte er angetan fest, war wie der Blick durch ein Schlüsselloch.

„Ich hatte einen Streit mit Fritz Poelchau“, hörte er sie sagen und registrierte, dass sein Herz einen unangebrachten Freudensprung machte.

„Wirklich.“ Es war fast schäbig, ihr Bestürzung vorzuspielen. Johann konnte nur hoffen, dass seine Augen nicht versehentlich leuchteten. „Was ist passiert?“

„Passiert ist eigentlich nichts. Ich sage Ihnen das im Vertrauen.“ Viktoria rempelte ihn mit der Schulter an. Als er sie musterte, begegnete sie ihm mit einem warnenden Lächeln. Um ihre Augen tanzte etwas Spielerisches, entfernt Kokettes. Je länger er sie betrachtete, umso selbstverständlicher kam es ihm vor, dass sie viele Eigenschaftsworte benutzte. Sie war selbst voll von Eigenschaften. Sie barst fast unter deren Widersprüchlichkeit, aber irgendwie gelang es ihr, alles zusammenzuhalten. Ihre Sprache war pulsierend, wie sie selbst. Er liebte sie ohne Maß und Verstand.

„Also, kann ich Ihnen vertrauen, Johann?“ Sie setzte noch einen Schlag gegen seine Schulter hinterher, der für Koketterie eigentlich zu fest war.

„Aber natürlich. Sie können mir alles anvertrauen“, erwiderte er. Sofort war es ihm peinlich. Nichtsdestoweniger war es ehrlich. Nichts lag ihm ferner, als Viktoria zu verspotten, zu verurteilen oder zu verraten.

„Er kann sein Werben nicht unterlassen.“ Viktoria sah ein paar hüpfenden Vögeln nach, für die Johann gerade keine Augen hatte. Dann war sie abgelenkt von zwei Kindern, die in einiger Entfernung Fangen spielten. Er starrte ihr ins Gesicht, auf die Locke, die sich dahin verirrt hatte. Als es ihm auffiel, richtete er den Blick schnell zum Himmel. Er suchte krampfhaft nach einer Antwort, die ihr nicht zu viel preisgab. Letztendlich hatte er keine Gelegenheit, etwas zu sagen. „Außerdem gehört er zu denen, die einen Sport aus dem Geschäft mit dem Wunsch machen“, erzählte sie nämlich. Sie hatte von den Kindern abgelassen. Ihre Augen richteten sich ihm entgegen. Große, grüne, hingebungsvolle Augen.

„Wie ist das gemeint?“

„Diejenigen, die es sich leisten können, können sich Wünsche kaufen. Einen oder mehr.“

„Kaufen?“

„Natürlich kaufen. Was denn sonst? Wachsen lassen? Wo man die Wurzel ausgerissen hat, gedeiht nichts mehr.“

Johann öffnete den Mund, aber wieder ergriff Viktoria das Wort.

„Inzwischen lassen sich Wünsche für Geld kaufen. Und wer einen Sport daraus macht, fängt mit einem einfachen Wunsch an, den er sich leicht erfüllen kann. Und dann steigert er sich. Jeder Wunsch ist schwieriger zu verwirklichen als der vorherige, das ist die Herausforderung dabei.“

„Das ist ja entsetzlich!“

„Und mancher entwickelt sich schon zu einem Sammler.“

„Mancher? Oder Fritz?“

Viktoria seufzte. Sie ließ ihre Schultern fallen, als werfe sie eine Last ab, von der sie hoffte, dass jemand anders einen Teil davon für sie trug. Johann versuchte diesen Teil verantwortungsvoll zu übernehmen. Er wusste, dass es ihm leicht fiel, da er nicht in die Sache involviert war. Er mochte Fritz Poelchau nicht einmal. Trotzdem beunruhigte ihn, was er hörte. Selbst, wenn seine Sorge nicht Poelchau galt, sondern der Gesellschaft und was sie nach und nach aus sich machte.

„Er ist ein wirklich guter Kerl“, sagte Viktoria. Sie legte ihre Hände schützend über Fritz‘ Ansehen. „Ich verehre seinen Unternehmergeist. Er sieht wie durch eine Linse, die gute Gelegenheiten vom übrigen Hintergrund abhebt. Und er gibt nie auf.“

„Auch kein unerwünschtes Werben“, rutschte es Johann ein wenig bitter heraus. Viktoria sah ihn rätselnd an. Er merkte schnell, dass er ihren Forscherblick nicht ertrug. Auch, wenn er sich dafür verachtete, winkte er ab, als habe er nichts gesagt.

„Er hat erkannt, dass diese Wünsche, wenn er sie behält, eine größere Bereicherung sind, als wenn er sie erfüllt. Erfüllt befriedigen sie einen Menschen höchstens eine Weile lang. Wenn er sie behält, sind sie wie Katalysatoren. Er sammelt sie in seiner Halle der Visionen, die in seinem Kopf sitzt. So nennt er es.“

„Halle der – also das geht wirklich zu weit. Viktoria!“ Johanns Schrecken war zu zwei Teilen aufrichtig und zu einem Teil erfunden, um etwas zu haben, was ihn stärker mit Viktoria verband. „Ich begreife es nicht. Ist Poelchau verrückt? Er sind nicht seine Visionen. Will er sich zerstören?“

„Er ist das blühende Leben. Er versucht ständig, mich davon zu überzeugen, wie nützlich seine Sache ist.“

Johann war gottfroh, zu sehen, dass Viktoria alles andere als überzeugt schien.

Das ist ein Geschäft, das er noch bereuen wird“, prognostizierte er.

Reicher Mensch, armer Mensch

Der reiche Mensch, heut glänzt er wie ein Geldstück,

als er mit frohem Herzen delegiert.

Steht an der Kanzel und empfindet Weltglück,

weil nicht der Feind, nur Geld, ihm einmarschiert.

 

Der arme Mensch, zerrüttet von der Weltnot,

der, wie zum Krieg, zum Arbeitsplatze springt

und, findet er auch täglich nur den Feldtod,

nie flieht, weil ihn die Geldnot dazu zwingt.

Female Force Dingens

tresenlesen jan 2020

Meine beste Freundin Ava bekommt von ihrer Arbeitsstelle ein Online Seminar spendiert. Das Seminar heißt irgendwas mit Female Force und bringt ihr bei, eine richtige Powerfrau zu sein. Dafür gibt es viele kleine Videos, in denen ihr verschiedene Coaches alles über die Tricks und Fallen des zwischenmenschlichen Umgangs im Business-Kontext und außerhalb davon erklären.

Zum Beispiel warnt ein Coach mit wirrer Regisseurfrisur davor, sich bei der Suche nach Investoren nicht von attraktiven Sekretärinnen am Empfang verwirren zu lassen, die einen gar nicht beachten. Das seien nur Frames, die zeigen sollen, wie groß der Investor ist, und wie klein man selbst. Ich bin sehr froh, dass er das sagt. Als noch unfertige Powerfrau ist man manchmal schon niedergeschlagen, wenn sich schöne Sekretärinnen nicht sexuell durch einen angezogen fühlen.

Mir persönlich ging es bisher jedes Mal so, dass schöne Sekretärinnen – egal wo – nicht den Eindruck gemacht haben, sich sexuell durch mich angezogen zu fühlen. Gott sei Dank weiß ich jetzt, dass das nur ein Frame ist, damit ich mich schlecht fühle.

Ich habe von dem Coach auch viel über Statussignale gelernt. Es gibt Hochstatus-Signale und Tiefstatus-Signale. Mit Hochstatus-Signalen begibt man sich in der Wahrnehmung automatisch in eine höhere Position als das Gegenüber. Hochstatus-Signale sendet man zum Beispiel, wenn man fremde Menschen beim Sprechen unnötigerweise anfasst, mit seinem Körper viel Raum einnimmt oder mit Verzögerung antwortet und den anderen dabei anstarrt – es ist außerdem wichtig, dass man beim Sprechen den Kopf nicht bewegt, denn das wäre ein Tiefstatus-Signal. Ebenso spricht es für Tiefstatus, wenn man es duldet, berührt zu werden, während man sich selbst körperlich zurückhält, oder wenn man zusammengesunken dasitzt. Laut Coach verstärkt es die Chance, bei Bewerbungsgesprächen eingestellt zu werden, wenn man vorher mindestens zwei Minuten lang mit in die Luft gestreckten Armen durch die Gegend läuft. Das ist einfach hochstatusmäßiger.

Wenn das die Formel ist, um eine richtige Powerfrau zu sein, muss ich diese neu gelernten Hochstatus-Signale sofort umsetzen! Die erste Gelegenheit bietet sich, als mein Mitbewohner seinen Kopf in mein Zimmer streckt.

„Ich geh schnell zum Penny, soll ich dir was mitbringen?“

Ich blicke auf und ohne zu blinzeln – blinzeln soll man nämlich nicht, das machen nur Betatiere – ins Gesicht meines Mitbewohners. Ich antworte ihm langsam.

„…………ja bitte, ich brauche Tomaten.“

Ich antworte ihm aber nur in meinem Kopf langsam.

In Wirklichkeit findet das Gespräch so statt.

„Ich geh schnell zum Penny, soll ich dir was mitbringen?“

………….

„ Dann halt nicht. Tschüss.“

So hab ich mir das ehrlich gesagt nicht vorgestellt. Jetzt muss ich selbst zum Penny gehen. Tomaten sind heute im Sonderangebot. Ich beschließe, das gleich als Aufhänger für die nächste Status-Übung zu nehmen.

„1 Euro 29“, sagt die Kassiererin.

Mit klarer Aussprache erwidere ich: „Schön, dass Sie auch hier sind, Mensch. Ich freu mich immer, Sie zu sehen.“

Die Frau droht mir mit dem Rauswurf, wenn ich sie nicht sofort loslasse. Ich bin nicht sicher, ob das jetzt ein Frame ist, den sie mir entgegenwirft, irgendwas hatte der Coach doch gesagt.

Die kennt wahrscheinlich das Status-Spiel und will sich nur nicht unterkriegen lassen.

Laut Coach soll man einen Frame mit einem anderen aushebeln oder wie war das.

Ich hebe beide Arme in die Luft. Damit hat sie nicht gerechnet, jetzt nehme ich mehr Raum ein als sie.

„Ich weiß, warum Sie vorgeben, sich nicht sexuell von mir angezogen zu fühlen“, vertraue ich ihr an. „Ich muss Ihnen allerdings gestehen: So attraktiv sind sie gar nicht.“

Abends habe ich dann eine Diskussion mit meinen Mitbewohnern darüber, dass ich in Zukunft nicht mehr bei Penny einkaufen möchte.

Mein Freund schaut mich verstört an.

„Jetzt nimm doch mal die Hände runter!“, verlangt er.

Er wohnt auch bei uns. Ich würde ihm gern die Hand auf die Schulter legen und ihm zeigen, wie sein Status sinkt, aber leider funktioniert das bei ihm nicht. Wir stehen uns zu nah. Der Coach aus dem Video hat erklärt, dass das Eis gebrochen ist, wenn man sich schon einmal umarmt hat. Leider habe ich meinen Freund schon einmal umarmt. Die Verkäuferin aus dem Penny hab ich noch nie umarmt. Es hat trotzdem nicht funktioniert. Das macht mich nachdenklich.

„Vielleicht erfahren wir im nächsten Video mehr“, sagt Ava. Da auch sie eine Powerfrau werden will, verabreden wir uns abends zum Female Force Dingens. Ich bringe mich in Stimmung, indem ich eine halbe Flasche Wein trinke. Der Coach redet wieder viel über Status-Getue und darüber, dass Frauen oft Schwierigkeiten damit haben, typische Hochstatus-Signale zu zeigen, während Männer das angeblich brauchen. Frauen sollten es aber lieber lassen, zu versuchen, wie ein Mann aufzutreten, denn das findet der Coach furchtbar. Als Frau solle man einfach wissen, dass Männer Statusspiele brauchen. Plötzlich ist sein Video einfach zu Ende. Was man stattdessen als Frau machen soll, sagt er nicht. Ob der wusste, dass bei Female Force Dingens hauptsächlich Frauen zuschauen?

Kein Wunder, dass das mit der Kassiererin nicht funktioniert hat. Hochstatus-Signale sind scheinbar nur etwas für Männer. Wie gut, dass ich das jetzt weiß. Endlich kann ich die Arme runternehmen.

Das nächste Video ist von einer Frau. Sie erzählt, dass man sich der Wirkung seiner Sprache bewusst sein muss. Wenn einer wirklich zuhört, überträgt sich die Atmung des Sprechers auf den Zuhörer. Das heißt, wenn ich hyperventiliere und japse, dann fängt mein Gegenüber früher oder später unweigerlich auch damit an. Ich brauche vorher nur seine Aufmerksamkeit. Ich weiß schon, was ich als nächstes probiere.

Langstreckenflug oder: Der falsche Jude – Ein Urlaubsreport (der nur über den Flug geht)

Mein erster Langstreckenflug geht von Helsinki nach Bangkok. Mein Sitzplatz ist möglichst kompliziert gelegen. Ich sitze im Mittelgang, so weit weg vom Fenster, wie es nur geht, eingezwängt zwischen anderen Passagieren. Links von mir sitzt mein Freund Hannes – Name geändert – der noch einen riesengroßen Finnen neben sich hat. Dieser Finne bräuchte eigentlich zwei Plätze. Leider gehört einer davon Hannes. Rechts neben mir sitzt ein Deutscher mit Spreizbeinsyndrom – ihn werde ich überwinden müssen, wenn ich auf den Gang will.

Als wir losfliegen, kommt eine Stewardess und wedelt mit einer Plastikbox vor ihm rum. Ich höre sie etwas von Ofen sagen und von „Zusammen mit dem Rest warm machen“.

Als sie weg ist, erkundige ich mich höflich bei meinem Nebenmann: „Was wollte die denn? Hast du dein eigenes Essen dabei oder was?“

Ich bin Jude“, antwortet er. „Also bin ich nicht, aber bin ich.“

Ich trage einen Moment lang das blöde Gesicht, das man hat, wenn im Gehirn tendenziell überfordernde Prozesse stattfinden. Dann wird mir klar, dass der Typ koscheres Essen bestellt hat.

Aber warum?“, frage ich ihn.

Das koschere Essen kommt meistens vor allen anderen.“

Mein Sitznachbar ist eine Koryphäe der Erhabenheit wie er da sitzt, ein falscher Jude unter Nicht-Juden, der uns alle überlistet hat. Er kommt sich ganz gewitzt vor.

Ich weiß nicht mehr, was ich auf dem Rückflug bin“, sagt er. „Hindu?“

So viel Raffinesse stimmt uns ganz begeistert! Warum sind wir nicht auf so einen Plan gekommen?! Gleichzeitig fühle ich, dass es meine soziale Verantwortung ist, ein bisschen empört zu sein über so einen perfiden Trick.

Bei Langstreckenflügen hat jeder einen kleinen Bildschirm vor sich, auf dem man Filme schauen kann. Ich bespreche mich mit Hannes darüber, welchen Film wir schauen wollen, als er unvermittelt einschläft. Er weiß es noch nicht, aber es wird die einzige halbe Stunde Schlaf sein, die er auf dem 9,5 Stunden Flug bekommt. Er wacht auf, als das Essen serviert wird. Rechts von mir schaut der falsche Jude verdutzt, weil er sein Essen als letzter aus der Reihe bekommt. Wir haben die Wahl zwischen irgendwas mit Hähnchen und irgendwas mit Rind. Dazu gibt es Salat, ein geschrumpftes Margarinebrötchen und aus irgendwelchen Gründen eines von diesen winzigen Milchschälchen, die man in Cafés bekommt. Für Flugzeugverhältnisse schmeckt manches davon überraschend gut. Mein Freund Hannes späht an mir vorbei auf die Schale des falschen Juden.

Was isst du denn da?“

Das frag ich mich ehrlich gesagt auch.“

Der falsche Jude stochert misstrauisch in einer gelben Griespampe herum. Dazu bekommt er zwei Stücke panierte Pappe und zwei Katzenfutterschälchen. In einer davon ist einfach noch mal die gleiche Pampe wie in seiner Hauptbox, nur mit mehr Gelatine. In der anderen ist eine Pampe aus Früchten, die er scheinbar mit Crackern essen soll. Er sieht aus, als wolle er konvertieren.

Nach dem Essen bleiben Hannes und ich wach und schauen ein paar Filme. Es ist komplizierter als normal, weil jeder von uns seine eigenen Kopfhörer hat und einen eigenen Bildschirm und wir aber diese Idee in unserem Kopf haben, dass wir als Pärchen unbedingt zusammen schauen müssen. Die Touchscreens sind dermaßen ignorant, dass es nichts bringt, gleichzeitig auf Start zu drücken, außerdem wird vor dem Film unterschiedliche Werbung von glücklichen Finnen eingeblendet. Wir drücken immer abwechselnd auf Pause, um irgendwann an der gleichen Stelle zu sein, was lächerlich lang dauert, aber ich finde es inkonsequent, seinen Perfektionismus nicht auch auf die Banalitäten des Lebens zu übertragen.


Der falsche Jude mit dem Spreizbeinsnydrom schläft ein. Er hat die Armlehne schon vollständig okkupiert und kriecht jetzt langsam rüber zu mir. Sein Knie ragt in meinen Beinraum, sein Ellenbogen steckt in meiner Taille.

Hannes geht es nicht besser. Der finnische Riese hat eine stille Abmachung mit sich selbst getroffen und beschlossen, dass ihm wenigstens anderthalb Plätze zustehen.

Hannes fühlt sich eingeengt und flieht sich in meine Richtung. Auch der falsche Jude rutscht immer näher.

Da ich meiner Lage schlecht entkommen kann, will ich versuchen, zu schlafen und mir vorher die Zähne putzen, das ist eine Beschönigung für Pissen gehen, aber ich will nicht, dass ihr euch das bildlich vorstellt.

Ich muss am falschen Juden vorbei.

Er schläft tief und fest, die Beine weit auseinander, und wacht nicht auf, als ich absichtlich umständlich aufstehe. Ich schlage gegen seine Schulter. Er wackelt nicht mal. Ich habe Hemmungen, einfach über seinen Schoß zu steigen, weil es komisch wird, wenn er im falschen Moment dann doch aufwacht. Ziemlich erbärmlich komm ich mir vor, wie ich da im Flugzeug stehe und nicht an einem Menschen vorbeikomme, der Katzenfutter isst. Als wäre das Ganze noch nicht lächerlich genug, hat sich die Serviette, die bei Flugzeugsitzen den oberen Teil abdeckt, wahrscheinlich aus Hygienegründen, bei ihm gelöst und steht ihm jetzt vom Kopf ab wie ein schiefer Hahnenkamm.

Letztendlich springe ich über ihn, nur so halb elegant, er schreckt verwirrt hoch, aber ich renne schon den Gang entlang, in der kühnen Annahme, dass er mich nicht sieht. Ich beeile mich mit dem Zähneputzen, in der Hoffnung, dass er noch wach ist, wenn ich zurückkomme. Er ist nicht mehr wach, als ich zurückkomme.

Diesmal schubs ich ihn heftiger und tue dann so, als wäre es eine Turbulenz.

Meine Idee, zu schlafen, lässt sich nur so halb umsetzen.

Erstens: Es gibt zu viele Filme im Flugzeug, die ich sehen will. Zweitens: Diese fremden Typen machen sich zu fett.

Hannes will nicht Cinderella schauen, ich will kein Spiderman Spin-Off sehen, drum schaut jeder für sich. Die Kopfhörer brüllen mir ins Ohr und lassen mich erst Recht nicht schlafen. Ich weiß nicht, wie man sie leiser macht. Garantiert ist das leicht, ich bin fast sicher, dass der Knopf dafür in meiner Lehne ist, aber die ist in fremdem Besitz, außerdem spüre ich diese sinnlose Art von Faulheit, die einen manchmal überkommt und einen abhält, die einfachsten und sinnvollsten Dinge zu tun.

Wenn der Ton laut ist, spricht mich wenigstens keiner über die Kopfhörer hinweg an.

Aufstehen darf ich auch nicht, weil echte Turbulenzen eintreten und forsche Lautsprecheransagen ständig das Soundsystem kapern und uns ermahnen, dass es verboten ist, auf die Toilette zu gehen. Der Finne neben Hannes muss auf die Toilette und lacht. Er nimmt das Leben mit Humor, Platz macht er trotzdem nicht.

Zwei Stunden vor Landung wird plötzlich das Frühstück ausgeteilt. Es wurde uns als leichtes Frühstück angekündigt, ist aber mehr als das Abendessen. Wir bekommen einen kleinen Kuchen aus Sandteig, Omelette, Pilze in Tomatensauce und eine Kartoffeltasche mit Quarkfüllung. Das komische Margarinebrötchen und die Milch sind auch wieder dabei. Ich frage mich, in welchem Land man so was frühstückt.

Durch meine Kopfhörer vernehme ich eine Stimme neben mir. Der falsche Jude macht Geräusche. Ich hab ihn nicht verstanden und hake höflich nach:
„Was!?“

Ich bin gerade sehr unglücklich.“

Das war der beste Moment des Fluges für mich, als ich gesehen habe, dass er einfach nochmal die gleiche Scheiße bekommen hat wie beim Abendessen. Einzige Ausnahme, dass bei der Fruchtpampe diesmal kleine Salzbrezeln dabei sind anstatt Cracker. Das scheint bei der Airline der Unterschied zwischen einem koscheren Abendessen und einem koscheren Frühstück zu sein. Der falsche Jude weint fast.

Seine ganze Erhabenheit muss irgendwo zwischen seinem Serviettenhäubchen und dem Frühstück verloren gegangen sein.

Aus Barmherzigkeit gibt Hauke ihm schließlich etwas ab. Hauke ist die gleiche Person wie Hannes, wenn ich zum Ende eines Textes hin aus Inkonsequenz die Namen nicht mehr ändere.

Jedenfalls riskiert der falsche Jude sogar, aufzufliegen, weil er wirklich kein Katzenfutter mehr essen möchte, nebenher beschwert er sich über bis heute andauernde Diskriminierung, was ich aus seiner Position heraus etwas gewagt finde.

Die Maschine landet in Bangkok.

Ich habe einen ganzen Urlaub, um mich von diesem Flug zu erholen. Tatsächlich war der falsche Jude ein ganz sympathischer Kerl und ein gutes Beispiel dafür, dass sich nicht jeder kreative Ansatz auszahlt.

Trotzdem: Ich hoffe, ich sitze auf dem Rückflug am Fenster und nicht neben einem falschen Hindu.

Alte Ideale

Im Zimmer hängen heute an den Wänden

in goldnen Rahmen alte Ideale.

Und steht es schlecht, dann kann er sie verpfänden,

der gute antiquierte Liberale.

 

Er nennt sich selbst moralischer Stratege.

Ein Protegé des eignen Vorteilsstrebens.

Sein Ego ist Trabant für alle Wege

und sinnloser Bestandteil seines Lebens.

 

Er tauschte ein paar Werte recht gerissen.

Er wuchs, so sagt er, über sich hinaus.

Denn mit mehr Geld und weniger Gewissen,

staffiert es sich ganz leicht erfreulich aus.

 

Bei ihm ist nichts wie ehemals geblieben.

Er hat sein ganzes Leben renoviert,

die Seiten seines Wesens umgeschrieben

und sich ein neues Image tapeziert.

 

Nur in den Augen sitzt ein schwacher Schimmer

in seinem Ausdruck schmerzlich festgekettet.

Die letzte Redlichkeit im Hinterzimmer,

dort eingesperrt und vor sich selbst gerettet.

Der kleine Nazi

Es regnet stark

drum hat der kleine Nazi, stets verdrossen,

das überdachte Bahngleis ganz für sich erschlossen.

So steht er da im schmalen Unterstand

und hat, weil er ein kleiner Nazi ist,

sein Hirn zu nutzen also gern vergisst,

den Regenschirm noch feste in der Hand.

 

Und vor dem Dach, im kalten Regen frierend

steht, ohne Schirm, ein zweiter Mann am Bahngleisrand.

Der kleine Nazi sieht ihn sich kurz an

Er kennt ihn nicht, es ist ein fremder Mann.

Da weiß der Nazi, trocken resultierend:

Ich seh’s ihm an, es ist ein Immigrant.

 

Und schreit gleich zornig unterm Dach hervor

(den Schirm, den hält er immer noch empor),

Sein Zug ist längst schon abgefahren, er merkt es nicht,

ist ganz vertieft in die besorgter-Bürger-Pflicht:

„Ich lass mich von dir Lumpen nicht vertreiben,

Ich werd den ganzen Tag hier stehen bleiben!

Nicht einen Zentimeter werd ich mich bewegen,

denn DEINETWEGEN steh ich nicht im Regen!“

Schrullen-WG

„Würdest du sagen, ich bin exzentrisch?“

Manchmal, wenn mir eine Frage oder ein bestimmter Gedanke einfällt, unterbreche ich alles, was ich gerade tue, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Meine beste Freundin schaut von ihrem Kalender auf. Sie überlegt einen Moment.

„Naja. Du läufst gerade nackt durch die Wohnung mit einer Unterhose auf dem Kopf.“

„Das ist was anderes! Ich geh gleich duschen. Ich vergesse sonst, wo ich sie hin getan habe.“

„Na dann…nein. Wahrscheinlich nicht.“

„Nicht? Findest du nicht? Findest du nicht, dass ich exzentrisch bin?“

Meine beste Freundin war schon wieder in ihren Kalender eingetaucht. Sie schaut noch mal hoch.

„Findest du nicht, dass ich exzentrisch bin?“

„Vielleicht ein bisschen.“

„Achja? Warum?!“

„Wie kommst du überhaupt darauf?“

„Du bist viel exzentrischer mit deinem Kalender, in den du in Japanisch schreibst!“

Meine beste Freundin hat Japanologie studiert. Um die Sprache nicht komplett zu verlernen, schreibt sie ihre Termine in Kanji-Schriftzeichen. Auf die Weise bekommt sie viel Übung, weil sie ihr ganzes Leben durchterminiert.

Dank mir kann sie sich an die meisten Termine nicht halten.

Viel von dem, was sie sich vornimmt, kommt mir langweilig vor. Ich lege ihr deshalb öfter Alternativen nahe. Netflix anstatt Aufräumen, Ausgehen anstatt Ausschlafen, Karaoke im Wohnzimmer anstatt Arbeiten. Sie ziert sich meistens zuerst ein bisschen. Aber spätestens, wenn ich beleidigt bin, sieht sie ein, dass sie viel mehr Lust auf meine Vorschläge hat als auf ihre eigentlichen Pläne.

„Wie kommst du überhaupt darauf?“

„Worauf?“

„Exzentrisch.“

„DU hast doch gesagt, ich bin exzentrisch!“

„DU hast mich gefragt!“

„Ja, aber DU hast es gesagt.“

„Kannst du – dir bitte was anziehen? Ich kann nicht mit dir diskutieren, wenn du so aussiehst.“

„…….Wir kommen alle nackt auf die Welt.“

„Aber nicht nackt mit Unterhose auf dem Kopf.“

Mit revolutionärer Bewegung reiße ich mir den Slip aus den Haaren und schaue sie dabei herausfordernd an.

„Meine Mutter hat gesagt, dass eine WG nichts für mich ist“, erkläre ich. „Wegen der Eigenheiten meiner Mitbewohner. Sie hat gesagt, ich hab selbst zu viele.“

„Wann hat sie das gesagt?“

„Na damals! Als wir zusammengezogen sind.“

„Da warst du 18.“

„Ja.“

„Jetzt bist du 32.“

„Es ist mir eben gerade eingefallen. Manchmal, wenn mir eine Frage oder ein bestimmter Gedanke einfällt -…“

„Ich weiß.“

„Also stimmt das? Hatte sie Recht?“

„Ich habe das Gefühl, mich, egal was ich sage, in eine verfängliche Lage zu bringen.“

„Sag einfach die Wahrheit. Ich kann mit der Wahrheit umgehen.“

Meine beste Freundin schweigt eisern.

„Ich kann mit der Wahrheit umgehen“, sage ich.

Sie klappt ihren Kalender zu.

„Dein großer Zeh steht immer ab.“

Ich blicke an mir herab. Sie hat Recht. Ich spreize meinen großen Zeh meistens ab. Ich kaufe meine Schuhe sogar extra eine Nummer größer, um mir diesen Komfort auch unterwegs leisten zu können.

„Das zählt nicht als Schrulle.“ Ich schüttele den Kopf und ziehe mir, da ich doch nicht gleich zum Duschen komme, eine lange Strickjacke über.

„Das macht es jetzt nicht wirklich besser“, macht mich meine beste Freundin aufmerksam.

„Nee.“

„Hä, was?“

„Nee.“

„Wozu sagst DU jetzt Nee?“

„Das macht es nicht wirklich besser. Ich wollte ja duschen, aber du hast mich in eine Diskussion verwickelt.“

„DU hast MICH doch gefragt, ob du exzentrisch bist.“

„Und du konntest nicht einfach Ja oder Nein sagen.“

Meine beste Freundin nickt auf diese bestimmte Weise. Man nickt, aber alles an einem deutet auf Ablehnung hin.

„Gut. Ja. JA. Du bist exzentrisch. Geh duschen! Wir können später reden.“

„Du kannst mit ins Bad kommen, dann können wir gleich drüber reden.“

„Ich muss den Tag morgen planen.“

Mein Blick fällt auf meinen Feind, den Terminkalender. Ich hasse den Kalender. Ich hasse ihn mehr als ich meinen Mathe-Lehrer gehasst habe, den ich nur gehasst habe, weil ich schlecht in Mathe war und meine Gefühle auf ihn übertragen hab. Ich hasse ihn auch mehr als meinen großen Zeh, wegen dem mir alle Schuhe zu groß sind und alle meine Socken Löcher haben.

„Dir muss doch klar sein, dass ich drüber reden will, wenn du mir einen Vorwurf machst. Dass mir das wichtig ist. Block das doch nicht einfach ab!“

„Was für einen Vorwurf denn?!“ Meine beste Freundin glotzt mich entgeistert an.

„Dass ich exzentrisch bin!“

„Das war doch kein – geh duschen!“

„Ich will darüber jetzt reden!“

Meine beste Freundin merkt, dass sie mich doch begleiten will. Sie folgt mir ins Bad und wir schreien uns über das laufende Wasser hinweg durch den Duschvorhang an.

„Also warum bin ich exzentrisch?“

„Naja, du hast manchmal überzogene Vorstellungen.“

„Was?“

„Du hast manchmal überzogene Vorstellungen.“

„Ich hab Wasser im Ohr!“

„Vergiss es!“

„Inwiefern überzogen?!“

Ich höre aus dem Schweigen meiner besten Freundin heraus, wie sie das Gesicht verzieht.

„Du hast mich doch verstanden!“

„Inwiefern überzogen?“

Sie antwortet nicht gleich. Ich überlege mir, ob ich den Vorhang zur Seite ziehen und sie mit der Duschbrause abspritzen soll. Manchmal hab ich spontane Ideen, die mir in der ersten Sekunde gut vorkommen und in der nächsten nicht mehr so sehr.

„Du interpretierst Dinge manchmal anders.“

„Anders als wer?“

„Anders als sie gemeint sind.“

„Weil ich gesagt hab, dass du mir einen Vorwurf gemacht hast?“

„Zum Beispiel.“

„Wie soll ich das denn nicht als Vorwurf auffassen, wenn du mir sagst, dass ich überempfindlich bin?“

„WANN hab ich das gesagt?“

„Gerade eben. Als du gesagt hast, ich fasse alles gleich als Angriff auf!“

„Das hab ich gar nicht gesagt“, beginnt meine Freundin. Sie will noch mehr sagen, doch stattdessen schreit sie auf und läuft fluchend aus dem Bad. Ich habe beschlossen, sie doch mit der Brause abzuschießen.

„Siehst du?“, ruf ich ihr nach. „Manchmal bist du auch ganz schön empfindlich!“

Daran, dass ihre Zimmertür geschlossen ist, als ich aus der Dusche komme, merke ich, dass sie keine Lust hat, das Gespräch fortzusetzen. Ich höre das Gurgeln der E-Zigarette von der anderen Seite, daher weiß ich, dass sie wahrscheinlich in ihrem Sessel hockt und nicht arbeitet. Eigentlich hätte es aber keinen Unterschied gemacht. Ich wäre so oder so reingekommen.

Ich rechne mir aus, dass es geschickter ist, das Gespräch mit etwas Unverbindlichem zu beginnen.

„Hallo“, sage ich.

„Hallo“, erwidert sie ohne Elan.

„Du hast die Badezimmertür offen gelassen.“

Ihr Kopf klappt zurück. Sie starrt an die Decke.

„Du bist nicht ernsthaft hier, um mir Vorwürfe zu machen.“

„Nein. Ich sage nur, dass es zieht, wenn man unter der Dusche steht und einer die Tür offen stehen lässt. Außerdem hätte David reinkommen können.“

David ist unser männlicher Mitbewohner.

„Du bist vorher NACKT durch die Wohnung gelaufen.“

„Ja, aber das war meine Entscheidung.“

„Du hast mich aus der Dusche angegriffen!“

„Weil du mich als überempfindlich dargestellt hast. Ehrlich gesagt glaube ich, du überträgst da etwas von dir selbst auf mich. Oder wer von uns beiden ist jetzt beleidigt?“

„Okay – raus!“

„Du hast mir immer noch nicht auf meine Frage geantwortet.“

„Wenn du die Antwort nicht sehen kannst, dann weiß ich auch nicht. Wenn du glaubst, du bist nicht exzentrisch, kann ich dich auch nicht vom Gegenteil überzeugen.“

„Wer sagt denn, dass ich glaube, dass ich nicht exzentrisch bin?“

„Glaubst du es?“

„Total.“

Meine beste Freundin schweigt so tief, als wäre gerade etwas in ihr gestorben.

„Deshalb fällt es mir ja auch so schwer, eure komischen Schrullen zu ertragen.“

Meine beste Freundin reagiert nicht mehr.

„Ich habe ja nur gefragt, was DU glaubst. Aber da es offensichtlich nicht möglich ist, ein erwachsenes Gespräch mit dir zu führen, sei von mir aus beleidigt.“

Ich werfe die Tür schwungvoller als nötig zu und warte in meinem Zimmer. Irgendwann kommt sie schon. 55810961_2331821310171714_8978905019512258560_n

Über das Schlussmachen mit den Eltern

Ich habe mich vor kurzem von meinem Freund getrennt. Das war sehr hart für mich. Denn ich mochte seine Eltern sehr gern.
Ich mochte auch ihn sehr gern, das sollte Grundvoraussetzung in einer Beziehung sein. Aber zu dem Zeitpunkt, an dem man über Trennung nachdenkt, läuft in der
Beziehung ja bereits etwas verkehrt.
Die Beziehung zu seinen Eltern war perfekt. Und es ist schon ein befremdliches Gefühl, man fühlt sich schon etwas verwerflich, wenn eines der ersten Dinge, die einem einfallen, wenn man den Schritt zur Trennung erwägt ist: Aber die Eltern…

Vielleicht war die Distanz zwischen mir und meinem Ex-Freund auch schon zu groß. Ich hab mich eigentlich noch in der Beziehung allein gefühlt. Das Schlussmachen war trotzdem hart. Wegen der Eltern…
Nein, nicht nur wegen der Eltern, natürlich nicht nur wegen der Eltern. Wir waren immerhin viereinhalb Jahre zusammen – das ist viel Zeit, sich an die Eltern des anderen zu gewöhnen.
Ich habe mich letztendlich schon ein bisschen gefühlt, als würde ich eigentlich mit seinen Eltern Schluss machen. Sie waren immer interessiert, kamen mit Geschenken, haben mit mir getrunken, wenn er nur auf der Couch saß – und sie hatten so weit vorausgedacht. Sie wollten sogar eine Wohnung in Berlin für ihren Sohn und mich kaufen. Das war wahrscheinlich ein bisschen naiv, weil ich nicht glaube, dass sie sich mit den aktuellen Immobilienpreisen in Berlin befasst haben, aber der Gedanke zählt.
Fakt ist, ich habe mich selten so geborgen gefühlt wie bei seinen Eltern. Deshalb glaube ich auch, dass ich nie wieder eine Beziehung führen kann.

Neulich hab ich einen Typen kennen gelernt. Er war sehr süß und, glaube ich, anfangs auch sehr interessiert. Irgendwann hat er mich ziemlich schräg angesehen.
Ich hab ihn konfrontiert: „Stelle ich dir zu viele Fragen?“
„Warum fragst du mich ständig, ob meine Mutter Pilates macht?!“
In der Situation muss man sich erst mal einen Satz einfallen lassen, der das alles möglichst kurz und zutreffend erklärt. Mir ist keiner eingefallen. Mir fällt in solchen Situationen nie etwas ein. Ich hab dann gesagt „Tschüss“ und bin weggegangen.
Im Nachhinein vielleicht auch nicht die beste Reaktion, aber ich war immer schon schnell überfordert. Die Eltern meines Ex-Freundes hatten dafür Verständnis.

Nach längerer Zeit plötzlich wieder Single zu sein, IST auch überfordernd, auch ganz elternunabhängig. Manchmal gerät man plötzlich in Situationen, mit denen man sich vorher gar nicht mehr auseinandergesetzt hat, man war ja vergeben, das kann in bestimmten Lagen auch eine Art Sicherheitsnetz für das eigene Empfinden sein. Plötzlich fällt einem wieder auf, wie unendlich schlecht die Avancen der meisten Leute sind.
Neulich, als ich mit meiner besten Freundin tanzen war, waren wir ziemlich bald mehrerer solcher Avancen ausgesetzt. Irgendwann überkam mich dann dieses Tief, das oft nach einem Hoch eintritt, zum Beispiel, wenn man zu viel Sekt getrunken hat, und ich bin heulend von der Tanzfläche gelaufen.
Die waren einfach alle so unglaublich schlecht erzogen.

Was macht man in so einer Situation? Wenn man Liebeskummer nach den Eltern hat. Da klappen nicht mal die üblichen Sprüche. Genug Fische im Teich. Das lässt sich auf Eltern irgendwie nicht anwenden. Auch der Topf-und-Deckel-Spruch lässt Eltern total außen vor. So als wären in einer Beziehung immer nur zwei Menschen betroffen. Als wären die Eltern total egal!
Andererseits – ist das überhaupt fair? Wenn jemand mich nach meinen Eltern bewerten würde, ich will gar nicht darüber nachdenken, mit was für einem Menschen ich dann letzten Endes zusammenkäme! Deshalb sage ich vorsichtshalber immer einfach, dass meine ganze Familie schon tot ist.
Ich hab länger überlegt, ob ich den Eltern meines Ex-Freundes schreiben soll. Ihnen erklären soll, dass es nicht an ihnen liegt. Und auch nicht an ihrem Sohn, obwohl das eigentlich nicht stimmt, aber ich will ja, dass sie mich noch mögen. Aber wo sollte das hinführen? Zu heimlichen Treffen? Wenn Schluss ist, ist Schluss. Man muss abschließen. Das Leben geht weiter.
Die Eltern des Verlobten meiner besten Freundin haben ihr und mir zu Weihnachten ein ziemlich großzügiges Geschenk gemacht. Die brauchen natürlich nicht denken, dass ich mich so leicht gewinnen lasse! Aber für etwas Platonisches bin ich durchaus offen.
Und auch wenn ich jetzt denke, dass ich nie wieder lieben können werde.
Irgendwann wird mein Herz wieder frei sein.
Andere Söhne haben auch schöne Eltern.

Küchentür

Ich habe einen Mitbewohner, der immer und überall die Türen offen lässt. Manchmal, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, erschrecke ich, weil ich denke, dass Einbrecher im Haus waren.

Die Küchentür steht offen, der fette Kater sitzt mitten im Schlachtfeld auf der Fensterbank und frisst das Basilikum, alle Schranktüren gähnen, der Kühlschrank ist auf.

„Jetzt haben sie mich erwischt“, schießt es mir durch den Kopf.

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Plötzlich erklingt Lärm von nebenan, was mich sofort beruhigt, denn es ist zwar nicht ausgeschlossen, aber ziemlich unwahrscheinlich, dass die Einbrecher in meinem Zimmer sitzen und Gitarre spielen. Außer die Musik hilft ihnen darüber hinweg, dass es bei mir nichts, wirklich nichts zu holen gibt.

Die Tür zu meinem Zimmer steht ebenfalls offen. Darin sitzt besagter Mitbewohner auf meinem Bett und singt.

„Hallo, Schatz“, begrüßt er mich.
„Hallo, Schatz. Du hast schon wieder alle Türen in der Küche aufgelassen.“

Ich bemühe mich, den Worten schon wieder die richtige Betonung zu geben, ein kurzer Vorschlag von leichter Ermüdung mit Empörung als Hauptnote, humorvoller Nebennote und einem nachhallenden Triller von Unruhe, während hinter mir der Kater im Flur steht und kotzt.
„Oh Mist. Entschuldige.“ Mein Freund steigt elegant über den Kater und die Kotze hinweg, schließt die Küchentür und wirft sich zurück aufs Bett.
„Du hast nur die Küchentür zugemacht. Alle Türen in der Küche sind noch -…“
Der Rest meines Satzes geht in Gitarrenmusik unter.

Das eigentlich Faszinierende ist, dass mein Freund damit das typischste menschliche Verhalten in einem kurzen Sinnbild zusammenfasst.
Als ich sehe, wie er einfach die Küchentür zumacht und alles, was dahinter ist, ignoriert, denke ich mir: „Das kann doch gar nicht sein.“
Auf den zweiten Blick geht mir auf, dass fast jeder es ständig so macht.

Wann immer uns jemand seine Sorgen erzählt und wir ihm antworten „Du schaffst das schon“, machen wir die Küchentür zu. Wenn irgendwo etwas Schlimmes passiert und unsere einzige Solidarisierung darin besteht, unserem Profilbild auf Facebook einen neuen Rahmen zu geben, machen wir die Tür zu. Wenn wir uns einem Veggie gegenüber rechtfertigen mit: „Also ich esse nur ganz selten Fleisch und achte auch total darauf, wo es herkommt“, schließen wir die Küchentür, im Hintergrund ein offener Kühlschrank, der UNGLAUBLICHE Mengen an Energie verheizt und ein kotzender Kater, auch wenn ich nicht genau weiß, wofür der in diesem Sinnbild stehen soll. Wir machen die Tür zu, wenn wir einem Obdachlosen ein bisschen Geld geben und denken „Damit ist meine gute Tat für heute getan“. Wenn wir uns nicht mit unseren Mitmenschen aussprechen, weil wir uns für unsere Gefühle schämen. Wenn wir sagen ab nächster Woche fang ich an zu lernen, trink ich weniger, mach ich mehr Sport, hör ich auf zu rauchen, werde ich zuverlässiger, achte ich besser aufs Geld, besuch ich meine Familie regelmäßig, suche ich mir einen Job, der mich nicht kaputt macht, behandle ich meine Mitmenschen besser, gehe ich zum Psychologen, lerne ich, mich selbst zu lieben.

Es ist erschreckend, wie gut das funktioniert. Wenn wir die Küchentür zuhauen, vor anderer Leute Gesicht oder vor uns selbst, können wir ganz unbesorgt unseren Angewohnheiten nachgehen, uns aufs Bett schmeißen und Gitarre spielen. Bis irgendwann einer unserer Mitbewohner Hunger bekommt, die Küchentür öffnet und sich denkt: „What the fuck?!“

Oder bis die Jahresabrechnung kommt und wir die Stromnachzahlung sehen.

Wenn ihr jetzt eine Moral erwartet: Es kommt keine. Ich mache an dieser Stelle die Tür zu. Räumt euren Scheiß gefälligst alleine auf.