„Würdest du sagen, ich bin exzentrisch?“

Manchmal, wenn mir eine Frage oder ein bestimmter Gedanke einfällt, unterbreche ich alles, was ich gerade tue, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Meine beste Freundin schaut von ihrem Kalender auf. Sie überlegt einen Moment.

„Naja. Du läufst gerade nackt durch die Wohnung mit einer Unterhose auf dem Kopf.“

„Das ist was anderes! Ich geh gleich duschen. Ich vergesse sonst, wo ich sie hin getan habe.“

„Na dann…nein. Wahrscheinlich nicht.“

„Nicht? Findest du nicht? Findest du nicht, dass ich exzentrisch bin?“

Meine beste Freundin war schon wieder in ihren Kalender eingetaucht. Sie schaut noch mal hoch.

„Findest du nicht, dass ich exzentrisch bin?“

„Vielleicht ein bisschen.“

„Achja? Warum?!“

„Wie kommst du überhaupt darauf?“

„Du bist viel exzentrischer mit deinem Kalender, in den du in Japanisch schreibst!“

Meine beste Freundin hat Japanologie studiert. Um die Sprache nicht komplett zu verlernen, schreibt sie ihre Termine in Kanji-Schriftzeichen. Auf die Weise bekommt sie viel Übung, weil sie ihr ganzes Leben durchterminiert.

Dank mir kann sie sich an die meisten Termine nicht halten.

Viel von dem, was sie sich vornimmt, kommt mir langweilig vor. Ich lege ihr deshalb öfter Alternativen nahe. Netflix anstatt Aufräumen, Ausgehen anstatt Ausschlafen, Karaoke im Wohnzimmer anstatt Arbeiten. Sie ziert sich meistens zuerst ein bisschen. Aber spätestens, wenn ich beleidigt bin, sieht sie ein, dass sie viel mehr Lust auf meine Vorschläge hat als auf ihre eigentlichen Pläne.

„Wie kommst du überhaupt darauf?“

„Worauf?“

„Exzentrisch.“

„DU hast doch gesagt, ich bin exzentrisch!“

„DU hast mich gefragt!“

„Ja, aber DU hast es gesagt.“

„Kannst du – dir bitte was anziehen? Ich kann nicht mit dir diskutieren, wenn du so aussiehst.“

„…….Wir kommen alle nackt auf die Welt.“

„Aber nicht nackt mit Unterhose auf dem Kopf.“

Mit revolutionärer Bewegung reiße ich mir den Slip aus den Haaren und schaue sie dabei herausfordernd an.

„Meine Mutter hat gesagt, dass eine WG nichts für mich ist“, erkläre ich. „Wegen der Eigenheiten meiner Mitbewohner. Sie hat gesagt, ich hab selbst zu viele.“

„Wann hat sie das gesagt?“

„Na damals! Als wir zusammengezogen sind.“

„Da warst du 18.“

„Ja.“

„Jetzt bist du 32.“

„Es ist mir eben gerade eingefallen. Manchmal, wenn mir eine Frage oder ein bestimmter Gedanke einfällt -…“

„Ich weiß.“

„Also stimmt das? Hatte sie Recht?“

„Ich habe das Gefühl, mich, egal was ich sage, in eine verfängliche Lage zu bringen.“

„Sag einfach die Wahrheit. Ich kann mit der Wahrheit umgehen.“

Meine beste Freundin schweigt eisern.

„Ich kann mit der Wahrheit umgehen“, sage ich.

Sie klappt ihren Kalender zu.

„Dein großer Zeh steht immer ab.“

Ich blicke an mir herab. Sie hat Recht. Ich spreize meinen großen Zeh meistens ab. Ich kaufe meine Schuhe sogar extra eine Nummer größer, um mir diesen Komfort auch unterwegs leisten zu können.

„Das zählt nicht als Schrulle.“ Ich schüttele den Kopf und ziehe mir, da ich doch nicht gleich zum Duschen komme, eine lange Strickjacke über.

„Das macht es jetzt nicht wirklich besser“, macht mich meine beste Freundin aufmerksam.

„Nee.“

„Hä, was?“

„Nee.“

„Wozu sagst DU jetzt Nee?“

„Das macht es nicht wirklich besser. Ich wollte ja duschen, aber du hast mich in eine Diskussion verwickelt.“

„DU hast MICH doch gefragt, ob du exzentrisch bist.“

„Und du konntest nicht einfach Ja oder Nein sagen.“

Meine beste Freundin nickt auf diese bestimmte Weise. Man nickt, aber alles an einem deutet auf Ablehnung hin.

„Gut. Ja. JA. Du bist exzentrisch. Geh duschen! Wir können später reden.“

„Du kannst mit ins Bad kommen, dann können wir gleich drüber reden.“

„Ich muss den Tag morgen planen.“

Mein Blick fällt auf meinen Feind, den Terminkalender. Ich hasse den Kalender. Ich hasse ihn mehr als ich meinen Mathe-Lehrer gehasst habe, den ich nur gehasst habe, weil ich schlecht in Mathe war und meine Gefühle auf ihn übertragen hab. Ich hasse ihn auch mehr als meinen großen Zeh, wegen dem mir alle Schuhe zu groß sind und alle meine Socken Löcher haben.

„Dir muss doch klar sein, dass ich drüber reden will, wenn du mir einen Vorwurf machst. Dass mir das wichtig ist. Block das doch nicht einfach ab!“

„Was für einen Vorwurf denn?!“ Meine beste Freundin glotzt mich entgeistert an.

„Dass ich exzentrisch bin!“

„Das war doch kein – geh duschen!“

„Ich will darüber jetzt reden!“

Meine beste Freundin merkt, dass sie mich doch begleiten will. Sie folgt mir ins Bad und wir schreien uns über das laufende Wasser hinweg durch den Duschvorhang an.

„Also warum bin ich exzentrisch?“

„Naja, du hast manchmal überzogene Vorstellungen.“

„Was?“

„Du hast manchmal überzogene Vorstellungen.“

„Ich hab Wasser im Ohr!“

„Vergiss es!“

„Inwiefern überzogen?!“

Ich höre aus dem Schweigen meiner besten Freundin heraus, wie sie das Gesicht verzieht.

„Du hast mich doch verstanden!“

„Inwiefern überzogen?“

Sie antwortet nicht gleich. Ich überlege mir, ob ich den Vorhang zur Seite ziehen und sie mit der Duschbrause abspritzen soll. Manchmal hab ich spontane Ideen, die mir in der ersten Sekunde gut vorkommen und in der nächsten nicht mehr so sehr.

„Du interpretierst Dinge manchmal anders.“

„Anders als wer?“

„Anders als sie gemeint sind.“

„Weil ich gesagt hab, dass du mir einen Vorwurf gemacht hast?“

„Zum Beispiel.“

„Wie soll ich das denn nicht als Vorwurf auffassen, wenn du mir sagst, dass ich überempfindlich bin?“

„WANN hab ich das gesagt?“

„Gerade eben. Als du gesagt hast, ich fasse alles gleich als Angriff auf!“

„Das hab ich gar nicht gesagt“, beginnt meine Freundin. Sie will noch mehr sagen, doch stattdessen schreit sie auf und läuft fluchend aus dem Bad. Ich habe beschlossen, sie doch mit der Brause abzuschießen.

„Siehst du?“, ruf ich ihr nach. „Manchmal bist du auch ganz schön empfindlich!“

Daran, dass ihre Zimmertür geschlossen ist, als ich aus der Dusche komme, merke ich, dass sie keine Lust hat, das Gespräch fortzusetzen. Ich höre das Gurgeln der E-Zigarette von der anderen Seite, daher weiß ich, dass sie wahrscheinlich in ihrem Sessel hockt und nicht arbeitet. Eigentlich hätte es aber keinen Unterschied gemacht. Ich wäre so oder so reingekommen.

Ich rechne mir aus, dass es geschickter ist, das Gespräch mit etwas Unverbindlichem zu beginnen.

„Hallo“, sage ich.

„Hallo“, erwidert sie ohne Elan.

„Du hast die Badezimmertür offen gelassen.“

Ihr Kopf klappt zurück. Sie starrt an die Decke.

„Du bist nicht ernsthaft hier, um mir Vorwürfe zu machen.“

„Nein. Ich sage nur, dass es zieht, wenn man unter der Dusche steht und einer die Tür offen stehen lässt. Außerdem hätte David reinkommen können.“

David ist unser männlicher Mitbewohner.

„Du bist vorher NACKT durch die Wohnung gelaufen.“

„Ja, aber das war meine Entscheidung.“

„Du hast mich aus der Dusche angegriffen!“

„Weil du mich als überempfindlich dargestellt hast. Ehrlich gesagt glaube ich, du überträgst da etwas von dir selbst auf mich. Oder wer von uns beiden ist jetzt beleidigt?“

„Okay – raus!“

„Du hast mir immer noch nicht auf meine Frage geantwortet.“

„Wenn du die Antwort nicht sehen kannst, dann weiß ich auch nicht. Wenn du glaubst, du bist nicht exzentrisch, kann ich dich auch nicht vom Gegenteil überzeugen.“

„Wer sagt denn, dass ich glaube, dass ich nicht exzentrisch bin?“

„Glaubst du es?“

„Total.“

Meine beste Freundin schweigt so tief, als wäre gerade etwas in ihr gestorben.

„Deshalb fällt es mir ja auch so schwer, eure komischen Schrullen zu ertragen.“

Meine beste Freundin reagiert nicht mehr.

„Ich habe ja nur gefragt, was DU glaubst. Aber da es offensichtlich nicht möglich ist, ein erwachsenes Gespräch mit dir zu führen, sei von mir aus beleidigt.“

Ich werfe die Tür schwungvoller als nötig zu und warte in meinem Zimmer. Irgendwann kommt sie schon. 55810961_2331821310171714_8978905019512258560_n

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