Weil der Herbst so schön war, verging kein Tag, an dem er nicht an Thomas Mann dachte. „Das Thema des Verfalls hat die Kunst schon immer inspiriert“, hatte einst ein Schriftstellerkollege zu ihm gesagt. „Die Faszination des Grotesken. Der Hauch von Schönheit, den wir ihm andichten. Für mich ähnelt es ein wenig der Bewunderung für Geistergeschichten.“

„Geistergeschichten?“

sonochnie

Sein Kollege hatte gelacht. Er lachte oft. Es hatte schon Spuren auf seinem Gesicht hinterlassen; tiefe Kerben einer Heiterkeit, die in den meisten Fällen unangebracht war. In Gedanken nannte er seinen Kollegen einen überschminkten Menschen. Er trug überall zu dick auf.

„Ist dir nie aufgefallen, dass über Friedhöfen ein Zauber liegt?“ Sein Kollege hatte sich die Brille verrückt, einzig zu dem Zweck, sie in der nächsten Bewegung wieder gerade zu richten und seiner Aussage Gewicht aufzuschminken. „All die Geschichten, die dort liegen. Du spürst ihre Überreste. Ähnlich ist es mit dem Herbst. Der Herbst ist die ideale Jahreszeit für uns. Die Geschichten offenbaren sich. Du musst nur eben hinsehen.“

Dieses Jahr explodierten Feuerwerke an den Bäumen und die Sonne schien hellgelb. „Altweibersommer“, pflichteten sich die Alten an den Marktständen noch im November bei. Er hielt seinen Apfel in der Hand wie Hamlet den Totenkopf und wusste nicht, was er schreiben sollte.

Thomas Mann hatte in einer seiner Geschichten gesagt, ein Schriftsteller sei ein Mensch, dem das Schreiben schwerer fiele als jedem anderen.

Ich muss schreiben“, sagte er am Montag zu seinem Spiegelbild, dass ihn müde anstarrte, sein Gesicht ein an die Oberfläche getragener Vorwurf.

Am Freitag hatte er noch nicht ein Wort zu Papier gebracht. Es mangelte ihm nicht an Ideen. Er hatte tausend Einfälle. Tausend Geschichten, zu denen er keinen Zugang fand. Es machte ihn fassungslos, dass gerade denen, die im Umgang mit Worten am besten waren, der Umgang mit Worten zu so einer Odyssee wurde, sobald ihr Talent zu einem Zwang verkam.

Weil es dir an Leichtigkeit fehlt“, behauptete seine Schwester, mit der er eigentlich nie über etwas sprach, weil er ihre Art nicht mochte, während des Redens die Oberlippe über die Zähne zu ziehen. Als sie noch ein Säugling gewesen war, hatte er sie einmal fast ertränkt. Mittlerweile kam er mit ihr aus, solange er nicht mit ihr sprechen musste.

Wenigstens erfinde ich keine Fakten und habe dabei einen schiefen Mund.“

Seine Schwester regte ihn auf. Er unterschied sich nicht von anderen Menschen, die keinen Sinn darin sahen, Gefühle gegen Tatsachen zu richten und ihre Wut deswegen auf die Menschen konzentrierten, die diese Tatsachen aussprachen.

Natürlich hast du einen schiefen Mund. Dein ganzes Gesicht ist schief.“

Er schlug seiner Schwester mit der Faust gegen die Schläfe und stürmte aus dem Haus. Draußen ärgerte er sich über sie. Es regnete und er hatte seinen Mantel vergessen. Zurückgehen würde er nicht! Lieber fror er!

Ich bin Schriftsteller, gemahnte er den hageren Mann im Spiegel. „Ich muss schreiben.“

Am Sonntag, er hatte noch nicht ein Wort geschrieben, ging er in den Frauentorgraben zu den Prostituierten. Er suchte sich die Hässlichste aus. In Gegenwart schöner Frauen fühlte er sich unwohl. Er mochte es, wenn sie mangelhaft waren, denn es räumte ihm mehr Freiheit ein, er selbst zu sein. Danach setzte er sich in sein Stammlokal und aß Sauerbraten. Wenn er einmal auf eine Prostituierte träfe, die aussah wie seine Schwester, dachte er, dann würde er ihr den Mund stopfen. Der Gedanke erhob ihn so sehr, dass er dem Mann am Nachbartisch ein Bier ausgab. Als der fremde Mann die Zeitung sinken ließ, die vorher seinen Kopf verdeckt hatte, und ihm überrascht zuprostete, bereute er seine Entscheidung. Der Mann am Nebentisch hatte seinen Hut in der Wirtschaft nicht abgenommen. Dazu trug er einen störenden breiten Schnauzbart.

Kurzzeitig überlegte er, ob er dem Kerl das Bier wieder abnehmen konnte, aber was sollte der Wirt denken? Aber was erlaubte sich dieser Zapfhahn überhaupt, ein Urteil über ihn zu fällen? Er bezahlte und ging, Trinkgeld gab er nicht.

Es hatte wieder zu regnen begonnen. Sein Mantel lag immer noch bei seiner Schwester. Er war gezwungen, einen ausgemusterten zu tragen; ein Glück nur, dass er ihn noch nicht weggegeben hatte.

Aus einem Schaufenster schaute er sich selbst entgegen. Wann hatte er begonnen, sein Haar zu verlieren? Er stellte fest, dass es ihm schwer fiel, sich selbst zu erkennen. Vielleicht war es das Schaufenster. Schaufenster waren keine Spiegel.

Er beschloss, seinen Schriftsteller-Kollegen zu besuchen.

Woran schreibst du?“, fragte der.

An einem Roman über die unmittelbare Gegenwart.“ Ihn ärgerte, dass ihm auf die Schnelle nur solcher Unfug eingefallen war. Er hatte heute Morgen noch Schopenhauer gelesen, das war ihm im Kopf stecken geblieben. Natürlich fragte sein Kollege.

Was ist an der Gegenwart nicht unmittelbar? Ist es nicht Sinn und Zweck der Gegenwart, unmittelbar zu sein?“

Vielleicht schweigst du besser. Du sollst nicht beurteilen, was du nicht gelesen hast.“

Dann lass es mich lesen.“

Er wusste, dass ihm sein Kollege nicht in den Kopf blicken konnte. Aber er war nicht so überschminkt wie sein Gegenüber; ihm konnte man eine Lüge vom Gesicht ablesen, wenn er nicht vorsichtig war.

Ich lasse dich beim nächsten Mal in ein Kapitel hineinschauen“, versprach er.

Er ging mit der Gewissheit nach Hause, seinen Schriftstellerkollegen lange nicht zu sehen, ging auch nicht direkt nach Hause, sondern machte einen Abstecher ins Theater. Wenn er auf dem roten Sitzpolster zwischen fremden Menschen saß und in völliger Anonymität die Leidensgeschichte erfundener Figuren verfolgte, war er am glücklichsten. Nur das Wesentliche wurde gesagt. Füllwörter und Phrasen waren aufgehoben, Nebensächlichkeiten aus dem Saal gedrängt. Die Darsteller bewegten sich mit klarer Aussprache und zielgerichteten Gesten auf die Katastrophe zu. Manchmal entwickelte ein Stück Längen, in diesem Fall ging er dazu über, die Zuschauer zu beobachten. Wenn er daran dachte, wie aussagelos sie sich im Vergleich unterhielten, wie hässlich kunstlos sie redeten, wie aufgebläht ihre Sätze vor faulen Silben waren, wurde ihm speiübel. Einmal hatte es eine Frau neben ihm nicht lassen können, immer wieder ihrem Mann zuzutuscheln. Beim Aufstehen war er ihr fest auf den Fuß getreten, und obwohl er es wie ein Versehen aussehen lassen hatte, erinnerte er sich mit Stolz daran, dass er sich nicht entschuldigt hatte.

Heute gefiel ihm das Stück nicht. Eine der Schauspielerinnen sah aus wie seine Schwester. Sie bewegte auf die gleiche unangebrachte Weise den Mund. Er ging unzufrieden ins Bett und onanierte zum Gedanken an die Schauspielerin, deren Kopf er in seiner Vorstellung in eine Wanne drückte, dabei machte er sich über ihr Hinterteil her.

Montag Nachmittag rief sein Schriftstellerkollege an, um zu fragen, wann er mit dem Kapitel rechnen konnte.

Ich muss es noch beenden.“

Was war dieser überschminkte Mensch bloß so aufdringlich? Ihn überkam ein Ekel über die Menschheit, über den er nicht hätte schreiben können, weil es keine Worte gab, die mächtig genug waren.

Am Mittwoch hatte er immer noch nicht zu schreiben begonnen. Beim Bäcker holte er Kuchen und öffnete um drei Uhr Nachmittags seiner Verwandtschaft die Tür. Seine Schwester ließ sich nicht zu seinem Geburtstag blicken, was ihn ärgerte, weil sie immer noch seinen Mantel hatte. Keiner seiner Verwandten tat ihm den Gefallen, am Kuchen zu ersticken. Sie waren widerliches Gewürm, nur seinen Onkel, der bei der Stadt arbeitete und ein ordentliches Leben führte, mochte er. Als er noch ein Kind gewesen war, hatte er oft beobachtet, wie sein Onkel mit dem Stock nach den Hacken seiner Tante geschlagen hatte. Seine Mutter schenkte ihm ein Buch. Sie schenkte ihm immer Bücher, die sie fürsorglich auswählte. Es kam ihr naheliegend vor, aber er verachtete sie für dieses bedenkenlose Verhalten. Von seinem Vater bekam er Schnaps, von dem er abends zu viel trank. Im Rausch wischte er sich lachend mit den Seiten des Buchs seiner Mutter den Hintern ab.

Ich komme morgen vorbei“, gab sein Kollege am Donnerstag Bescheid. „Wir werden sehen, ob du etwas zu lesen für mich hast.“

Also musste er den Tag am Schreibtisch verbringen. Er schrieb mit der Hand und würgte die Worte vom Stift auf die Seiten. Es war Erbrochenes. Doch sein Schriftstellerkollege schob am nächsten Tag die Brille hin und her und sagte:

Da hast du es. Der Herbst versetzt uns alle in die Stimmung, etwas Bedeutungsvolles zu verfassen.“

Ende des Jahres reichte er ein aufgedunsenes Werk ein, hinter dem er nicht stand. Es machte ihn berühmt und wichtig. Man sprach über ihn und listete seinen Namen in Kanons auf, zitierte seine Sätze und orientierte sich an Aussagen, die er nur gemacht hatte, um vor seinem Kollegen, über den er schlecht dachte, nicht wie ein Schaumschläger dazustehen. Ironisch, dass es gerade Schaum und Spucke waren, mit denen er Literaturpreise und Auszeichnungen gewann.

Am Tag seiner Beerdigung gab es eine große Zeremonie. Schwarz verkleidete Menschen hielten überschminkte Reden, quetschten sich auf Sitzbänken zusammen und unterhielten sich in Füllwörtern.

Es ist schon seltsam“, sagte seine Schwester zu seinem alten Schriftstellerkollegen, der es nie zu Erfolg gebracht hatte. „Er war doch ein ekelhafter Mensch.“

Das ist egal“, sagte der Schriftsteller. „Von all deinen Taten zählen am Ende nur die wenigsten. Oft nur eine einzige.“

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