Zwei Männelesend 3r saßen auf einer Holzbank und rauchten. Es war dunkel und sie waren allein, niemand sah sie, und so ist es unerheblich, zu erwähnen, wie sie aussahen, es sei aber gesagt, dass einer von beiden bessere Kleider trug als der andere, der Dunkelhaarige, der gleichzeitig leidenschaftlicher an seiner Zigarette zog. Er rauchte wie einer, der dem Leben etwas beweisen musste, während der andere, ein blonder Mann, nur ab und an einen Zug nahm und absolut niemandem einen Beweis schuldig war.

„Heute Nacht sieht man alle Sterne“, sagte der Dunkelhaarige.

Der blonde Mann sah nicht zum Himmel. Das waren vielleicht 3000. 3000 von Aberhundertmilliarden von Sternen. Kein Mensch hatte je alle gesehen.

„Eine klare Nacht“, sagte er. „Deshalb ist es so kalt.“

„Deshalb sehen wir unseren Atem.“

Der blonde Mann schwieg.

„Kälte ist der ehrlichste Zustand“, sagte der Dunkelhaarige. „Er wird sichtbar.“

„Wer?“

„Der Dampf. Der Dampf, den die Menschen von sich geben.“

„Das Wasser kondensiert in der Umgebungsluft“, sagte der Blonde.

Der Dunkelhaarige lachte. Er lachte für ein abwesendes Publikum.

„Ihr Studierten!“, sagte er dampfend mit bebenden Nasenflügeln. „Ich konnte euch nie leiden.“

Der blonde Mann schwieg.

Weiter weg und über seinem Kopf winkten Buchenäste vor dem Tor wie Besucher, die eingelassen werden wollten. Ein Hund kläffte.

„Ich glaube, meine Frau betrügt mich“, sagte der Dunkelhaarige. Er war besser gekleidet, er sah trotzdem verfallener aus. Er hatte eifersüchtige Augen und magere Wangen. Ein Teil seines Gesichtes schien schon lange verhungert und die ganze Zeit verzog er seinen Mund so, als wolle er sich selbst verzehren.

„Wie kommst du darauf?“

„Sie hat sich verändert.“

Der blonde Mann lächelte gelblich. Seine Augen waren wie stillgelegte Bergwerke, tief, aber es ging darin nicht mehr viel vor sich.

„Wir alle haben uns verändert.“

„Wir alle haben uns verändert.“ Der Dunkelhaarige wiederholte den Satz. Er spuckte seinen faden Nachgeschmack aus. „Binsenweisheiten. Für Binsenweisheiten vergeude ich nicht meinen Tabak an dich. Ich riskiere hier etwas für dich. Widme dir Zeit.“

Der blonde Mann schwieg. Er schmeckte den Tabak auf seinem Gebiss.

„Ich riskiere hier etwas für dich“, wiederholte der Dunkelhaarige. Er war plötzlich verletzt, vielleicht von seinem Zeitgenossen, vielleicht vom Leben.

„Hast du Kinder?“, fragte der Blonde.

„Ach, mein Freund.“ Der Dunkelhaarige rauchte und atmete Dampf aus. „Ich habe drei Kinder. Drei Söhne.“

„Für die Kinder ist es am schlimmsten“, sagte der Blonde. „Für die Kinder sind die Eltern unantastbar. Sie sind sich unserer Fehlbarkeit nicht bewusst. Wenn wir uns selbst zerstören, oder gegenseitig, zerstören wir sie mit.“

„Kinder müssen eine Menge mitmachen.“ Der Dunkelhaarige schmatzte leise, Dampf stieg aus seinen Mundwinkeln. Er linste hoch zu den 3000 Sternen.

„Für mich war es immer das Wichtigste“, sagte der Blonde, „mein Kind zu beschützen.“

„Die Kinder können sich ihre Eltern nicht aussuchen“, sagte der Dunkelhaarige zum Mond. Er stand heute bleich am Himmel, ein weißer Fleck auf einer schwarzen Tapete. „Wir wollen sie beschützen, aber meistens scheitern wir.“

„Wir müssen es bis zuletzt versuchen.“

„Es geht nicht um meine Söhne. Es geht um meine Frau.“

„Du kannst das nicht trennen. Du kannst Familie nicht trennen. Am Ende stellt sich nur die Frage – was wird aus der Familie?“

„Du denkst viel über deinen Sohn nach, oder?“

Der blonde Mann schwieg.

„Tut mir leid, das mit deinem Sohn.“

Der blonde Mann schwieg.

„Rauch“, sagte der Dunkelhaarige. „Das ist guter Tabak.“

„Fragst du dich nicht“, erwiderte der Blonde, die Zigarette war ihm egal, er war kein Raucher, „was aus deinen Kindern wird?“

Der Dunkelhaarige schnupfte kalte Luft.

„In meiner Situation ist es schwer, an andere zu denken. Ich erwarte nicht, dass du es verstehst. Wenn meine Frau mich betrügt, wenn ich sie verliere, ist mein Leben vorbei. Dann ist alles vorbei.“

„Das Leben deiner Söhne wird nicht vorbei sein. Sie haben ihr Leben noch vor sich. So wie mein Sohn.“

Der dunkelhaarige Mann schwieg. Durch die Buchenzweige blies Wind. Die Blätter raschelten wie Schellenkränze.

„Lass mich dir einen Rat geben.“ Schließlich zerquetschte er den Zigarettenstumpen unter seinem Stiefel. Er seufzte tief aus dem Rachen, was eine Menge Dampf ausstieß, als er dem Blonden auf den Rücken schlug, wie es sich unter alten Freunden gehörte. „Ich habe das mit meiner Frau lange nicht wahrhaben wollen. Habe mir eingeredet, dass sie zu Hause sitzt, während ich fort bin. Dass ihre Kleider nicht nach fremden Männern riechen. Dass sie immer noch dieselbe ist. Manchmal muss man loslassen. Der Wahrheit ins Gesicht sehen.“

Sein Gesicht war das einzige, in das der andere blicken konnte, so nah war er ihm.

„Ich glaube nicht“, sagte der blonde Mann kalt, „dass sich unsere Situationen vergleichen lassen.“

„Deine Frau ist dir treu.“

„Deine Söhne sind gesund und frei. Und du denkst nicht an sie.“

„Weil es um sie nicht geht.“

„Es geht immer um sie. Sie sehen zu dir auf. Das heißt, sie sehen alles mit an! Vom Augenblick ihrer Geburt an geht es um sie. Und darum, sie vor unseren Fehlern zu bewahren, und vor unserem Schicksal.“

Der dunkelhaarige Mann stand auf. Als ihm klar wurde, dass dieses Gespräch keinen Trost für ihn bereit hielt, ärgerte er sich über seinen Annäherungsversuch.

„Ich wollte dir einen Gefallen tun.“ Er schnippte die Zigarette aus der Hand des Blonden, der es teilnahmslos geschehen ließ. „Ich teile mit dir. Aber du gibst mir nichts dafür zurück. Nicht fünf Minuten deiner Aufmerksamkeit.“

„Was willst du von mir hören? Ich habe dir ehrlich geantwortet. Du willst mir einen Gefallen tun? Du weißt, was du tun musst.“

Der Dunkelhaarige lachte zornig. In der nächsten Sekunde versteinerte sein Gesicht nachdenklich.

„Du hast Recht“, sagte er.

Zum ersten Mal rührte sich etwas Schwerwiegendes in der Miene des Blonden. Er sah auf. In seinen Augen leuchtete etwas Neues. “Wirklich?“

„Ja ja!“ Der Dunkelhaarige winkte widerstrebend ab. „Ich war nicht immer ein guter Mensch. Ich weiß, dass es zu einem Teil meine Schuld ist – die Sache mit meiner Frau. Sie hat immer gesagt: Zeig Herz! Oder hast du keins?“

Der Dunkelhaarige durchbohrte den Blonden mit stromgepeitschtem Blick, einem Blick, der inständig nach Anteilnahme und Vergebung suchte, doch der blonde Mann war mit den Gedanken woanders.

„Also muss ich Herz zeigen, schätze ich. Vielleicht hat ihr das gefehlt.“

„Ja. Zeig Herz. Zeig Herz. Sie wird es merken!“

„Und dann wird schon alles gut. Du hast Recht, mein Freund. Ich kann nicht einfach alles aufgeben. Ich muss an meine Familie denken. Und vielleicht, wer weiß, hab ich mich wirklich geirrt.“ Der Dunkelhaarige lachte erleichtert. Dampf stieg auf.

Einen Moment schwieg der blonde Mann tiefer als je zuvor. Er saß dort mit dickem Hals, als habe der andere ihm einen Brocken hingeworfen, den er noch zu schlucken hatte.

„Sei ein guter Mensch.“ Schließlich fand er seine Stimme. „Dann wird alles gut werden.“

„Alles wird gut werden…das war ein überraschend gutes Gespräch. Du hast Recht. Es wird gut werden. Steh auf, wir gehen.“

Der Mond tünchte die Holz- und Steinhäuser in friedliches Silberlicht. Irgendwo zerschnitt das Bellen eines Hundes Kinderweinen. Als die beiden Männer in Richtung der Baracken verschwanden, winkten die Buchenzweige ihnen zum Abschied.

Am nächsten Morgen gingen beide denselben Weg zurück.

Es war jetzt hell und die Sonne buk das Lager wie ein Brot, das vom Herren im Ofen vergessen worden war. Der Dunkelhaarige führte den Blonden. Beide waren blass wie Leichen. Sie waren diesmal nicht allein. Da waren andere in Uniformen und andere in schäbiger Kleidung. Im Bauch des Nachbargebäudes weinten Kinder. Eine Frau erhob sich aus einem Schutthaufen. Sie versuchte, zu ihrem Mann zu kommen, aber das Gebell der Wachhunde trieb sie zurück. Die Menschen, die hier gingen, hatten keine klaren Inhalte mehr im Gesicht. Der blonde Mann starrte auf den Hinterkopf seines Sohnes, der gebückt vor ihm ging, dessen Füße aufgeplatzt und voller Schorf waren. Das Pflaster unter ihren Sohlen war heiß wie eine Schmorschale.

Die Männer mit Waffen, zu denen der Dunkelhaarige gehörte, stellten die Männer in Lumpen, zu denen der Blonde gehörte, in zwei Reihen auf. Zwanzig Mann in zwei Reihen gepresst, die Hälfte davon halbe Knaben. Der blonde Mann stand am Rand, sein Sohn gegenüber. Der Junge weinte. Er versuchte, es zu verstecken, aber sein Kiefer klapperte wie Gebeine. Sein Vater hatte den stumpfsinnigen Zug Verratener um den Mund, die von ihrer eigenen Hoffnung vorgeführt worden waren. Er zuckte nicht einmal mit den Wimpern, als der dunkelhaarige Mann ihn an der Schulter packte.

„Es wird gut werden“, versprach er. Er redete leise, aber in aller Deutlichkeit. „Ich denke an deinen Sohn.“

Der blonde Mann hob den Kopf. Noch einmal kehrte das Leben in seinen Blick zurück. Seine fleischlose Fratze suchte Antworten und Lösungen in der abgezehrten Fratze des anderen.

Die Männer in Uniformen legten an. Einer gab Kommando. Auf Ruf schossen sie den Knaben in den Kopf. Die ganze Reihe ging zu Boden wie Puppen.

„Dieser Junge muss das Schicksal seines Vaters nicht mitansehen“, sagte der Dunkelhaarige. Dann kam wieder Kommando. Den nächsten Schuss gab er ins Gesicht des blonden Mannes ab. In der Luft vermengte sich der Dampf aus seinem Mund mit dem der Pistole.

Entstanden für Vision und Wahn (06.06.2018, Thema „Gesichtswurst“)

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