Thomas Mann hat einmal etwas darüber geschrieben, dass ein Schriftsteller ein Mensch sei, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen.

Leopold Friedmann hatte diesem Satz nie etwas abgewinnen können. Er war Schriftsteller. Das Schreiben fiel ihm so leicht wie das Sprechen und das Sprechen fiel ihm so leicht wie das Atmen. Er hatte einen überbordenden Wortschatz, redete sich durch alle Facetten des Lebens und hatte sogar dann noch etwas zu sagen, wenn niemand ihm mehr zuhören konnte. Er liebte die großen Worte und die kleinen. Er machte sich nie lange Gedanken, bevor er sie ausgab, warf sie in die Welt wie Perlen vor die Säue, denn er wusste, egal, wie viele er aussprach, es gab immer mehr davon.

So wurde er der erste Mensch, der über die G_1030177renze kam. Vor Leopold Friedmann war nicht bekannt gewesen, dass es diese Grenze gab, den Punkt, an dem Worte endeten. Für die meisten Menschen war dieser Punkt der Tod. Leopold stand mitten im Leben. Er erwachte eines Tages und bemerkte, dass er seine Worte ausgegeben hatte. Er griff sich an die Kehle. Er durchrüttelte seinen Hals. Er trank einen Hektoliter Wasser. Er hatte seine Worte vergeudet. Im Glauben, immer genug davon zu haben, hatte er sie aus dem Fenster geschmissen und so manche bedeutungslose Floskel gleich mehrfach gesagt, manche unwichtige Geschichte unnötig aufgeblasen.

Kein Arzt konnte ihm helfen. Kein Mensch sein Problem verstehen. Wie auch, er konnte es ihnen nicht mehr erklären. In seinem Schweigen verkümmerte er, blieb allein. Er wurde zu einem Menschen mit grauem Gesicht und hängendem Mund, und weil ihm das Verständnis für Worte abhanden gekommen war, las er auch nicht mehr.

Er blieb nicht der Einzige. Nach und nach folgten andere, die ihre Gesamtzahl an Worten ausgegeben hatten. Was lag dahinter? Wie lautete die Diagnose?

Wie lange hätte Leopold noch sprechen können, hätte er unterschieden? Seine Worte abgewägt, nur die ausgesprochen, die Gehalt hatten.  Aber das hatte er nicht. Er hatte sie wie etwas Bedeutungsloses behandelt. Hätte er gewusst, dass Worte endlich waren, er hätte es doch ganz anders gemacht! Aber warum eigentlich hatte er das nicht von Anfang an?

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